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„Hip piece“ von Verena Billinger und Sebastian Schulz: Im Maschinenraum des Tanzes

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Von: Marcus Hladek

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Jetztzeit-Tanz mit dem „hip piece“. Foto: Florian Krauß
Jetztzeit-Tanz mit dem „hip piece“. Foto: Florian Krauß © Stefano Politi Markovina

„Hip piece“ von Verena Billinger und Sebastian Schulz feiert im Frankfurter Mousonturm die Körpermitte ohne Wenn und Aber.

Das Kalkül hinter „hip piece“ im Frankfurter Mousonturm folgt der Idee sozialer Choreografie, an der das Duo Verena Billinger und Sebastian Schulz hartnäckig festhält: Tanz als Lebenszeichen und Kommunikationsmittel der Gesellschaft. Was letztere ausbrütet oder was sie beschäftigt, sei es das Alltagsgeblubber in der City („Kummerkasten Menschenstadt“) oder Gewalt und Folter („Violent Event“ zur ersten Tanzplattform 2016): Billinger & Schulz sind dem tanznahen Ausdruck dessen hinterher.

So auch die Logik im neuen Tanzstück „hip piece“. Hier lautet die Frage, welche Art Tanz unter realen Menschen angesagt ist, da er mit Leidenschaft endlos vor- und nachgetanzt und variiert wird von jungen Leuten, die einfach loslegen und auf Ästhetiken oder Tanzgeschichte pfeifen.

Die verwirrende Vielfalt

Marktplätze wie TikTok zeigen eine verwirrende Vielfalt, aber noch mehr starke Grundströmungen. „Hip piece“ hebt in 60 Minuten eine davon heraus: Tanz als Aktivierung der Körpermitte, die scheinbar fern von Theoriediskursen (Gender- und Identitätspolitik, Sexploitation, kulturelle Enteignung) völlig ungescheut, neugierig und hemmungslos beim großen, hüftkreisenden, Po-schütternden „Shake your booty!“ landet. Kurz, „hip piece“ macht die Hüfte als Ort der Begierde zum privilegierten Maschinenraum des Tanzes.

Drei Tänzerinnen (Camilla Fiumara, Minju Kim, Kyoko Oku) und zwei Tänzer (Thomas Bauer, Davide Degano) von unterschiedlicher Tanzausbildung führen uns spielerisch und ausgelassen, dann nüchtern-analytisch ihre Zugänge zu Afro Dance und House, Bauchtanz und Dancehall, Hip-Hop-Stilen, Salsa und Twerking vor, wie sieben Coaches in der Kunst des Hüftschwungs sie ihnen vorher nahebrachten. Wer das Analytische liebt, dem gefällt die Kürze ihres ersten Dutzends Auftritte, erinnern die doch an die Lektüre der durchnummerierten Paragraphen eines Ludwig Wittgenstein. Wie die fünf von den Seitenlinien zunächst einzeln in die rosa Tanzflächen-Mitte vor der roten Stoffwand treten (Graphik: Florian Krauß), um auf der Stelle tretend elementare Kleinigkeiten vorzutanzen, weckt Erwartungen wie der Folterknecht beim Zeigen der Instrumente. Dem Shake your booty geht dabei das Show your booty voraus: Hintern raus, mit der Hüfte gelockt, Sich-Räkeln als minutiöse Techniken.

Anika Baums Kostüme, an den Seitenlinien bereitliegend und um Kopfmasken ergänzt, sind so überbetont individuell (und damit gleichförmig) wie TikTok: bauchfreie Tanktops, Shorts, kokett zerrissene Jeans, weiche Hosen, glänzendes Türkis und Rosa zu gedeckten Farben, Daypack, Handtäschchen, Perlenschnüre wie aus dem Rapper-Boudoir als Uniform der Einzigartigkeit. Auch das Herz mit den Fingern und zugeworfene Herzküsse sind TikTok-vertraute Jetztzeit.

Der ironische Standpunkt

Sobald Tänzer und Tänzerinnen zu mehreren auftreten, tun sie dies chorisch und parallel. Lang herrscht nur Stille, bis rhythmisch-harte Percussion in die 17. Szene dringt, fortlaufend ergänzt um so etwas wie Geigen. So viel amüsantes Pogewackel war nie zwischen brechtscher Kühle und Bonbon-Licht, wohin aber führt es? Zumindest wohl zu einem leicht ironischen Standpunkt über der Schlacht um den Tanz als Spiegel der Welt, die sehr öffentlich in Echtzeit tobt.

Mousonturm Frankfurt: 3. Dezember. www.mousonturm.de

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