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An der Wand, gespensterumtanzt: Wolfram Koch als Theatermacher.
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An der Wand, gespensterumtanzt: Wolfram Koch als Theatermacher.

Thomas Bernhard

Herbert Fritsch inszeniert den „Theatermacher“ in Frankfurt: Theatermachers Albtraum

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Herbert Fritsch inszeniert Thomas Bernhard am Schauspiel Frankfurt und schickt Wolfram Koch in ein Gespenstermärchenhaus

Hier stimmt einiges nicht. Und dies, obwohl man dazu neigt, sich auf die Bretter, die die Welt bedeuten, zu verlassen, selbst in Utzbach und unter den widrigen Bedingungen, die sich dem Theatermacher Bruscon bei Thomas Bernhard dort zeigen. Diesmal jedoch scheint der gebeutelte Dramatiker, Regisseur, Darsteller, Familienvater und Familienunternehmensleiter in Personalunion in ein Haus geraten zu sein, das seinem Größenwahn über ist. Sagen wir es einmal direkt: Es handelt sich um ein Gespenster-, ein Gruselmärchenhaus, in dem sich Herr Bruscon und seine Familie, die Künstlerfamilie, bleich, aber relativ normal ausmachen. Er merkt auch nichts davon, da im Text von Bernhard nichts davon steht, aber Wolfram Koch ist natürlich ein Meister darin, beiläufig wahrzunehmen, wie sonderbar sich alles gestaltet hier.

Herbert Fritsch inszeniert also Bernhard am Schauspiel Frankfurt, seine erste Inszenierung am Haus und eine Premiere, die vor dem Lockdown fertig war. Jetzt ist sie die einzige, die vor der Sommerpause im Schauspielhaus stattfinden konnte.

Im Programmheft ist aufgezeichnet, wie man sich zu Hause die Papierstühle nachbauen kann, an denen es auf der Bühne nicht mangelt. Die allgegenwärtige Familie des Wirtes hantiert ohne Unterlass damit, schleppt sie oder wirft sie von hier nach dort, baut Türme, baut unbetretbare und ja ohnehin unbenutzbare Zuschauerreihen. Denn Papierstühle sind etwas unfassbar Sinnloses, und doch fängt man während der zweieinhalbstündigen, pausenlosen und insofern durchaus Bruscon’sch groß gedachten Aufführung an, sich dafür zu interessieren.

Bruscon seinerseits könnte an dieser Stelle bereits ahnen, dass es nicht zur Aufführung seiner Komödie „Das Rad der Geschichte“ kommen wird. Stattdessen bricht er zwar mit einem Papierstuhl dramatisch ein und entsorgt diesen dann auffällig unauffällig – Koch genialisch komödiantisch –, aber letztlich glaubt er offenbar weiter an seine Mission. Die in Frankfurt die Dimension eines veritablen Albtraums annimmt, dabei einiges an Bernhard’scher Bösartigkeit einbüßt und an Fritsch’schem Wahnsinn dazugewinnt. Wobei es auch seine eigene Bösartigkeit hat, wie gleich doppelt über das Bruscon’sche und das Bernhard’sche Theater hinweggerast wird. Ein Klamauk des Entsetzens ist das Ergebnis. Folgerichtig wird nicht besonders viel gelacht, das kann auch nicht das Ziel gewesen sein. Bruscon-Koch, und das ist wirklich ein Theatermacher-Albtraum, bemüht sich arglos, bei der Sache zu bleiben, beim „Rad der Geschichte“.

Der Saal des Schreckens, von Fritsch und Andrej Rutar entworfen, ist expressionistisch schief, rechts ein Ausblick auf die ebenfalls recht expressionistischen Berge, Wände und Boden aus einer Art Furnier mit Riesenwuchs-Musterung. Schwarze, garantiert unechte Hirschgeweihe, wohin das Auge sonst schaut. Es gibt unbehagliche farbige Neonstangenbeleuchtungen hier und dort. Über die Geweihe zieht unendlich langsam farbiges Licht, wie auch ein Geräuschhintergrund fast unterhalb der Wahrnehmungsschwelle bleibt. Im Boden ein höllisches Fritsch-Loch, um hineinzutreten (dann glimmt es rosarot), um darin zu verschwinden und wieder emporzufahren. Oder auch bloß, um ohne weiteres nicht hineinzutreten. Eigentlich kümmert sich niemand darum, es gibt auch dazu keinen Text.

Der Theatermacher Wolfram Koch, virtuos, elastisch und grau – und als zum Schlussbeifall Fritsch selbst aus dem Loch emporsteigt, begreift man außerdem, an wen er einen die ganze Zeit erinnert hat –, bekommt zwar auch in Frankfurt die Worte weitgehend für sich. Aber auf der Bühne ist er fast nie allein. Seine Familie ist still und weiß, nachher nicht mehr ganz so still, aber weiterhin weiß: Irina Wrona als seine hustende, schon todesnah durchsichtige Frau, Fridolin Sandmeyer als Sohn, der wie sein Vater akrobatische Kunststücke an einer großen Leiter vollführt, Annie Nowak als unterdrückte Tochter. Sie sehen alle aus wie aus dem Hause von Charles Dickens’ Miss Havisham: bedeckt vom Staub trauriger Jahrzehnte.

Lebhaft und von Victoria Behr grotesk hyperfolkloristisch ausgestattet sind hingegen die Gastgeber mit Sebastian Kuschmann und Sebastian Reiß als Wirt – so beschäftigt, dass er einen Zwilling braucht und nachher auch zu zweit auftritt, letztlich um Herrn Bruscon den Rest zu geben. Das funktioniert jedoch nicht, ein Mann, der Theater macht, hat Nerven wie Stahl. Wirtin und Tochter, Anna Kubin und Tanja Merlin Graf, sind Spieluhrenpuppen, so viel Klischee, dass man es schon nicht mehr übel nehmen kann.

Es ist eine krasse Entscheidung, den am weitesten am Rand des Bruscon’schen Utzbacher Universums stehenden Figuren am meisten Farbe und auch Schminke zu geben. Andererseits hat Koch so Gelegenheit, im Zentrum eines unermüdlichen Gewimmels und Getues in Ruhe seine Rolle zu spielen. Ein unpathetischer, moderner, maßvoll cholerischer Bruscon. Wie immer bleibt offen, wie missraten sein „Rad der Geschichte“ nun ist. Größenwahn aber als anstrengendes und gefährliches Terrain bekommt auch hier seinen Platz.

Das Gewimmel und Getue führt zu nichts, nicht einmal eine Frittatensuppe kommt auf den Tisch. Am Ende ein unheimliches Feuer statt ein ärgerlicher Regen. Und der Eindruck, wenig Bernhard und viel Fritsch bekommen zu haben. Aber Theater, auf jeden Fall Theater.

Schauspiel Frankfurt, Schauspielhaus: 10. Juli. www.schauspielfrankfurt.de

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