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Die sensible Judith / Rebecca und ihr Team in ?Der Tag, an dem es Nelken regnete?.
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Die sensible Judith / Rebecca und ihr Team in ?Der Tag, an dem es Nelken regnete?.

Stéphane Bittoun

Was und wem ist hier zu trauen?

  • VonStefan Michalzik
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Stéphane Bittouns doller Kammerspiel-Agententhriller "Der Tag, an dem es Nelken regnete" - im Mousonturm Frankfurt.

Zuerst einmal ergeht es dem Zuschauer nicht anders als der Hauptfigur. Lange weiß man nicht recht, worauf das hinauswill. Nach einem Zusammenschnitt mit verwackelten Straßenbildern von Panikmomenten in der Folge von Terroranschlägen ist ein Team bei der Arbeit an einem Spielfilm zu sehen; die Hauptdarstellerin klagt, dass ihr kein Drehbuch vorliegt, der Regisseur legt ihr dar, dass dies der Authentizität diene.

Rebecca hört, wie man so sagt, das Gras wachsen, sie ist hypersensibel. Judith, die Figur, die sie spielen soll, ist es auch. Deshalb hat Rebecca die Rolle bekommen. In „Der Tag, an dem es Nelken regnete“, dem neuen Stück von Stéphane Bittoun, das am Mousonturm zu sehen ist, wird andauernd zwischen den Ebenen von „Realität“ und „Fiktion“ gewechselt. Schließlich überlagern sie sich immer mehr. Eine ganz alte erzählerische Technik; der Frankfurter Autorenregisseur weiß sie jedoch ungemein geschickt und originell anzuwenden.

Die Tochter von Rebecca wird entführt. Sie wird erpresst und in den moralischen Sumpf eines Geheimdienstes hineingezwungen, der ihre außergewöhnliche Aufmerksamkeit für ihre Umgebung zu Spionagezwecken nutzen will; auf der anderen Seite ist es eine von Wissenschaftlern gegründete Widerstandsorganisation, die sie aus demselben Grund für sich gewinnen möchte. Beide Seiten appellieren an Rebeccas Pflichtgefühl. Hier geht es um die Vorsorge wider das Leid, das durch Attentate verursacht werden kann, dort um den Schutz der freiheitlichen Rechte, die der Sicherheitsapparat gefährdet.

Eine an Seitensträngen reiche, haarsträubend abstrus-wohlgeordnete Geschichte also. Ein Agententhriller, sozusagen Costa-Gavras im Kammerspielformat, mit einem sinnfälligen steten Wechsel zwischen Bühne und Leinwand, zwistigen Debatten in der Filmcrew und Außenaufnahmen in den Straßen von Nordend und Bahnhofsviertel.

Was und wem ist hier zu trauen? Und was hat es mit den Nelken auf sich, die es plötzlich – Rebecca hat natürlich gewisse Signale schon wahrgenommen – vom Himmel regnet? Hier verweist die Geschichte ins Jahr 1974. Damals ist eine mit Blumen beladene Transportmaschine auf dem Flug von Nizza nach Nürnberg unter mysteriösen Umständen abgestürzt. Niemand hat das genauer hinterfragt, bis diese Havarie 2016 im Zusammenhang mit der Veröffentlichung der Panama-Papers überraschend wieder für Aufmerksamkeit sorgte. Der US-Geheimdienst CIA hat in den siebziger Jahren über Tarnfluglinien verdeckte Waffenlieferungen organisiert.

Im pointierten Räderwerk dieser hybriden Theater- und Filminszenierung steckt ein Witz der dunklen Art. Als persönlicher Impuls hinter allem offenbaren sich am Ende die Pariser Anschläge vom November vergangenen Jahres. Das ist Theater, das in seiner Art mit dem Spannungsgehalt eines guten Spielfilms mitzuhalten vermag. Eine unschätzbare Qualität.

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