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Mit dem Herzen gesehen

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Von: Sylvia Staude

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Die Wuppertaler Tanzkünstlerin Pina Bausch.
Die Wuppertaler Tanzkünstlerin Pina Bausch. © Bilderberg

Die internationale Kunstwelt hat von der Wuppertaler Künstlerin Pina Bausch Abschied genommen. Aus aller Welt kamen Freunde, Weggefährte und Kollegen ins Opernhaus der Stadt zusammen. Von Sylvia Staude

In Wuppertal wurde am Freitagnachmittag offenbar, was verloren und was geblieben ist nach dem Tod von Pina Bausch. Denn zwar appellierte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Jürgen Rüttgers beim "Abschied von Pina Bausch" im Opernhaus an das Ensemble: "Machen Sie weiter!" - als ob die Tänzerinnen und Tänzer das nicht zu gern täten. Aber mehr als zwei Monate nach dem Tod der großen Choreografin am 30. Juni muss jeder begriffen haben: Es wird kein neues Bausch-Stück, nicht die kleinste neue Bausch-Szene mehr geben, kein feines Fingerspiel, das sie sich just ausgedacht hätte, oder auch nur einen Armschwung, wie er zuvor noch nicht gezeigt wurde, weil er ihr gerade erst einfiel. Andererseits zeigten die Auszüge aus Stücken von Pina Bausch, dass das, was sie über Jahre schuf, weiterbestehen wird. Gerade in Zeiten, in denen das Gedächtnis der Tänzerinnen und Tänzer nicht mehr die einzige Quelle ist, auf der die Weitergabe beruht.

Wuppertal freilich wird verlieren: Es wird nicht mehr die Stadt sein, in der die berühmteste Choreografin Deutschlands und vielleicht die berühmteste der Welt arbeitet. Die Wuppertaler wissen das. Es fällt einem keine andere Stadt ein, an dem das Gedenken an einen Menschen, der Tanzstücke schuf, von so vielen besucht werden will, dass ein Opernhaus bei weitem nicht genug Plätze hat. Einige Hundert, alte und junge, Durchschnittsbürger allemal, sitzen und stehen am Freitag bereits um Viertel vor Drei im Engelsgarten (der mit Friedrich Engels und nichts mit geflügelten Wesen zu tun hat, so passend dies es an diesem Tag wäre) und warten auf die Live-Übertragung aus der Oper. Dorthin wurden viele eingeladen, die mit Pina Bausch in all den Jahren zusammengearbeitet haben, auf der ganzen Welt. Rund 20 Länder sind in der Presseinfo aufgeführt, Pina Bausch war längst ein Weltstar.

Wuppertals Oberbürgermeister Peter Jung war es, der zu Recht daran erinnerte, dass in den ersten Bausch-Jahren vermutlich kein einziger Wuppertaler im kühlen Wind auf einem Klappstühlchen gesessen hätte, um Pina Bausch zu ehren. Vom Türenschlagen erzählte er, als dieses Tanz-Theater so unerhört neu, so verstörend war, dass Teile des Ballettpublikums es als Zumutung empfanden. Und Pina Bausch hatte nicht die Fähigkeit, ihre Kunst mit Worten zu erklären. Ihr Publikum musste sich gleichsam hineinsehen.

Von den Blicken auf Pina Bauschs Tanz, vor allem aber von Pina Bauschs Blicken auf die Menschen und ihre Bewegungen sprach der Filmemacher Wim Wenders. Er ist ein Freund gewesen, er wollte gerade eine Dokumentation über die Choreografin und ihre Kunst, ihre Werke drehen, als seine Hauptdarstellerin starb. Er wird es trotzdem tun, heißt es. Wim Wenders also erinnerte an Pina Bauschs Blick, an seine Innerlichkeit, oft Verträumtheit und doch auch intensive Zugewandtheit. Sie habe durch Menschen hindurch in sie hinein gesehen, für sie seien alle "offene Bücher" gewesen. "Pina hat mit dem Herzen gesehen bis zur Verausgabung", sagte er gegen Ende seiner Rede, und wieder, wie am Anfang, war zu bemerken, wie Wim Wenders gegen einen Kloß im Hals ansprach.

Mechthild Großmann, die heute als Schauspielerin reüssiert, eröffnete die Szenenauswahl. Und zwar indem sie - wie wunderbar passend als Gedenken an eine Frau, die kaum einmal ruhte - die Schöpfungstage liebevoll zusammenfasste und einem imaginären Gesprächspartner dazwischen immer wieder zubrummte: "Nein, nicht nach Hause, ne." Sie schenkte sich Rotwein ein, sie rauchte eine Zigarette, sie zeigte mit Lust ihre Beine.

Wer auch immer über das Tanz-Programm entschieden hatte, es enthielt keineswegs nur dunkle oder melancholische Szenen. Das ganze aktuelle Ensemble tanzte ganz zu Beginn des Abschieds-Nachmittags schnell und leichtfüßig auf und auch nach den Reden wieder. Es erinnerte daran, dass es nicht nur die Traurigkeit gab, die Wim Wenders im Blick Pina Bauschs gefunden hatte, sondern auch die ausgelassen frohe Seite des Tanzes, den zarten Humor vieler ihrer Szenen, das herrlich kindische Plantschen in Wasser, die erwachsenen Lebens- und Lustgeräusche.

Der Klang des Lebens: Auch das gehörte immer wieder zu Pina Bauschs Stücken, dass die Tänzerinnen ins Mikro atmeten, hauchten, stöhnten. Schmerzlich erinnerte es nun daran, dass es zuletzt der Atem war, der ihr fehlte.

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