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Die Volksbühne, als Castorf noch Herr im Haus war.

Berlin

Heldenhafte Verschwendung

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Der zum Theatertreffen eingeladene "Faust" wird nicht in der Volksbühne gezeigt. Frank Castorf möchte das nicht.

Die Freude über die Theatertreffen-Einladung von Frank Castorfs vermächtnishafter siebenstündiger Inszenierung des Goethe’schen „Faust“, mit der er den Schlussgong zu seiner 25-jährigen Amtszeit als Intendant der Berliner Volksbühne anschlug, ist in Berlin natürlich auch politisch angestachelt. Künstlerisch steht außer Frage, dass diese Arbeit als eine der zehn bemerkenswertesten der vergangenen Spielzeit eingeladen werden musste. Mit ins Haus holt man sich natürlich auch den kathartischen Streit um den Intendanzwechsel, der nun von dieser Einladung und den Umständen neuerliche Symbolkraft erhält. Herrlich, so bleibt der Konflikt immer schön frisch!

Versöhnlicher wäre das Ganze ausgefallen, wenn sich einige der Juroren durchgesetzt hätten und die einzige überhaupt in Frage kommende Produktion der neuen Volksbühne, nämlich Susanne Kennedys posthumanes synthetisches Trancekarussell „Women in Trouble“, eingeladen worden wäre. Der „Spiegel“-Kritiker und Juror aus Hamburg, Wolfgang Höbel, hat sich öffentlich dafür ausgesprochen. Er wurde aus guten Gründen überstimmt, die Inszenierung mag bemerkenswert sein, sie ist vor allem bemerkenswert langweilig, zumal sich Kennedy in ihrer spielfeindlichen und verkopften Ästhetik wiederholt. Das hatten wir schon zwei Mal beim Theatertreffen und haben es zu Ende verstanden.

Gut, genug erstmal mit der Ausdeutung des Jury-Orakelspruchs. Im nächsten Schritt geht es um dessen praktische Umsetzung, wofür die Theatertreffenleiterin Yvonne Büdenhölzer zuständig ist. Alljährlich hat sie von der Verkündung der Einladungen Anfang Februar bis zum Theatertreffen im Mai Zeit, zehn Gastspiele zu organisieren. Suche nach geeigneten Spielorten, Transport und Einbau der Bühnenbilder, Termindisposition der Schauspieler, Wiederaufnahmeproben und so weiter. Castorfs Abschiedsfaust ist dabei eine besonders harte Nuss. Theoretisch war diese Produktion, die nach ihrer Premiere im März nur wenige Vorstellungen erlebte, nach drei Monaten zum Spiel- und Amtszeitende abgespielt. Castorfs Verdikt lautete: von ihm wird nichts ins Repertoire von Dercon übergehen, dem schlossen sich alle prägenden Regisseure an. Das ist verständlich und angebracht, da die Kulturpolitik einen neuen Anfang hatte setzen wollen – „25 Jahre Castorf sind genug“ lautete die Devise.

Bei der „Faust“-Dernière wurde denn auch mit einer Emotionalität geklatscht und gefeiert, die einem Abschied für immer und ewig würdig war. All das teure Zeug würde nun eingepackt und zum Schrottplatz gefahren werden. Das war, zugegeben, auch ein erhabener Gedanke: Was für ein stolzer Abgang im Vollbesitz der geistigen Kraft und lebenstüchtigen Spiels, fast so verschwenderisch wie ein Heldentod.

Kühle Köpfe aber achteten darauf, dass die Kulissen nicht gleich geschreddert, sondern erst einmal eingelagert wurden im Gewerbepark Wanzlitz, knapp 200 Kilometer nordwestlich von Berlin. Vielleicht in der Resthoffnung, dass Dercon doch noch hinschmeißt und für die interimistische Rettung des Theaters auf das verworfene Castorf-, Marthaler-, Pollesch- und Fritsch-Repertoire zurückgegriffen werden müsste? Wohl eher für den Fall, dass es Festivals gibt, die genug Mumm für den Aufwand und finanzielle Potenz haben, eine Inszenierung wie den „Faust“ einzuladen. Das sind lauter Dinge, über die sich die Jury des Theatertreffens keine Gedanken machen darf, sie soll unabhängig entscheiden, und praktische Umstände dürfen ihnen nicht ins ästhetische Urteil pfuschen.

