1. Startseite
  2. Kultur
  3. Theater

Heidelberger Stückemarkt – Das ist so ein Mistkerl

Erstellt:

Von: Judith von Sternburg

Kommentare

Sandra Bezler zieht die Fäden, irgendwie. Foto: Susanne Reichardt
Sandra Bezler zieht die Fäden, irgendwie. © Susanne Reichardt

Svenja Viola Bungartens „Maria Magda“ und andere Geschichten über Gott und die Welt beim Heidelberger Stückemarkt.

Svenja Viola Bungartens „Maria Magda“ war schon bei der (Online-)Lesung beim Heidelberger Stückemarkt 2021 eine große Show mit Grusel und Gelächter, feministischen Pointen und Splatter-Eskalation. Bungarten, Jahrgang 1992, gewann mit ihrem dritten Stück damals den „Autor*innenpreis“, die Uraufführung folgte nur einen Monat später am Theater Münster (auf erzkatholischem Boden). Jetzt konnte man sich beim Stückemarkt 2022 auch im Heidelberger Zwinger von der Bühnenwirksamkeit überzeugen.

Die Triggerwarnung „Explizite Beschreibungen von Gewalt im Rahmen von Vergewaltigungen und Schwangerschaftsabbrüchen“ hat in einer empfindsamen Welt ihre Berechtigung. „Maria Magda“ ist ein weniger empfindsames Stück. Es zeigt eher die feministisch grundierte, nämlich von all den Verschwiegenheiten entnervte Lust, die Dinge, die in den Köpfen und auch auf schließlich Erden vorkommen, auch zu zeigen. Und beim Namen zu nennen. Und in einer unendlich wirkenden Folge von Szenenvariationen zum Beispiel immer wieder die Geschichte mit der unbefleckten Empfängnis durchzuhecheln, und hecheln ist schon das richtige Wort. Gott tritt hier unter anderem als Vergewaltiger auf. Er tritt hier eigentlich ausschließlich als Vergewaltiger auf. Wenn man das so hinschreibt, muss man sagen, dass „Maria Magda“ nicht nur ein wenig empfindsames Stück ist, sondern sogar ein brachiales.

„Maria Magda“ beginnt als Horrorinternatsgeschichte. Maria, neu an der Klosterschule, wird von der krassen Magda und der lieben Hildie – lieben Mädchen sollte man in Horrorinternatsgeschichten besonders misstrauisch gegenüberstehen – unter die Fittiche genommen. Bald zeigt sich, dass finstere Mächte am Werk sind. Dass hier einst Hexen verfolgt wurden und einige von ihnen als Nonnen Unterschlupf fanden, führt zu einem wilden Plot, der kaum überschaubarer wirkt als der berüchtigte „Da Vinci Code“. Gemeinsam ist ihnen, dass man alsbald nicht mehr durchblicken wird.

Nicht gemeinsam ist ihnen der Grad an Selbstironie. Während Tom Hanks im Film schon allen Ernstes so tun muss, als gehe es hier um das große Ganze, macht sich „Maria Magda“ ständig über sich selbst lustig, über die Genrehaftigkeit der Anlage, über das Mystifizieren, selbst wenn es ein feministisches ist, über die Welterklärungssucht im Allgemeinen. „Ich bezweifle einfach alles, und das kann ich nur empfehlen“, heißt es einmal. Das behindert auch nicht den feministischen Blick, es befördert ihn. Zugerufen wird dem Publikum ja: zu schauen, wer normalerweise die Geschichte und die Geschichten erzählt. Zu schauen, was nicht erzählt wird. Zu schauen, wer am meisten davon hat.

Gott wird im Stück zwischendurch k.o. geschlagen. Gott wird zwischendurch schwanger, und er wird auch einmal abgetrieben. Er macht was mit, teilt aber auch ganz schön aus. Respektlosigkeit kann beim Denken helfen. Zumal alles auch anders ein könnte.

In Heidelberg wählt die Regisseurin Brit Bartkowiak einen fundamental verspielten, leichten Ton. Wenn Blut spritzt, kommt es eindeutig aus dem Theaterlabor. Leid und Schmerz sind herzlich überkandidelt. Hinter den in Rahmen gespannten Plastikfolien (Bühne: Hella Prokoph) kann das Mysteriöse wallen, die Kostüme von Naomi Kean und Isabell Wibbeke sind Cosplay-grell und vermeiden das versehentliche Aufkommen von Realismus. Esra Schreier, Yana Robin La Baume und Sandra Schreiber sind quicklebendig Maria (die Neue), Magda und Hildie. Christina Rubruck ist die ausgesprochen windige Oberschwester, Sandra Bezler die seltsame, gut informierte Erzählerin, Leon Maria Spiegelberg Gott in diversen Erscheinungsformen. Gott ist im Stück wirklich ein Mistkerl und Nichtsnutz. Durch diese Möglichkeit muss man durch.

Im internationalen Wettbewerb diesmal Texte aus Spanien, Gastland dieser Ausgabe, quasi im Vorgriff auf die Frankfurter Buchmesse. Zwei der vier Stücke ihrerseits ausdrücklich feministisch, zwei entwerfen eigenwillige (Zukunfts-)Fantasien. Bei allen steht das rückhaltlose, das durchaus ausgeflippte Erzählen im Vordergrund. Rocío Bellos „Mein Italienfilm“: eine Familiengeschichte unter sieben Frauen. Kein Mann im Bild, das macht es nicht einfacher, aber spannend. María Velascos „Ich will die Menschen ausroden von der Erde“: die drastische, reflektierte Geschichte einer Doktorandin, die sich als Prostituierte ihr Geld verdient. Xavier Uriz’ „Thanatologie“: eine unerhörte, unerwartete Auseinandersetzung mit dem Thema Sterbehilfe. Ruth Rubios „Die Feuerfesten (Universum 29)“: noch eine Familiengeschichte, gespenstisch, und man wird dann einiges googeln wollen. Insgesamt ließ sich eine Vorstellung davon gewinnen, wie sehr sich das Theater nach neuen Geschichten sehnt. Es gibt sie.

Theater Heidelberg: „Maria Magda“ noch am 20., 21. Mai. www.theaterheidelberg.de

Auch interessant

Kommentare