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Herr Lehmann mit seiner Freundin Katrin.

Staatstheater Mainz

Ständig passiert ja was

  • vonMarcus Hladek
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„Herr Lehmann“ am Staatstheater Mainz gibt sich dem gar nicht so üblen Berliner Phlegma vor 1989 hin.

Das Große Haus fürs Sprechtheater ist mancherorts ein Privileg, das klug genutzt sein will und so von Nora Lau (Bühne) am Mainzer Staatstheater auch genutzt wird. So berlinisch hoch und groß ist Laus abgelebte Berliner Kneipe mit rollbarer Theke und Ecke für die Live-Band (C-Types), dass man noch daran knabbert, bloß die Südseemotive à la Gauguin von der verblichenen Täfelung einzuordnen oder Tische und Stühle zu zählen, ehe man durch die rückwärtigen Fenster an der Flügeltür vorbei die Berliner Mauer nebst wechselnden Graffiti entdeckt. Die bestehen platonisch aus projiziertem Licht und beleben sich wie Höhlenmalereien im Fackelschein.

So viel Kneipe war nie, und „Herr Lehmann“ ist ihr Prophet. Mit Boris C. Motzki hat Jule Kracht den passenden Dramaturgen für ihre, Krachts, Spielfassung zur Seite, denn ausweislich seiner Darmstädter „Bar-Festspiel“-Regien besitzt Motzki selbst Kneipenqualität und hat einen Dramatiker inszeniert (Heiner Müller in Frankfurts „Landungsbrücken“), dessen Heimat-Ideal so aussah: „in der Kneipe mit Otto Sander“.

Und was geschieht in diesem Kneipen-Inventar? Abgesehen davon, dass Titelheld Frank Lehmann (Vincent Doddema) in der fast mauerfreien Mauerfall-Geschichte nach Kleidung, Mimik und Diktion rüberkommt wie der einzige Normalo, während sein bester Freund Karl (Klaus Köhler) Mode- und Haartracht-mäßig aussieht wie einer von „Abba“ und als verkrachter Künstler fast in der Psychiatrie landet, ist die Inszenierung vor allem sehr gechillt.

Typen wie Intarsien

Cool schon die Prolog-Szene zwischen Herrn Lehmann und dem aufrecht gehenden Säufer-Hund, dessen Hundskopf zum Biker-Kostüm aber stark an Batman erinnert (Kostüme, sonst ganz 1980er: Ursula Bergmann). Hund Denis Larisch spielt auch den cholerischen Barbesitzer Erwin, den schwulen Silvio und Karls Nervenarzt. Alle Mehrfachbesetzungen sind Intarsien der Typen-Charakterisierung. Ständig passiert was, sei es in Lehmanns Liebe zu Katrin (Hannah von Peinen), sei es beim Elternbesuch aus der Provinz (Monika Dortschy und Armin Dillenberger, sonst als Hure, Grenzer und so fort) mit Täuschungsspiel der Freunde: aber nie etwas bedrohlich Großes. Was wie die Musik zum grundentspannten Lebensgefühl beiträgt.

Durchsetzungsstark ist der leiernde Titelheld ja nicht, ihn aber einen Oblomow zu nennen, der nichts täte, als vom Sofa der Weltgeschichte beim Vergehen zuzusehen, erscheint doch unfair. Schließlich steht er damit fürs Berliner Phlegma vor 1989 ein, und vielleicht fuhr alle Welt ganz gut damit, dass zumindest keine hirnverbrannten „Reichsbürger“ das Parlament stürmen wollten.

Wenn die Wende-Theke zur Liebeslaube wird und der Punk über Höhlenstiere streicht, wenn der Fensterventilator anspringt und sich der Mauermann animiert davonmacht wie das ultimative HB-Männchen, ist das szenische Herr-Lehmann-Idyll erst ganz da und dann ganz fort.

Krachts Regie belohnt Schauspieler und -innen, darunter Max Mahlert als Kristall-Rainer, fürs gelassen-gewitzte Spiel mit einem Humor, der den eindreiviertel Stunden gut tut. Ihre Regener-Schwejkiade hält das coole Westberlin mit so listigem Bierernst fest wie jene uncoolen Ost-Zöllner, die, wie Heiner Müller witzelte, eine Aubergine als Haschischpflanze ansprechen konnten.

Staatstheater Mainz: 17., 22., 23., 27. September. www.staatstheater-mainz.com

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