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Salome in Fahrt, das Personal: ratlos. Julischka Eichel im Zentrum des Geschehens am Schauspiel Stuttgart.

Schauspiel Stuttgart

Wie high ist die Prinzessin Salome heute Nacht

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Oscar Wilde und Einar Schleef, noch einmal überschrieben von Sebastian Baumgarten.

Dass in dieser Nacht die Welt untergeht, ist nicht nur ein in die Jahre gekommener Blockbuster-Kniff der Spannungssteigerung, es entspricht auch der nervlich übermäßig angespannten Situation auf der Bühne. Die Flügel des Todes, die allenthalben über die Szenerie rauschen – und wie sich zeigt, mit Grund –, finden ihr Pendant in Meteoriteneinschlägen, die anscheinend dem Sturz des Erdtrabanten auf die Erde vorausgehen.

Die Figuren in Oscar Wildes „Salome“ starren auch in der 1997 erstmals gezeigten Bearbeitung von Einar Schleef auf den Mond und ziehen ihre individuellen Schlüsse daraus – ein Akt, der bei Wilde nicht zuletzt Lust und Unlust ins Aussprechliche überhöht. Im Stuttgarter Schauspielhaus aber ist der Mond computergrafisch verzerrt auf einer Übertragungsleinwand zu sehen. Die ästhetische Entspannung erübrigt sich, dafür wird man den Eindruck nicht los, dass bereits Post-apokalypse ist.

Die Bühne von Thilo Reuther zeigt den Palast des Herodes von der mehr als schmuddeligen Hinterseite. Das „King David Hotel“ in Jerusalem ist das hier, oben eine Art Terrasse mit einer traditionell gestalteten, aber futuristisch funktionierenden Schiebetür ins Innere, wo der Mob am Zocken ist. Eine schräge Fläche, mit einer Müllhaldenfototapete versehen und vielfach beklettert und heruntergerutscht, führt zur von Einar Schleef vorgesehenen Jauchegrube (vormals: Zisterne). Von ihr, einem finsteren Loch steigt der Geruch sichtbar auf wie im Comic. Regisseur Sebastian Baumgarten und Reuther bedienen sich zusammen mit Marysol del Casillo (Kostüme), Philip Bußmann (perfekt ausgetüftelte Videos), Jörg Schuchardt (Licht) und Jörg Follert (Musik) insgesamt gerne bei Mitteln des gezeichneten und getricksten Bildes. Geräusche von Waffen werden vom verstärkten Wusch und Zisch aus Kinderzeiten begleitet, Feuerzeuge zünden mit der Lautstärke von Flammenwerfern.

Ebenso sehr ins Groteske wie ins Schaurige wird dabei die nervenaufreibende Handlung getrieben, mit anderen Mitteln als bei Schleef, aber doch mit Effekt: Wildes Text wird entsublimiert, auch entsubtilisiert, nackt und bloß wie zwischenzeitlich der außer Rand und Band geratene Herodes steht die Geschichte verschiedenartiger dramatischer Entgleisungen vor uns. Bei Baumgarten aber nicht streng und karg, sondern als maßloser, technisch ausgeklügelter Theaterknaller.

Das ist über weite Strecken unterhaltsam, aber nicht beliebig, ist grobschlächtig, aber nicht dumm, ist verkopft, aber durch das fabelhafte Ensemble auch eigen und lebendig. Vor allem funktioniert der pausen- und auch atemlose 100-Minüter als aufregende Überschreibung von Wildes mit Schleefs Text erstens, und von vertrauten „Salome“-(Opern-)Bildern mit Baumgartens Grobheiten zweitens. Schleef reibt sich an Wilde, Opernberserker Baumgarten auch an Strauss.

Diese Überschreibungstechnik zeigt sich buchstäblich bei Überblendungen auf der Bühne – die unter anderem zu einem zugleich traditionellen als auch verrückten Salome-Tanz führen, bei dem auf dem weißen Gewand der Tänzerin Filmaufnahmen springlebendiger Nackter verschiedener Statur und verschiedenen Geschlechts zappeln und flackern. Das zeigt sich aber auch in einer überbordenden Personenführung, vor allem der Kernfamilie.

