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Performance-Kunst in der City Passage. Hier im Innenhof des Gebäudes.

Wiesbanden

Hinterland ist abgebrannt

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Eine pornöse Wiesbaden Biennale: Massenkonsum trifft auf Erotikkino, trifft auf Parallelgesellschaft.

„Bad News“ dürfte man es nennen, wenn an einer Stätte der Hochkultur, nämlich dem Hessischen Staatstheater Wiesbaden, plötzlich ein Rewe-Supermarkt stände: frische Brötchen, Tiefkühlpizza, Vitello tonnato – was das Herz begehrt. Mittags freuen sich darüber junge Mütter, später Partyvolk und feine Gesellschaft in Abendgarderobe, einige sind sich sicher: „das könnte immer so sein“ und ein junger Mann vor der Tür teilt per Handy mit: „Wir treffen uns beim Rewe.“

Doch handelt es sich, und das ist auch gut so, nur um einen temporären Pop-up Store, ein elftägiges Kunstprojekt im Rahmen der Wiesbaden Biennale, die in diesem Jahr den Titel „Bad News“ trägt. Vielleicht ist mit den schlechten Nachrichten auch etwas ganz anderes gemeint. Doch Massenkonsum im edlen Foyer ist erst der Anfang beim Rundgang durch die Wiesbadener Innenstadt. Denn schon bald kommt man ins „Hinterland“ – in die alte, heruntergekommene und ungenutzte City Passage. Bei den Dingen, die dort zu finden sind – ganz anders als im Prachtsupermarkt – kommt schon bald die Frage auf, ob es sich um Kunst handelt oder ob das weg kann. Als eine Art Geisterbahn haben sich Künstler die City Passage in der Kirchgasse zu eigen gemacht und daraus ein Bild für den Verfall, das mögliche Ende des Kapitalismus und die menschlichen Abgründe geschaffen.

Beim „Hinterland“ handele es sich, so die Kuratoren, um jene vergessenen Regionen weitab der Metropolen, in denen das Vigilantentum vorherrsche und das Recht des Stärkeren gelte. Neubauträume werden hier beflügelt, und so sind Geländer und Säulen mit Gold besprüht, so üppig, dass die Schuhe kleben. Wie könnte man aus Sch... Gold machen? Oder gibt es doch einen Bezug zum Foyer des Staatstheaters? Denn welches wären die besten Lösungen, um das Areal mit neuem Leben zu füllen? Etwas zu schaffen, was alle Menschen auch tatsächlich berührt und nicht zu weiterer Entfremdung – zu sogenannten Parallelgesellschaften führt? „Japaner macht chinesisches Restaurant“, wie es in der „Biennale Zeitung“ heißt, kann es wohl nicht sein: Die aus Japan stammenden Künstler Tetsuya Umeda und Yosuke Amemiya eröffnen während der Schau lediglich das ehemalige Chinarestaurant in der City Passage „neu“.

Wie können Politik und Gesellschaft gemeinsam vorgehen? Ist dieses „gemeinsam“ überhaupt zu schaffen? Vielleicht handelt es sich auch einfach um eine Spielwiese für künstlerische Träume.

Der Gang durch die Wiesbadener Innenstadt bietet in vielerlei Hinsicht eine Auseinandersetzung mit soziologischen und psychologischen Themen. Dort finden sich collageartig angelegte Kunstinstallationen akustischer, choreografischer, musikalischer oder visueller Art.

So hat der Künstler Erik van Lieshout Wiesbadens letztes Erotikkino, die „Bluebox“ an der Schwalbacher Straße, besetzt, um dort seine ziemlich schräge Videoinstallation „Sex is sentimental“ zu zeigen. Die Liebe zu seiner ehemaligen Assistentin Suzanne inspirierte den Künstler dazu, sich dem Thema besonders intensiv zu widmen. Liebende Käfer, zerfetzte Unterwäsche, Carla Bruni als Gefährtin. Narzissmus pur, Voyerismus – o là là. Dass das „Bluebox“ Teil der Biennale ist, eröffnet einen interessanten Zugang in diese Nichtwelt, die ebenfalls zum Stadtgeschehen gehört. In Zeiten, in denen auf Internetseiten wie Youporn jeder zum Pornodarsteller werden kann und Penisbilder per WhatsApp verschickt werden, stellt sich die Frage nach sexueller Privatheit und Intimität neu.

So zeigt die schottische Künstlerin Katy Baird in ihrer grotesken Show „Workshy“, was es bedeutet, sich über das Internet zu prostituieren und für etwas mehr Geld manche Grenze zu überschreiten. Darüber hinaus hinterfragt sie, wie es möglich ist, ein wirklich guter Mitarbeiter bei Burger King zu sein, und dass es keine Alternative ist, Drogen zu verkaufen. Wer nach dieser Show noch Lust auf Pommes hat, dem ist nicht mehr zu helfen.

Die Begegnung ist sentimental und verwirrend

Einem ernsteren Thema widmet sich Dries Verhoeven: Wie fühlt es sich an, in einer Textilfabrik in Bangladesch zu arbeiten? Wer die Situation einer jungen Frau nachempfinden will, die an ohrenbetäubenden Maschinen arbeitet, wo Arbeitsschutzrichtlinien mangelhaft sind und es bestialisch stinken muss, der begibt sich zur ehemaligen Volksbank am Bismarckring in den Kunstraum von „Guilty Landscapes“. Verhoevens kritische und spannende Auseinandersetzung mit der Globalisierung und der Frage danach, wie viel Schuld wir daran haben, was andere Menschen ertragen müssen, zieht direkt hinein. Seine Installation steht im Zeichen der Konfrontation. Nicht, wie doch so gewohnt, blicken wir übers Fernsehen und Internet auf Menschen, die unter schwersten Bedingungen arbeiten, sondern die Menschen dort blicken uns an. Wir sind diejenigen hinter der Scheibe und werden gespiegelt. Weltweite Vernetzung einerseits und absolute Fremdheit andererseits. Die Begegnung ist sentimental, verwirrend und beeindruckend.

Den Parallelgesellschaften widmet sich auf der Wiesbaden Biennale noch eine ganz andere Kunstrichtung, nämlich die der Comedy. Mit dem „Migrantenstadl“ besetzt die Bloggerin und Kunstaktivistin Tunay Önder die Wartburg und diskutiert dort mit verschiedenen Gästen. Mit Kampfbegriffen wie „Kanakisiert euch!“ „Özgida“, oder einfach nur dem Aufruf zum „internationalen Vergnügen“ – bei der Konzeption des Programms gab es #meTwo noch gar nicht.

Den Eröffnungsabend füllt schließlich die Choreografin Marlene Monteiro Freitas mit der Tanz-Performance „Bacantes für die City Passage“. Eine zweistündige bombastische Inszenierung, die überraschend und ungewohnt ist und bei der es müßig wäre, alles was geschehen ist, erklären zu wollen. Bei der von den Kapverdischen Inseln stammenden Künstlerin wird Hochkultur zur Horrorshow. Geisterbeschwörung und Totentanz treffen auf ein geniales fünfköpfiges Trompetenensemble, so dass der Schweiß von den Wänden tropft.

Die Wiesbaden Biennale spielt mit dem Wandel und soll laut Programm ein „Gefühl der Verunsicherung“ schaffen. Das gelingt. Im Jugendsprech hieße die Umsetzung wohl „pornös“, was so viel meint wie „richtig gut“.

Wiesbaden Biennale: bis 2. September. www.wiesbaden-biennale.eu

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