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Helen Körte im Gallus-Theater: Das Kind, das war

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Von: Marcus Hladek

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Poesie gibt den Ton an: „Gemeines Dunkel / kapert das Licht“ im Gallus-Theater Frankfurt.
Poesie gibt den Ton an: „Gemeines Dunkel / kapert das Licht“ im Gallus-Theater Frankfurt. © Jörg Langhorst

„Gemeine Dunkelheit / kapert das Licht“: ein szenisches Poem von Helen Körte im Gallus

Das Karussell der Aufführungen des Ensemble 9. November rückt im Zweitakt des kreativen Duos vor. Dieser Tage hat Helen Körte das Sagen, also sitzt die Poesie auf dem Thron, und Wilfried Fiebigs subversive Bühnenobjekt-Kunst und Kostüme sind in ihren Dienst gestellt. Uraufgeführt wurde im Frankfurter Gallus-Theater Körtes szenisches Poem „Gemeine Dunkelheit kapert das Licht oder: Die Würde des Spargels ist unantastbar“: ein starker Abend voller Lyrik, Livemusik und Schauspiel.

Körte geht sonst kaum etwas über Streifzüge durch die Weltliteratur und große Filme. Diesmal opferte sie das dem Selbersprechen: ihrer Rückbesinnung auf Leben, Kindheit, Ich-Werdung, Kunst und Charakter als Schicksal. Körtes Regie und Umgang mit Musik sowie Fiebigs Mitteln folgten ansonsten dem „E9N“-Idiom: Mischung der Theatermittel im ausgetüftelten Gesamtkunstwerk.

Der luftige Text in atembaren Versen ist auf der Bühne auf drei Darstellerinnen und zwei Darsteller verteilt: Katrin Schyns, Myriam Tancredi, Felix Krell, Richard Köhler, Elena Thimmel. Für die essentiell wichtige Musikbegleitung sorgen live Elvira Plenar (Piano, Komposition, knöpfedrehendes Klangdesign), Katrin Becht (Violine) und Bernadette Schäfer (Sopran). Off-Stimmen kommen hinzu. Portugiesische (brasilianische?) Verse von Thimmel mögen ausnahmsweise zitierte Lyrik sein. Vielleicht ist es auch nur der Wohlklang der lusitanischen Zunge, der diesen Eindruck erweckt.

Zwischen lyrischer Vieldeutigkeit und dramatischer Kommunikation stehend, hat „Gemeine Dunkelheit“ formal etwas vom Ausruferischen eines Majakowski, thematisch von Peter Handkes Gedicht vom Kindsein im Film „Der Himmel über Berlin“ („Als das Kind Kind war...“). Vor allem ist dies aber ein origineller Text. Aufgeteilt in 24 Szenen, reißt er mahlstromartig punktuelle Erinnerungen und Wahrnehmungen an oder öffnet assoziative Räume, immer unterwegs zu neuen Bildern. Schön, wie kluge Findungen die Szene bereichern, etwa die Opferung eines Glases Wasser auf einem dreifüßigen Hocker: der „Tripod“ als klassisches Opfer bei Homer.

Szene 1 etabliert prologhaft die Altersperspektive (Herzkammern) auf das Kind, das war. Szene 2 bringt das Bild einer Baumkrone (lies: Alter, Wachstum, Ausgreifen) und fügt ein Bild vom Kind hinzu, das den Baumstamm umarmt. Szene 3 deutet in Spiegeln das Dazwischen an: Denken, Ich („Ich war ein Schicksal geworden“), Kunstmachen als Lebensweg.

Wir, die geordneten Chaoten

Falten werden angedacht, Straßenwerbung („Spargel macht glücklich!“), Corona als Krankheit und Sonnenkranz. In „Ultraschall“ der Bauch als intrauteriner Kosmos; das Ich als Puzzle seiner Erfahrungen. Engel Gottes fliegen vorbei und „Wir, die geordneten Chaoten“ oder „Seiltänzer ohne Seil“ (auch dies wird vorgeführt) geben sich ihr Stelldichein. Der Bettler und das Sein, zartes Begehren und der Knoten/Toten-Tanz liebender Einheit. Endlich das große „Wenn ich sterbe“: doch „wird man mich immer noch lieben... P.S. Darauf bestehe ich! Danke!“

Bis es eines fernen Tags so weit ist, bereichern „Gewisse Lebensabende“ (Gottfried Benn) die Theaterszene in Frankfurt.

Gallus-Theater, Frankfurt: 17. September. www.gallustheater.de

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