Bei allem Aufwand insgesamt ist das ein Abend für Julischka Eichel, eine phänomenal schillernde Salome. Als Femme fatale aus dem Bilderbuch stützt sie ein bisschen routiniert und schlapp auf die durch Aubrey Beardsleys Illustrationen tradierten schmuck jugendstilisierten Bewegungen. Als Comicsuperheldin hat sie wenig an und macht ein bisschen sexy rum, wenn es für ihre Pläne erforderlich ist. Und bleibt doch unnahbar wie gewöhnlich nur der Mond. Als Partygast ist sie high wie offenbar die meisten hier. Schon wie sie vom Getose im Palast-/Hotelinneren nach draußen geschleudert und später wieder ins Innere gesaugt wird, will man doch immer wieder sehen. Als Prinzessin ist sie nölig und schamlos nach Art der Unkritisierbaren. Als Mensch ist sie bodenständig und ein bisschen ausgelaugt, steckt sich gerne mal eine Fluppe an. Ganz bestimmt ist diese Salome keine Kindfrau, auch eignet sie sich nicht als Projektionsfläche für Männerfantasien. Sex ist auch bloß eine nützliche Superkraft.

Herodes muss also verrückt sein und ist es. Thomas Wodianka spielt wunderbar mit der unköniglichen Herkunft des Machthabers, ist Zauselkopf und Schlamper, huldigt älteren Göttern in einem Quatsch-Ritual, bei dem allerdings (im Off) ein süßes Lamm geschlachtet wird. Baumgarten bezieht das Thema der Religiosität klug und intensiv mit ein. Als Johannes (Jochanaan) darf Paul Grill durchaus seriös seine Prophezeiungen aus der Jauchegrube rufen, schon sprechen Herodes’ Gäste, die eben noch mit dem König zusammen blutbeschmiert schlotterten und tanzten, ihm ekstatisch nach. Ja, der Mann ist gefährlich und die Menge manipulierbar. Salome übrigens nicht.

Schleefs Überschreibungen wirken interessanterweise auch wie das Herauslösen einer allzu vertrauten Konstellation aus ihrem Korsett. Nicht nur das Verhältnis zwischen Herodes und Salome ist bei aller Aufregung unangestrengter als gewöhnlich. Auch Astrid Meyerfeldts Herodias ist wie eine Gämse auf dem Gelände unterwegs, mischt munter mit, geht ihrem Mann an die Wäsche, tanzt mit Salome sehenswert. Als sie aus dem hinteren Bereich des Zuschauerraums wettert (während Herodes und Salome ganz anderes im Kopf haben), wird es stimmlich anstrengend. Für sie und fürs Publikum.

Es ist trotz der Schauwerte keine bequeme Inszenierung. Der grandios beiläufig gestalteten Präsentation des Prophetenkopfes durch den sorglosen Henker (Sebastian Röhrle) folgt ein langgezogenes Ende. Ironisch: Felix Mühlen hatte eingangs als Raumfahrer und möglicher Überlebender des Weltuntergangs (mit Schleef) darauf hingewiesen, dass Wildes Figuren nur reden, reden, reden, und dies letztlich, um nichts (Sexuelles) tun zu müssen. Jetzt wird Salome (Eichel leicht angeekelt, aber zum Kuss entschlossen, ein Schauerstück zum hysterischen Lachen) von Herodias und Herodes durch einen Schwall von (Fremd-)Reflexion flankiert. Auch die Intellektuellen können nur reden, reden, reden. Dann geht eh die Welt unter, bevor Schleefs und Wildes letzte Worte gesprochen sind.

Schauspiel Stuttgart: 13., 17. Mai, 1., 23., 27. Juni. www.schauspiel-stuttgart.de

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