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Manchmal liebt man die schäbigsten Puppen am meisten: Marie mit ihren Spielgefährten und Unterstützern.

Ballett

Hessisches Staatsballett: Die Schneeflocken und ihre Kinder

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Das Hessische Staatsballett tanzt in Wiesbaden und bald auch Darmstadt einen prächtigen „Nussknacker“, choreografiert von Tim Plegge.

Ein Ballettchef lässt sich nicht lumpen: Es tanzen kleine und große Schneeflocken, ein leuchtend roter Hofstaat und plumpe, einäugige, zahnlückige Lumpenpuppen, es treten leichtfüßig und glänzend grün bis in die Federspitzen Cowboy und Indianerin auf, es schwingt ein Pferd vergnügt die Beine, schwirrt ein Flugzeug herum, trippelt bedrohlich – denn das darf im „Nussknacker“ selbstverständlich nicht fehlen – ein graues fieses Mäuse- bzw. Rattenheer herein. Auch kommen 18 Schränke unterschiedlicher Größe zum Einsatz, wie das Programmheft unter „...aber wussten Sie...“ anführt. Die Schränke-Menge, den Schränke-Berg, auf dem Marie und der Nussknacker auch mal Zuflucht finden, hat sich Frank Philipp Schlößmann ausgedacht. Für die Kostümpracht zeichnet Judith Adam verantwortlich.

Tim Plegge, Direktor des Hessischen Staatsballetts, gibt nach einem melancholisch-dunklen „Liliom“ in der vergangenen Saison dem Publikum diesmal ordentlich Zucker – ohne freilich süßlich zu werden. Ein paar (Schrank-)Kanten behält sein „Nussknacker“.

Das vor allem dank der Figur des Drosselmeier, der schon durch die Besetzung mit dem fabelhaften, langgliedrigen Ramon John leicht dämonisch und dubios erscheint. Hinter jedem (Schrank-)Eck könnte er lauern; und mit den Ratten müssen Marie und der Nussknacker schon allein zurande kommen. Das heißt, immerhin springen den beiden Maries Puppen bei, die schäbig sein mögen, aber auch tapfer sind.

Plegge hat im ja doch schon ziemlich abgegrasten Tschaikowsky-„Nussknacker“ (Ensemble-Mitglied Sayako Kado tanzte bereits in sieben „Nussknacker“-Choreografien) eigene Akzente schon dadurch gesetzt, dass er sich musikalische Umstellungen erlaubte sowie direkt auf der Bühne immer mal den Einsatz einer Hammondorgel (gespielt von Ralph Abelein) mit lässig-altmodischen Klangkaskaden. Familie Silberhaus und ihre Weihnachtsgäste swingen dazu. Im Graben ist außerdem das Staatsorchester Wiesbaden unter der Leitung von GMD Patrick Lange mit Verve dabei.

Zu den schon etwas genervten Silberhausens (Taulant Shehu, Sayako Kado) – ach, die Kinder! – kommt die meckrige Oma Martha viel zu früh, geht im Weg rum und entpuppt sich später auch noch als Rattenkönigin. Masayoshi Katori tanzt sie krumm und eckig, gebeugt und listig, Plegge hebt ihn bewegungssprachlich deutlich von den anderen ab. Wie natürlich auch den Nussknacker, Daniel Myers, der eine Weile hölzern bleiben muss, bis Marie, Vanessa Shield, bei ihm, oh Wunder, ein Herz entdeckt.

Die Geschichte vom fantasiebegabten Mädchen, das an der Seite eines Nussknackers ins Zuckerland schlüpft, legt ohnehin einige Ensembleszenen nahe. Plegge reichert aber auch hier noch an, indem er scharenweise Kinder und ein mit Gästen verstärktes Ensemble als Schneeflocken hüpfen und schweben lässt, indem er die arme, verwirrte Marie mit lauter Doppelgängerinnen konfrontiert, die ihr dann auch noch die hässlich quadratischen Zähne eines Nussknackers aufzwingen wollen – und das zum „Blumenwalzer“. Da möchte Marie doch lieber schnell wieder weg aus dem Zuckerland.

Zuhause vor dem Weihnachtsbaum ist es auch nett, sogar Oma Martha ist nicht mehr so mufflig. Und Marie, noch ein bisschen benommen, purzelt mit lauter bunten Bällen aus einem der 18 Schränke und ist zurück.

Der Ballettchef lässt sich also wirklich nicht lumpen, er setzt diesmal ganz auf Schauwerte, Pracht, Prunk und Amüsement. Alles flutscht und fügt sich. Die Werkstätten müssen geschneidert haben wie der Teufel, das Ensemble tanzt mit Elan und feinem Ausdruck auf. Nur eine Rollschuhnummer, das hätte nicht auch noch sein müssen. Denn es ist recht deutlich zu sehen, wie einige Tänzer, verständlich, fremdeln und unsicher sind, wie eine Tänzerin fast stürzt. Der Abend schnurrt fein ab, da braucht er nicht noch zu rollen.

Staatstheater Wiesbaden: 25., 27., 31. Oktober. Ab 16. November in Darmstadt. www.hessisches-stattsballett.de

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