Wie unabhängig die Jury entschied, zeigt sich an der Einladung der Festspiele-Produktion von Vegard Vinges und Ida Müllers „Nationaltheater Reinickendorf“. Mögen manche an Schiebung denken und darauf verweisen, dass Yvonne Büdenhölzer und Festspiele-Intendant Thomas Oberender bei den Jury-Sitzungen hospitieren. Wenn die beiden tatsächlich Einfluss genommen hätten, dann hätten sie sicher einiges versucht, um ebendiese Arbeit, die im Aufwand wohl ähnlich kräfte- und mittelraubend ist wie Castorfs „Faust“, nach ausgiebiger Würdigung zu verwerfen.

Die Regel ist eigentlich, dass Berliner Produktionen, die eine Theatertreffeneinladung erhalten, an ihren Originalschauplätzen gezeigt werden. Das wurde nach der Wende auch so eingehalten, zuvor gab es theater- und zeithistorische Schmankerl, wenn Ost-Berliner Produktionen eine innerstädtische Gastspielreise ins nichtsozialistische Ausland antraten.

Als guter Verlierer bot Chris Dercon an, sein Haus zum Theatertreffen für Castorfs „Faust“ in Beschlag zu nehmen, ein Angebot, das Castorf erwartungsgemäß ausschlug. Dieses Angebot hätte im Fall einer Annahme einen tiefen Eingriff in den Spielplan von Dercons Volksbühne bedeutet, der allerdings wegen seiner Löchrigkeit immer wieder kritisiert wird. Für Büdenhölzer, die das vor dem theaterpolitischen Hintergrund ausdrücklich nicht werten möchte, wäre das die beste Lösung gewesen.

Als Ausweichspielstätte steht zwar das ähnlich große Haus der Berliner Festspiele zur Verfügung, allerdings muss hierfür das Bühnenbild adaptiert werden – für die U-Bahn, die in der Volksbühne im Seitenfoyer untergebracht war, muss noch ein Ort gefunden werden. Für die Anpassung und den Einbau sind fünf Tage kalkuliert, noch einmal fünf Tage für Wiederaufnahmeproben. Und weil sich das Ganze dann auch ein bisschen lohnen soll, werden gleich vier Aufführungen und eine öffentliche Voraufführung gezeigt. Das Haus wird insgesamt 18 Tage in Beschlag genommen werden, es ist also gar nicht anders denkbar, als dass der „Faust“ das Theatertreffen eröffnet, sonst wäre im Festspielhaus während des Theatertreffens kein Platz, die großen Gastspiele zu zeigen.

Alles nur für das exorbitante Ego eines Regiealtmeisters? Was kostet es uns, dass Castorf nicht der Einfachheit halber seinen Stolz für eine Weile aussetzen kann? Auch wenn Yvonne Büdenhölzer den Mehraufwand noch nicht beziffern kann, so gigantisch ist er wohl gar nicht. Schließlich ist das Festspielhaus vor dem Theatertreffen leer, so dass in Ruhe aufgebaut und geprobt werden kann, ohne dass Einnahmeverluste entstehen wie sie Dercon dem Theatertreffen in Rechnung stellen müsste.

Was mit den „Faust“-Kulissen wird, wenn das Theatertreffen vorbei ist, diese Frage kann Yvonne Büdenhölzer noch nicht beantworten, auch wenn sie ihre Abläufe betrifft – spätestens, wenn alles wieder in den Containern ist, muss sie wissen, wohin damit: Wanzlitz oder Schrottplatz? Lassen wir die Frage offen, sie verstärkt das Gefühl der Einmaligkeit und der Vergänglichkeit von Theater, dieser verschwenderischsten und heldenhaftesten unter den Künsten.

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