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„Hiob“ in Wiesbaden: Melancholie und Vernichtung

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Von: Judith von Sternburg

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Mendel Singer und seine Familie.
Mendel Singer und seine Familie. © Karl und Monika Forster

Henriette Hörnigk inszeniert „Hiob“ in Wiesbaden

Erst im Mai hatte Johanna Wehners „Hiob“-Inszenierung am Schauspiel Frankfurt Premiere, jetzt folgt das Staatstheater Wiesbaden mit Henriette Hörnigks Lesart. Joseph Roths herber, ernster, quicklebendiger Roman will erzählt werden, auch viel gelesen wird er ja nach wie vor, geschrieben und sehr beliebt in der Sprache der gleichen Menschen, die die Welt, in der die Geschichte spielt, vernichtet haben. Roth konnte damit nicht rechnen, die Melancholie, mit der er 1930 auf das Ostjudentum blickte, aus dem er selbst stammte (aus Brody bei Lwiw, heute weiß wieder jeder, wo das liegt), war noch allgemeinerer Natur. Die Brüchigkeit der bestehenden Verhältnisse war ihm aber allzu bewusst.

Wie Wehner nähert sich Hörnigk dieser tragischen Geschichte, die den ganzen Umfang der Tragik noch nicht ermessen kann, lebhaft und zugewandt. Die Ähnlichkeit fängt schon bei dem Bühnenbild an, wie Volker Hintermeier in Frankfurt meidet in Wiesbaden Ausstatterin Claudia Charlotte Burchard eine zu sattsame Folklore. Zwischen kühlen verschiebbaren Wänden, gelegentlich mit geblümten Tapeten, ist Platz für rasche Szenenwechsel, alles bleibt leicht und traumhaft lose. Weniger rigoros als in Frankfurt, wo sich selbst die Zuordnung im Ensemble zu den Romanfiguren erst entwickelte, lässt auch Hörnigk den Text leichthändig durch die Reihe gleiten.

Hier gibt es aber einen eindeutigen Mittelpunkt: Uwe Kraus ist Mendel Singer, der Mann mit dem Hiob-Schicksal, ein großer, freundlicher, durchaus platzverdrängender Patriarch. Seine Frau Deborah, Anne Lebinsky, ist dünn daneben, unaufdringlich wird ein Eheunglück, mehr Ausgelaugtheit als Drama, sichtbar. Florence Schüssler, Lukas Schrenk und Christoph Kohlbacher sind die drei vor Leben, Sehnsucht und Zukunft strotzenden Kinder, Lina Habicht der Nachkömmling Menuchim, mit dem gesundheitlich etwas nicht stimmt. Habicht macht sich schlaff und schwer wie eine Riesenpuppe. Weitere Rollen werden flink mit übernommen.

Psychologisch ganz heutig

Die Geschichte schnurrt, als könnte sie, einmal in Gang gesetzt, nicht anders. Wer sie nicht kennt, wird erstaunt darüber sein, wie psychologisch heutig sie ist und wie sich beispielsweise nach der Pause in New York ein klassisches Schicksal von Ausgewanderten aufblättert – was für Deborah und die beiden Kinder, die ebenfalls hier sind, zunächst ein Aufbruch wird, bedeutet für den Vater Mendel vor allem einen Rückzug. Wer den Roman kennt, muss damit auskommen, dass alles verkürzt wirkt, das Unglück wie das Glück (die Bühnenfassung stammt von dem belgischen Dramaturgen Koen Tachelet).

Musik spielt – auch passend zu Menuchims späterem Beruf – eine wesentliche Rolle, fein gelöst durch einen winzigen Orchestergraben auf der Bühne, in dem Ako Karim, Jens Mackenthun und Harald Becher mit Klarinette, Gitarre und Kontrabass gerade so halbwegs verschwinden können. Sie spielen jiddische Folklore, auch zu Menuchims Freude, der in einer zarten Szene durch den Klang eines Löffels am Glas und einer Triangel den Zauber der Musik kennenlernt. Menuchims Lied ist am Ende dann Uwe Kraus’ Lied, der ein guter Sänger und Tänzer ist, und eigentlich ist es ohnehin der Gassenhauer „Tsen Brider“, dem man stundenlang zuhören könnte.

Staatstheater Wiesbaden: 5., 13., 16., 19., 21., 22., 26. Oktober. www.staatstheater-wiesbaden.de

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