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Oscar, Cathrin Lange, vorm Maskenball.

Oper

Die Himmelfahrt von König Gustav III.

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Sieht eigentlich schön aus, aber das Zerstörerische steckt im Detail: Verdis „Maskenball“ am Staatstheater Darmstadt.

Giuseppe Verdis „Maskenball“ hat zwar eine zensurbedingt verwickelt wirkende Entstehungsgeschichte, ist aber – gleichgültig, ob die Handlung in Übersee oder, wie hier, in Schweden spielt – wohlüberlegt und vor allem mit einer Musik versehen, die jede Volte der Empfindungen minutiös begleitet. Empfindungen der tiefen Zuneigung, der Lebensfreude und der jähen Erkenntnis, dazu selbstverständlich Liebe und Hass als Grundpfeiler der Opernkunst sowie ein Chor, der zuschaut und kommentiert, teils empathisch, teils höhnisch.

Es ist Platz für Ambivalenzen, aber die Verve, mit der Regisseur Valentin Schwarz am Staatstheater Darmstadt in das dramaturgische Geflecht eingreift, hat eine viel zerstörerische Wirkung, als es zunächst scheint. Die Schauwerte der Inszenierung sind beträchtlich, während Verdis Bemühungen – und die seines Librettisten Antonio Somma im Schlepptau des Meisters –, einen konzisen Verlauf zu entwickeln, letztlich ad absurdum geführt werden.

Das liegt weniger an der Grundanlage (hierzu unten mehr) als an den Details. Wenn Renato auf König Gustavo schon jetzt dermaßen schlecht zu sprechen ist und nachher seine verschleierte Gattin bereits vor der Enttarnung zu erkennen scheint, wird ihn der doppelte Verrat durch Freund und Ehefrau in der Tat nicht mehr mit voller Wucht treffen. Wenn Choristen angesichts der ertappten Amelia die Hose runterlassen, wandelt sich der Spott gegen den Ehemann in einen grobschlächtigen Übergriff: eine Verschiebung, denn der irrsinnige Kontrast der Szene besteht ja darin, dass der Chor die Situation verkennt und eher gutmütig Renatos Entsetzen flankiert. Auf ihn wird man im Gegrabbel an Amelia eh kaum noch achten. Wenn Amelia von Gustavo hochschwanger ist – die anderen mit Blindheit geschlagen, obwohl die Wehen praktisch schon einsetzen –, wirkt ihr Ringen um Verzicht auf den geliebten Monarchen sinnlos – und Amelias Besuch bei Ulrica wird hier nun auch ganz anders erklärt, mit dem Wunsch nach einer Spätabtreibung. Das Kind kommt im Off zur Welt (leider ohne dass jemand Amelia wenigstens ein frisches Nachthemd reichen würde), um nachher entweder von Renato oder – sollte er daneben gestochen haben, und das ist jetzt wirklich nicht zu fassen – vom Pagen Oscar umgebracht zu werden, der hier als grelles Krawallfreundchen auftritt.

Denn Schwarz arbeitet ferner daran, eine insgesamt gewalttätige, sittenstrenge Welt darzustellen – mit Ulrica als Opfer einer Hexenjagd –, was irre Blüten treibt, auch wenn es im Prinzip nachvollziehbar ist. Unterstützt wird es von Andrea Cozzi mit historisierenden Kostümen und einem sich drehenden Gebäudeskelett mit dekorativen Lichteffekten.

Die überzeugendere Anlage: Nach einem Vor-Vorspiel an Gustavos Totenmaske in unseren Tagen (dazu eine Trauermusik seines Hofkapellmeisters) liegt der König zur Ouvertüre aufgebahrt und kehrt erst mit dem ersten Akt in seine also wahrlich prädestinierten letzten Tage zurück. Am Ende, wenn er wieder tot ist, nachdem er auf Amelias Treue gegen Renato geschworen hat (in Darmstadt ein frecher Meineid), fährt zum Amüsement des Publikums sein Standbild zischend gen Himmel. Echt wahr.

Dabei dirigiert Daniel Cohen einen gepflegten, straffen Verdi. Ein vorzüglich einstudierter Chor (Sören Eckhoff) und ein gutes Ensemble stehen bereit, bei der Premiere angeführt von Keri Alkema als äußerst lyrischer, zu Zartheit wie Größe befähigter Amelia. Als Renato bietet Sergio Vitale kultivierten Schwung, als Oscar überzeugt Cathrin Lange mit biegsamem Sopran und engagiertem Spiel. Imposant, wie flink und fidel sich Leonardo Caimi, als Gustavo-Einspringer aus Italien eingeflogen, in die Situation einfand.

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