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Max Mayer, noch im Schlamm hockend.
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Max Mayer, noch im Schlamm hockend.

Schauspiel Frankfurt "Arturo Ui"

„Heute ist nicht alle Tage, ich komm’ wieder, keine Frage“

Brechts „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“, im Schauspiel Frankfurt in der nicht scharfen, aber spielerisch starken Lesart von Samuel Weiss.

Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“ gehört zu den Stücken, die die Gemüter auch erregen, weil sie trotz mehrjähriger Bedenkzeit aus ihrer Unausgegorenheit nie herauskamen. Bertolt Brechts erste Beschäftigung mit dem Stoff begann 1934, der ersten Niederschrift 1941 folgten weitere bis in die Fünfziger hinein.

Man hat hier nicht den messerscharfen Brecht, sondern einen, der zugleich vordergründig und schillernd ist: Der Kretin Ui-Hitler wird – hier spricht der brave Marxist – allein durch die Verwerflichkeit der Eliten nach oben gespült, einerseits. Dem brutal-schlingelhaften Ui-Al-Capone hingegen kann sich der Gangsterfilm-Fan Brecht kaum entziehen, andererseits.

Mit der Folge, dass die Dämonisierung doch wieder um die Ecke auf ihren Auftritt wartet, zumal kein guter Schauspieler bereit sein wird, die Rolle nicht prächtig auszugestalten.

So auch Max Mayer, der mit einer sagenhaften körperlichen Präsenz, Enthemmung, Dehnbarkeit Ui aus dem Schlamm seiner Herkunft hebt, was buchstäblich zu verstehen ist. Aus dem Bodensatz der Gesellschaft, das heißt einer Bodenklappe in den Kammerspielen des Schauspiels Frankfurt, rappelt er sich heraus, lichtscheu, lehmverklebt, unterm Dreck: nackt.

Der aufrechte Gang ist ein Problem für ihn, aber er bringt sich nach oben und duscht ausführlich, unter übermäßigem Aufzeigen des Hitlergrußes beim Achselhöhlenschrubben.

Nachher setzt er diesen naturalistisch schlaff beim Reden ein und ist selbst am meisten überrascht davon, wie gut er funktioniert. Er lächelt spitzbübisch und er spielt mit dem eingespielten frenetischen Jubel. Er ist ein fürchterlicher Redner, seine Mimik wird weiterhin entgleisen, sein Körper das Zappeln nicht sein lassen können.

Max Mayer bietet eine fantastische Vorstellung als nachher schnittig bekleidetes Tier, als Monster Caliban, das Freunde hat. Ein Massenmörder und Politiker ist das nicht, wird das nie.

Die Ähnlichkeit zu Martin Wuttkes maßstabsetzender Ui-Interpretation am Berliner Ensemble (seit 1995) ist nicht zu leugnen, wird sogar geradezu zitiert, wenn Mayer zwar nicht am Boden, aber am bereitstehenden Radioapparat schleckt, Objekt der Begierde für einen Mann, der gehört werden will.

Zugleich zeigt sich hier der Unterschied: Mayer bleibt auch als Verräter und Mörder ein Schelm. Als er sich am Ende mit den vertrauten Worten des rosaroten Panthers verabschiedet, ist das doch eher neckisch als schaurig (obwohl es auch schaurig ist, ja).

Schauspielerisch gelingt alles

Dass die Inszenierung von Samuel Weiss nicht den Vorhang vom pfiffigen Spiel zieht, nicht in den Abgrund blicken lässt, gibt den pausenlosen, knapp zwei Stunden etwas Flaues und Zweifelhaftes, das dem Stück aber, wie gesagt, seinerseits zu eigen ist. Der Schweizer Schauspieler und Regisseur, vergangene Saison mit seiner „Kimberlit“-Inszenierung in der Schauspiel-Box, kann und will ihm anscheinend nichts Zwingendes geben. Spielerisch aber gelingt praktisch alles.

Die Bühne von Ralph Zeger zeigt drei Vitrinen / Raucherkabinen, dazu hinter Glas weitere wesentliche Requisiten. Verfremdungseffekt und ein milder Spott über die Musealität desselben (und über die antirauchende Gesellschaft) gehen Hand in Hand. In den menschengroßen Vitrinen tummeln sich vorerst die Protagonisten.

Ob es ausreicht, die fädenziehenden Mitglieder des großindustriell-kapitalistischen Karfioltrusts, Roland Bayer, Christian Bo Salle und Hanns Jörg Krumpholz, als verstaubte elisabethanische Trottel darzustellen (Kostüme: Janina Brinkmann), ist politisch wiederum anfechtbar.

„Der alte Dogsborough“ (Hindenburg), Meinolf Steiner, hängt bereits am Tropf. Linda Pöppel wird als Kleinbürger und Gemüsehändler Hook grob herumgestoßen. Hier zeigt der Trust seine Zähne.

Den Elisabethanern stehen Uis Gefolgsleute als altmodisch-futuristische 80er-Jahre-Bande gegenüber. Dennoch zeigen Vincent Glander, Jan Breustedt und Hanna Binder als Roma, Giri, Givola (Röhm, Göring, Goebbels) kasperletheaterhafte Gangster. Die Weigerung, diese Leute ernst zu nehmen, ist nicht gerade analytisch, aber sympathisch.

Ein gelungener, wenn auch nicht schmerzhafter Abend, der voraussetzt, dass die Zuschauer wissen, worum es geht.

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