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Heiner Goebbels „Schwarz auf Weiß“: Stimmungszonen, Schattenseiten

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Von: Bernhard Uske

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Konzentrierte Aktivität in kolonnenhaft aufgereihten Bänken. Wonge Bergmann
Konzentrierte Aktivität in kolonnenhaft aufgereihten Bänken. Wonge Bergmann © Wonge Bergmann

„Schwarz auf Weiß“: Eine Neu-Aufführung des Stückes von Heiner Goebbels im Bockenheimer Depot.

Im Jahr 1996 erlebte „Schwarz auf Weiß“ von Heiner Goebbels im heute nicht mehr existierenden Theater am Turm (TAT) seine Uraufführung. Jetzt kam das Werk aus Anlass des 70. Geburtstags seines Schöpfers im Bockenheimer Depot in Frankfurt zu einer Neu-Aufführung. Es wirkte damals wie der Prototyp einer neuartigen Form musiktheatralischer Performanz, die vielerorts folgenreich für szenische Kunst wurde.

Zur Feier des Tages

Wie damals war auch jetzt wieder das Ensemble Modern der klangkörperliche Akteur im doppelten Wortsinn: instrumental und körperlich, denn der gut 75-minütige Parcours zeigt das Ensemble beim Spielen seiner Instrumente ebenso wie in szenischer Bewegung und körpersprachlicher Aktivität. Die Premiere in Bockenheim war für das Ensemble auch ein Tag des eigenen, nachgeholten 40. Geburtstags, der 2020 anstand. So sah man zur Feier des Tages auch Gründungsmitglieder als Mitspielende, die längst anderweitig aktiv sind.

Waren damals die eingespielten Textfragmente aus Edgar Allen Poes „Schatten“, gelesen von Heiner Müller, der gerade verstorben war, ein haften gebliebenes Moment, so beherrschte jetzt die Eindrücke die mit kolonnenhaft aufgereihten Bänken vollgestellte Bühne, die in der Mitte von einem großen Tor und einem improvisierten Gerüst ohne Banner überfangen war. Das Knäuel des Radau machenden Blasorchesters auf der schattenhaften Hinterbühne, der langsame Marschschritt über die Bänke nach hinten ins Dunkle, die vorne, jenseits der Schattenseite, konzentrierte Aktivität Einzelner in Klang und Handlung, zuletzt alle als Streicher mit Bogenführung in Reih’ und Glied: das konnte, wer wollte, als sprechende Zeichen lesen. Die Texteinspielungen Heiner Müllers waren wie gehobenes oder gesunkenes Bildungsgut selber schon schattenhaft.

Von allem eine Klangzutat

Heiner Goebbels’ Text-Klang-Szene-Konglomerate hatten damals von allem etwas: von John Cages Zufall und Geräusch, von Jazz und Rock, filmischer Musik, instrumentalem Theater Schnebels und Kagels oder Nonos Schwebeklängen. Nur die ethnischen Zutaten in Einspielungen oder Realpräsenz waren eigen im klingenden Allerlei, das einem jetzt in der Zusammensetzung als schöne Atmosphäre erschien: Soundscapes, Stimmungszonen, die in der eigentlich leeren Szenerie mittels zeremoniöser Musizierhaltungen das Auge beschäftigten.

Ein Klangäther, der im Depot auch kräftig donnern konnte. Haltungsstilisierung in Spiel und Bewegung gaben dem Ganzen mehr, als es die Erinnerung zu wissen meinte: eine spannende Gemütsbefangenheit. Mit Klang- und Bildzeichen, die offen im Wahrnehmungsvollzug blieben.

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