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Der Figaro, die Gräfin, Susanna. Auf dem Bildschirm: der Dirigent.

Oper Stuttgart

„Die Hochzeit des Figaro“ in Stuttgart: Verschiedene Bettgeschichten

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„Le nozze di Figaro“ in einer erstaunlich lahmen Inszenierung in Stuttgart.

Da in Mozarts „Hochzeit des Figaro“ explizite Fragen mäßig verblümt angesprochen werden, lässt sich gegen eine Bettenabteilung im Warenhaus als Schauplatz wenig einwenden. Natascha von Steiger hat eine solche realistisch nachgebaut, wer schon einmal im Leben ein Bett kaufen musste, kennt sich direkt aus. Auf der Bühne kuscheln sich einige allerdings ganz schön rein. Oder haben schon einen Schlafanzug an. Später geraten die auf Podesten platzierten Verkaufs-Arrangements immer wieder in gleitende Bewegung und bilden nun zum Beispiel mit Rück- und Seitenwänden Schlafzimmerfluchten.

Die „Hochzeit des Figaro“ ist wirklich eine totale Bettgeschichte, aber sie ist auch sehr witzig und sehr politisch. Das Publikum sollte sich kaputtlachen, wenn erst Cherubino und dann auch der Graf im selben Zimmerchen ein Versteck benötigen – es sollte sich immer noch kaputtlachen, auch wenn der späte Dieter Dorn es bereits dermaßen komisch zeigte, wie es zugegebenermaßen nicht mehr steigerungsfähig ist. Zu Figaros Kavatine „Se vuol ballare Signor Contino“ sollte das Publikum hingegen auch kräftige revolutionäre Empfindungen entwickeln. Revolutionäre Empfindungen, die sich in der Wirklichkeit vermutlich und erfahrungsgemäß gegen jenes Publikum selbst richten würden. Darauf beruhte seit je ein Teil der Kraft und Herrlichkeit dieses nicht tot zu kriegenden Werkes.

Nicht tot zu kriegen, aber lahmen kann es schon. In der Bettenabteilung an der Staatsoper Stuttgart will Regisseurin Christiane Pohle nämlich woanders hin. Dass Mozarts Musik jeden Gag bereits enthält, auch die psychologischen Kompliziertheiten und die krasse Angriffslust, lässt sie weitgehend beiseite. Stattdessen begnügt sie sich zunächst mit einer konventionellen, also bescheidenen Komödie. Kuriose Einfälle wie der auf die TV-Bildschirme der Schlafzimmerchen gesendete Dirigent, bleiben unbegreiflich.

Nach der Pause versucht die Inszenierung dann anscheinend, uns klarzumachen, dass die Geschlechterzuordnungen im „Figaro“ auch nicht simpel sind (selbstverständlich sind sie das nicht). In der allgemeinen Irritation doppeln sich die Figuren mit Statisten. Barbarinas bezaubernde kleine Arie von der verlorenen Nadel, „Lho perduta ... me meschina“, bedeutet jetzt wer weiß was. Ganz allein steht die als rührender Garcon zurechtgemachte Claudia Muschio (Kostüme: Sara Kittelmann) dafür auf der leergeräumten Bühne, zudem bricht die Musik regelrecht ab.

Dafür schreibt nun Mozart ans Bäsle, aber auf dem Computer, und die Schrift erscheint in die Stille hinein nach und nach auf dem Vorhang, und der Brief ist echt lang. Einige Zuschauerinnen verlieren die Nerven und schimpfen rum. Andere wollten anscheinend Melodien pfeifen, machten das aber schlecht. Das ist ungemein peinlich, aber spannender als die Sache selbst: diese früh einsetzende, auch wieder blöde Aggression gegen jede Art von außerplanmäßigem Ereignis. Ach, wäre es doch bloß ein verteidigenswertes gewesen. Es ist aber tatsächlich die glückloseste Art von Unterbrechung: Eine folgenlose Wichtigtuerei, ein Deutungspomp, der sich lediglich theoretisch erschließt. Besser wäre es vielleicht zu sagen: Der nicht neugierig macht, denn gegenüber Verrätselungen sollte sich ein Publikum möglichst immer interessiert zeigen. Hier wird es einem schwer gemacht.

Auch der Musik wird es jedenfalls nicht gerade leichtgemacht, die losgelöst von der unverbindlichen Bebilderung ihren Weg suchen muss. Roland Kluttig dirigiert das Staatsorchester, eine kompakte Truppe mit überzeugendem Hammerklavier, die das Gegenteil von Unverbindlichkeit signalisiert: Wachheit bis ins Kesse, ein auch mal angerautes, schrammelndes Musizieren, das Tempo zwar manchmal verhalten, aber nicht oft auf Kosten der Spannung, aber manchmal doch. Der Titelheld, Michael Nagl, singt das Tänzchen-Lied zwar trefflich, aber auch rein musikalisch würde wohl keiner an dieser Stelle entflammt Richtung Rathaus oder Chefetage aufbrechen, um den Mächtigen die Meinung zu geigen.

Als Figur bleibt Figaro in Pohles Inszenierung ein sympathischer, bäriger Typ. Nagls dann doch gar nicht so liebes Lächeln kann Interesse wecken, aber es führt zu nichts. Der Graf, Johannes Kammler mit geschmeidigem Bariton, tritt im Pyjama und nachher mit Schießgewehr auf, schon eher als Rampensau in Szene gesetzt, aber gerade das Turbulente findet nicht die Geschwindigkeit, die Rasanz, die die Musik klar vorgibt.

Anzunehmen ist, dass gerade der Versuch, übliche Komödientypisierungen und Hierarchien zu vermeiden, so dramatisch ins Leere führt und auch die Frauen ohne Frage gegen die Absichten der Regie blass dastehen lässt: Sarah-Jane Brandon als stimmlich ins Dramatische gehende Gräfin und Esther Dierkes als golden singende Susanna, dazu Diana Hallers Cherubino mit wunderbarem Mezzo und ganz unverhohlen eine Frau mit kurzen Haaren.

Oper Stuttgart:6., 19., 21. Dezember, dann wieder im März. www.oper-stuttgart.de

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