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Sieht schwarzweiß aus, hat aber viele Facetten: Blick in die königliche Villa, oben Rodelinda, unten Garibaldo, Eduige und Flavio.

Oper Frankfurt

Haus des Schreckens

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Händels „Rodelinda“ in Claus Guths unheimlich einleuchtender Inszenierung an der Oper Frankfurt.

Georg Friedrich Händels nicht oft gespielte Oper „Rodelinda“, 1725 in London uraufgeführt, bietet eine delikate Musik und eine verschattete Handlung. Die Rückkehr eines Totgeglaubten beendet noch lange nicht die Probleme, die die Figuren einander bereiten, denn schon packt Eifersucht den Heimkehrer, der sich vor der gramgebeugten Titelheldin darum länger verbirgt, als es der Anstand gebietet. Auch versperrt sich sein Rivale der seinen Wünschen zuwiderlaufenden Realität – die vermeintliche Witwe liebt ihn partout nicht, und der legitime Throninhaber müsste nun schleunigst erneut beiseite geschafft werden, was der Rivale mit jener Unentschlossenheit angeht, die schon vielen eingekerkerten Opernheroen die nötige Zeit zum Singen gab und angefeindeten Edlen wie Florestan das Leben rettete. Nebst einer zu allem entschlossenen Frau, der im Falle Rodelindas nur die Hände gebunden sind, weil sie gar zu sehr vom Tod des Gatten ausgehen muss. Die (auch tonartliche) Verbindung zu Beethovens „Fidelio“ fasziniert „Rodelinda“-Exegeten, die hierin einen Beleg für Händels Modernität sehen.

Komplizierte und teils unvernünftige Gedankengänge stellen sich dem glimpflichen Ausgang der Handlung also drei Stunden lang in den Weg, diese aber sind gefüllt mit Musik von hohem Raffinement und ungeckenhafter Virtuosität. Wie es bei Unlogik meistens der Fall ist, hat das eine ulkige Seite, aber die reifen, abwechslungs- und farbenreichen Arien – dazu ein Duett so schön und lang, dass es kaum auszuhalten ist – lassen in einen Abgrund blicken. Dass Claus Guth daraus eine Gruselgeschichte macht, ist wie die meisten genialen Einfälle einfach und einleuchtend.

Diese Koproduktion, die 2017 in Madrid Premiere hatte, kam über Barcelona und Lyon nun an die Oper Frankfurt, bevor sie 2020 in Amsterdam zu sehen sein soll. Ein europäisches Unterfangen. Vor ein paar Jahren erschien so etwas noch weit anrüchiger als heute, wo die Einsparungen etwa durch geteilte Ausstattungskosten opulente Spielpläne mitermöglichen. Glück natürlich auch, dass Regiearbeiten von Claus Guth in Frankfurt schon lange zu den Spielplanhöhepunkten gehören und speziell seiner „Rodelinda“ ein ausgezeichneter Ruf vorauseilt.

Musikalisch wird die Produktion jedes Mal neu aufgebaut, in Frankfurt dirigiert Andrea Marcon das im etwas angehobenen Orchestergraben platzierte, in kleiner Besetzung antretende Opern- und Museumsorchester. Beeindruckend, wie es sich mit alten Instrumenten und einigen spezialisierten Gästen zur feinen Barockformation wandelt. Blockflöten und Gitarre beleben das Klangbild und tragen zur zauberhaften Alte-Musik-Atmosphäre bei. „Rodelinda“ zündet kein Feuerwerk, bietet aber eine weit überdurchschnittliche Übereinstimmung zwischen der Musik und den verhältnismäßig starken, nachdenklichen Texten.

Dazu passen in Frankfurt spannend individuelle Stimmen: Zur großen, eine reizvolle Spur angerauten Sopranstimme der Engländerin und Titelheldin Lucy Crowe (bei ihrem Frankfurt-Debüt) gehört der warme, naturgemäß viel weniger robuste Counter ihres Bertarido, Andreas Scholl. Ohne Schärfe, aber metallischer die zweite Counterstimme, der durch Jakub Józef Orlinski gleichfalls prominent besetzte Getreue Unulfo. Die zweite Frauenstimme, Katharina Magiera als ambivalente Bertarido-Schwester Eduige, gibt ihren in dieser feinziselierten Umgebung erst recht herrlich sich ausbreitenden Alt dazu. In der Tiefe die keineswegs primitiven, aber doch unverkennbaren Schurken: Usurpator Grimoaldo mit dem dunkel timbrierten, fabelhaft beweglichen, dabei völlig unangestrengt wirkenden Tenor von Martin Mitterrutzner und sein Kompagnon (nachher das klassische Bauernopfer): der mit Piratenaugenklappe versehene Finsterling Garibaldo, prachtvoll vertreten durch den Bassbariton Bozidar Smiljanic.

Man sieht gut aus und man trägt Abendgarderobe, die zur mehrgeschossigen, drehbaren klassizistischen Villa passt, die wiederum typisch ist für Guths Ausstatter Christian Schmidt. Sie stellt sich in ansprechendem nächtlichen Licht (Joachim Klein) und waldumwoben (Video: Andi A. Müller) dar. Allerdings zeigt sich hier in besonderem Maße, dass Eleganz auf der Opernbühne bloß eine wünschenswerte Sekundärtugend ist. Denn jetzt kommt die Inszenierung.

Die attraktive kleine Familiengesellschaft, die sich klassisch opernhaft, aber auch grandios ausgetüftelt bewegt – die Trauernden stecken einen Arm durch den Uniformjackenärmel des vermeintlich Toten, um sich mit seiner so imaginierten Hand zu trösten –, wird ergänzt durch den Sohn Rodelindas und Bertaridos. Flavio ist als Thronerbe ohnehin höchst gefährdet und muss sich durch eine fast schon irre Volte der Mutter zwischenzeitlich in zusätzlicher Lebensgefahr sehen. Singen darf er nicht, aber Guth setzt den kleinwüchsigen Schauspieler Fabián Augusto Gómez Bohórquez als stummen Dreh- und Angelpunkt ein. Er ist es, der einen Albtraum erlebt, der in größter Verzweiflung um den Vater trauert und dessen Angst vor Bertarido (der in Frankfurt im Zeitlupenvorspiel zur Ouvertüre unverhohlen als Mörder identifiziert wird) nicht zu bändigen ist – und sei es durch Geschenke wie einen noch so schmucken Spielzeugpanzer. Ein seltsames Kind, das ins Malen flieht. Seine Bilder vom verlorenen Glück und vom übergroßen Schrecken werden an die Villenwand geworfen. Leibhaftige Gespenster bedrängen das Kind, gespielt von monsterköpfigen Doubeln der Erwachsenen. Fürchterlich, da nicht schreien zu können. Das Gesicht des Schauspielers, eines zum ewigen Schweigen verdammten Oskar Matzerath, dürfte das unvergesslichste sichtbare Element der Aufführung sein.

Dass sich einige Stunden später Bilder und Ideen weiterhin im Kreis drehen wie die Bühne, schafft Längen, ist aber trotzdem kein Fehler, sondern integraler Bestandteil eines Albtraums. Am Ende arrangieren sich die Erwachsenen. Sie und Guth können sich dem Lieto fine umso fideler hingeben – wunderbar zu sehen, wie Eduige und Grimoaldo einander gut gelaunt näher kommen –, als der Alb für Flavio noch lange nicht vorbei ist.

Oper Frankfurt: 17., 19., 23., 25., 30. Mai, 1., 8. Juni. www.oper-frankfurt.de

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