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Jens Harzer, hier mit Oda Thormeyer, als Ich in Peter Handkes „Immer noch Sturm“.

Jens Harzer

„He, ich bin noch da!“

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Jens Harzer ist mit dem Iffland-Ring von Bruno Ganz zum Würdigsten unter den Schauspielern erkoren.

Ist es Zufall? Am Donnerstag konnte sich der Schauspieler Jens Harzer auf den Brettern der Berliner Volksbühne – dem sperrigsten aller Theater – als begnadeter Meister seiner Kunst zeigen. Und am Freitagvormittag lässt Österreichs Kulturminister Gernot Blümel mitteilen, dass Harzer der neue Träger des Iffland-Ringes sein wird. Der im Februar verstorbene Schweizer Schauspieler Bruno Ganz habe den 47-Jährigen aus Wiesbaden testamentarisch zu seinem Nachfolger erkoren.

Das eiserne Schmuckstück ist mit einem Halbedelstein und dem von 28 Diamanten umkränzten Porträt des Schauspielers, Dramatikers und Theaterleiters August Wilhelm Iffland (1759–1814) verziert. Goethe soll ihn anfertigen haben lassen und dem Theatermenschen überantwortet haben, auf dass dieser ihn weitergebe – eben jeweils an den würdigsten Schauspieler, der ihn bis zu seinem Tode tragen und testamentarisch bestimmen sollte, wem er – als „dem würdigsten Schauspieler“ – zu vererben ist. Und immer so weiter, ob wirklich nur Männer gemeint sind, darüber streitet man gerade ein bisschen.

In die Trauer um Ganz mischten sich sofort Spekulationen: Ulrich Matthes, Joachim Meyerhoff, Martin Wutte hätten Ringträger werden können, sogar Lars Eidinger und Klaus Maria Brandauer wurden genannt. Auch Harzers Name fiel, und beim Applaus am Donnerstagabend musste einem bei aller Schwierigkeit mit der Vergleichbarkeit und erst recht mit Superlativen in der Schauspielkunst klarwerden, dass der 47-Jährige aus Wiesbaden der richtige, ja, der würdigste ist. Nicht nur, weil Harzer so toll war, sondern auch, weil die Inszenierung die Kraft des Theaters beschwor und vorführte, weil sie zeigte, wie sich Harzer dieser Kraft in den Dienst stellt, sich von ihr reiten, befallen und erfüllen lässt.

Wenn dieser Artikel erscheint, ist die Inszenierung – Peter Handkes „Immer noch Sturm“ vom Hamburger Thalia Theater – abgespielt. Premiere war 2011, der Regisseur Dimiter Gotscheff starb 2013. Ihre letzten beiden Vorstellungen erlebte seine Arbeit nun als Gastspiel in der Volksbühne, wo Gotscheff, der Bulgare im deutschen Theaterbetrieb, am ehesten zu Hause war. Ein weiterer Abschied: Gotscheff ist nun noch ein bisschen weniger auf der Welt. Aber.

Im Theater ist das Nicht-auf-der-Welt-Sein – und erst recht bei Peter Handke – keine Ausflucht. Die Toten bleiben. In der Literatur warten sie als immer wieder schmelzbare Worte, auf der Bühne leihen sie sich Körper. Sie spielen mit als inkarnierte, zu Eigenleben erwachende Projektionen derjenigen, die sich an sie erinnern. Das Ich in Handkes Text sitzt auf einer Holzbank unterm Apfelbaum und füttert die Toten mit Erinnerungsfetzen an, ruft Satzanfänge in den Wind, beschwört Figuren, die die Namen seiner Vorfahren tragen, und besieht sich das Arrangement der Geister. Vieles führt die Sprache ganz allein weiter, wenn man sie lässt. Also wenn der Dichter ihr Hauchen vernimmt und ein Spieler wie Jens Harzer es weitergibt.

Dem erzählenden, sich erinnernden Ich gesellt sich ein Es hinzu. Man möchte von einem Wunder sprechen, aber es sind einfach Antworten der lebendigen, in ihrem Nachfahr hausenden Toten, konkrete weitergegebene Unsterblichkeit.

Jens Harzer, das Medium, der Traumwandler, ausgestattet mit einem Sensorium für Feinstofflichkeit war in dieser Inszenierung Handkes Erzähler-Ich, das sich im hypnotisierenden Dauerblätterfall (Bühne: Katrin Brack) dem Ensemble der angerufenen Ahnen aussetzt, sie mit schlenkernden Armausgreifungen herbeiwedelt oder von der Bühne scheucht, der sie umkreist, gesehen-ungesehen in ihrer Mitte wandelt, sich abwendet, hinter die Sonnenbrille verzieht, in eine Ecke verdrückt, ganz Ohr bleibend. Der seinen halb selbstgeschaffenen Vorfahren immer näher kommt, seine Hände auf die Köpfe seiner Großeltern legt, die um ihre toten Kinder trauern, denn es war ja Krieg. Oder der sich selbst begegnet, im Bauch der jungen lebensfrohen Mutter. Sich selbst begegnet und als einzigem fremd bleibt.

Dieses Handke-Gotscheff-Erlebnis ist nun das frischste Harzer-Glück, das aber bei aller Unsterblichkeit auch von Wehmut begleitet ist – noch etwas mehr durch diesen Bruno-Ganz-Gruß aus dem Jenseits. Wenn man Harzer denken, atmen, suchen, sprechen, also spielen sieht, freut man sich, dass es so einen Künstler wie ihn heute überhaupt noch gibt – und zwar in Fleisch und Blut und nicht nur als ein heraufbeschworener Ahne. Es ist ein bisschen wie bei den übrig gebliebenen Indianern vom Stamm der Athabasken, mit denen der Handke-Abend endet. Sie hocken in einem Reservat, stehen ab und zu mal auf und winken einander über die Köpfe der Touristen hinweg zu: „He, ich bin noch da! – Und ich auch! – Und ich auch!, und dann hocken sie sich wieder hin.“

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