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Mehmet Atesci, Lea Draeger und Sesede Terziyan (von links).

"Glaube, Liebe, Hoffnung" in Berlin

Hilfe, da ist ein Mensch!

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"Glaube, Liebe, Hoffnung": Ein stringenter, strenger Horváth-Abend mit schöner Musik im Gorki-Theater Berlin.

Von Glaube und Gottgefälligkeit handelt das Lied, das Sesede Terziyan und Daniel Kahn zusammen so schön singen, vom tapferen Hoffen und auch ein bisschen von Liebe. Aber das alles gibt es nicht geschenkt. Der freundliche Straßenmusiker hält Elisabeth den Hut hin, und sie durchsucht gründlich ihr Handtäschchen, das so gut zu ihrem roten Wollkleid passt und an dem man sich auch ein bisschen festhalten kann, durchsucht es, als hätte sie vergessen, was ihr doch in jeder Sekunde jeden Tages bewusst ist. „Ich habe kein Geld“, sagt sie dann, als wäre es nur ein Missgeschick. „Ich auch nicht“, sagt der Musiker. 

Vor acht Monaten sei sie abgebaut worden, erzählt die Unterwäscheverkäuferin Elisabeth. Die letzte Brosche ist versetzt, mit der Freundin, bei der sie unterkam, hat sie sich zerstritten. „Aber ich habe den Kopf nicht hängen lassen.“ Die Zeiten seien nicht besser geworden, kein Aufstand, keine Revolution, stattdessen Politiker, die davon reden, dass der Wohlfahrtsstaat die Moral untergrabe. Und so weiter, und immer wieder eingestreut der Satz vom oben zu tragenden Kopf, der sie vor dem Niedergang schützen wird.

Rot und weiß, tapfer und unbedarft

Und sie zieht sich die Lippen nach mit dem Lippenstift, den sie sich von ihrem letzten Geld gekauft hat, weil man so leichter eine Stellung bekomme, lächelt so strahlend rot und weiß und tapfer und unbedarft, dass man ihr glauben möchte, aber ach, es steht Ödön von Horváth auf dem Abendzettel. Und Elisabeth, die nichts mehr hat, wird in der unerbittlichen Mechanik der sozialen Verhältnisse noch mehr verlieren, nämlich die drei Titelgeber „Glaube, Liebe, Hoffnung“, wird sich in ihrer existenziellen Not nur ein bisschen schuldig machen und in aller Gründlichkeit zermalmt.

Der Regisseur Hakan Savas Mican legt diese Parabel des sozialen Untergangs als 90-minütigen Film noir an: Sylvia Riegers Bühnenbild besteht aus kahlen schwarzen Hauswänden, die schief ineinander und bis in den Zuschauersaal stürzen. Die Fenster leuchten weiß und leer. Das kontrastreiche, kantige Licht schält grelle Silhouetten aus dem Dunkel, es wird viel und schön gequalmt, das Wetter ist mies, und die Figuren lassen sich nicht hinter die Fassade gucken, ihre von Mikroports abgenommenen Stimmen hallen ortlos und mischen sich immer wieder mit bedrohlichem Grummelklang. Abgesehen von den niegelnagelneuen Dreißiger-Jahre-Kostümen von Sophie du Vinage gibt es nichts, was äußerlich an die Entstehungszeit kurz vor der Nacht der Naziherrschaft erinnert. 

Horváth stellt Elisabeth keine differenzierten und empathischen Figuren gegenüber, sondern von Elend und Elendsangst demolierte Egoisten. Im Gorki werden geschniegelt monströse, aus der Zeit gerissene Schaufensterpuppen daraus. 

Die Spieler stellen mehrere Rollen dar, was mit deutlichen Verkleidungen betont wird. Mehmet Atesci als blutiger Präparator ist mit angeklebter Glatze und Nickelbrille kaum zu erkennen, als Amtsgerichtsrat fährt er im quietschenden Rollstuhl und verschwindet im Schatten seiner Hutkrempe und im Nebel seiner Zigarre. Lea Draeger ist mal eine fäusteschüttelnde Arbeiterfrau, mal gestrenger Oberinspektor, dann wieder setzt sie als Amtsgerichtsratsgattin eine gelbe Perücke und ein schiefes Grinsen auf. Orith Nahmia weht als funkelnde Satin-Matrone mit schwarzer Federboa herein oder erscheint als Elisabeths doppelgängerische Freundin, die ihr erst Mut zuspricht und dann voraus in die Katastrophe stürzt. 

Auch Taner Sahintürk, der den Polizisten Alois spielt, mit dem Elisabeth ein vorerst nur existenzsichernd gemeintes Verhältnis eingeht, bekommt einen historisch verbürgten Schupohelm verpasst, wie man ihn im Kasperletheater auf dem Holzkopf hat. Sahintürk trägt ihn mit Würde. Außer Elisabeth ist seine Figur die einzige, die nicht kalt denunziert wird. Es gibt sogar eine romantische Szene, in der er Elisabeth mit immer mehr schneeflockenweißen Blumen beschenkt und sie so auf eine Wolke hebt. Aber auch, wenn er sie verlässt, weil sie ihm ihre kleine Gefängnisstrafe verheimlicht hat, bleibt er ein Mensch. 

Der Zuschauer muss die Geduldsprobe im eher amüsanten als furchterregenden Kabinett der fiesen Alptraumgespenster bestehen, um zu erleben, dass die Tragik erst beginnt, wenn Menschen ins Spiel kommen. Erst hier verliert Elisabeth tatsächlich Glaube, Liebe und Hoffnung.
In dieser Eindimensionalität ist der Abend dann doch zwingend. Dass er einen in seiner Kulissenhaftigkeit und Strenge nicht kalt lässt und von Beginn an eine furchtlos pathetische Tiefe bekommt, liegt an der Musik von Daniel Kahn. Er untergräbt die Trostlosigkeit, indem er zum Akkordeon revolutionäre Kampflieder – „Die Unternationale“ – schmettert, rauchzart an der Gitarre zupft und klimperweiche Töne aus dem Klavier tropfen lässt. Spätestens die holde Terz im eskapistischen Gesangsduett von Sesede Terziyan und Mehmet Atesci ließ den Rezensenten die Waffen strecken: „In the mountains of Tibet/ How much schöner could it get/ Dort zersägt man kein Skelett/ Dort verkauft man kein Korsett/ In the mountains of Tibet.“ Viel Applaus von seltsam lebensbejahender Sorte für diesen doch streng sozialkritischen Abend.

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