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Man wird nicht schlau aus ihr: Frau John, Patrycia Ziolkowska, hier mit Fridolin Sandmeyer.

Theater

Hauptmanns „Die Ratten“ in  Frankfurt: Denn war et halt so jekomm

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Halbgar, aber beherzt: Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ am Schauspiel Frankfurt.

Die Frankfurter „Ratten“ meiden jede Art von volksstückhaftem Dekor. Die teils bizarren, teils bekömmlichen Kostüme von Irene Wip könnte man auch bei anderer Gelegenheit verwenden, ebenso das eindrucksvolle Drehgerüst von Dirk Thiele Galizia, das mal schneller, mal langsamer kreist: eine kalt beleuchtete runde Galerie, teils hinter Plexiglasscheiben. An einer Stelle wölbt sich der Boden zur hohen Welle, das gibt Schwung beim Radfahren, und ein Mensch kann hier auf dem Bauch herunterrutschen, wenn er rücksichtslos mit sich umgeht. Sportliche Schauspieler ziehen sich am Gestänge nach oben. Alles ist in immer wieder unterschiedlich schneller Bewegung, aber in Bewegung. Es ist oft laut. Je ruhiger es wird, desto spannender wird es auch. Die palavernden Erwachsenen, die endlich realisieren, dass das Baby tot ist, und in ihrer überforderten, halb erschreckten, halb schon wieder gleichgültigen Menschennatur den Blick abwenden.

Mit im kreisenden Bühnenreif ist Philipp Weber und spielt E-Gitarre. In der nicht unangenehmen, aber auch nicht angeknüpften Bühnenmusik ist der Gipfel an Austauschbarkeit an diesem Abend erreicht. Zustande gekommen ist er nach Theaterbetriebsbegriffen in kurzer Zeit: Das Schauspiel Frankfurt hatte zur Spielzeiteröffnung im Schauspielhaus Witold Gombrowicz’ „Yvonne, die Burgunderprinzessin“ zeigen wollen. Die dafür engagierte Regisseurin Mateja Koleznik sagte dann wegen Krankheit ab (wie auch die „Sommergäste“ bei den Salzburger Festspielen, eine insgesamt böse Unterbrechung einer sich gerade enorm entwickelnden Karriere). In einer größeren Juni-Rochade suchte sich nun Felicitas Brucker, eigentlich für ein anderes Stück in den Kammerspielen eingeplant, Gerhart Hauptmanns „Die Ratten“ aus. In pausenlosen zwei Stunden, die nicht langatmig sind, kann sie zum Teil deutlich machen, warum. Anderes bleibt unausgegoren oder in einer allerdings hingebungsvoll vom Ensemble mitgetragenen körperbetonten Theaterroutine. Hingabe kann Routine immer wieder mit Leben füllen.

Während die konkreten sozialen Gegebenheiten ebenso auf der Strecke bleiben wie die politischen Implikationen, die sich daraus ergeben, während sich Exaltiertheiten Bahn brechen und es während es im kalten Licht frisch bleibt – keine Tränen, fast kein Gelächter –, kann man doch interessiert und konzentriert auf Hauptmanns geniale Dramaturgie und Menschenkenntnis schauen und hören. Und ein Theater erleben, das künstlich, kunstfertig und doch lebendig wirkt.

Am wenigsten vermisst man eine zeitliche Zuordnung. Gestohlene und untergeschobene, verzweifelt gewünschte, befürchtete und vernachlässigte Kinder, alles keine Geschichten von gestern. Das Berlinern, das den Akteuren unterschiedlich leicht von der Hand geht, aber gut vorbereitet wurde, ist hilfreich. Mögen die Figuren zappeln und herumschlängeln, zittern, stelzen, wegsacken, sie quasseln immerhin, als wäre ihnen der Schnabel so gewachsen.

Originell, Patrycia Ziolkowska als Frau John zu besetzen, bei der die Weigerung, den Vorstellungen Hauptmanns und des Publikums von der Figur zu entsprechen, besonders offenbar wird. Zum schicken Kurzhaarschnitt, dazu Rock und ärmelloser Pulli, die nichts verraten, kommt unerwartet eine dauerhaft gekrümmte Haltung. Das meiste scheint sie wie von unten aus zu machen. Ganz schlau wird man nicht aus ihr, Ziolkowkas Anspannung ist aber ebenso beklemmend wie ihr Tunnelblick, und das rigoros Unrührende auf Dauer ein Vorteil: keine Muttermythen, allein der aus allem herausgeschälte Kern puren Stresses und eiserner Entschlossenheit. Stark die Szenen zusammen mit ihrem Bruder Bruno, bei Fridolin Sandmeyer ein durchgeknallter Typ, dem Ziolkowska mit mehr Liebe begegnet als dem neuen Kind. Schwestern sind so, Schwestern können so sein. Ihren Herrn John, Andreas Vögler, lässt Brucker eher so mitlaufen, allerdings hat er am Ende einen gewaltigen, archaischen Moment, als er mit sehr langer Leitung doch noch begreift, was los ist. Der Zusammenbruch eines Lebensentwurfs in 1 Sekunde.

Reizvoll auch etliche der anderen Figuren: Sarah Grunert als Pauline, die junge Frau, die jetzt auf keinen Fall ein Kind kriegen darf, zeigt ein plausibles Außer-sich-Sein in elaboriertem Polnisch-Berlinerisch. Friederike Ott als Nachbarin und Prostituierte Knobbe hingegen muss ihre innere Versehrtheit zitternd und taumelnd als Dauerzustand vor sich her tragen. Katharina Linder als Frau Hassenreuther bleibt gegen ihre Angewohnheit blass. Mit imposanter Bodenhaftung wiederum Kristin Alia Hunold als Göre Selma und Christoph Pütthoff als lauernder Hausmeister.

Sorgfältig und unaufdringlich die Begegnung des unerträglichen Pastors, Peter Schröder, mit dem Theatermacher Hassenreuther, Sebastian Kuschmann. Während Schröders Geistlicher vor lauter Gotteszorn und Verklemmtheit sich kaum regen kann, ist Kuschmanns Hassenreuther eine überraschend positiv gezeichnete Figur. Er ist ulkig gekleidet, das schon, aber es ist keine Karikatur eines pathetischen, aus Hauptmanns Sicht impertinent altmodischen Theatermenschen, dem Pastors verlorener Sohn bald mit der Forderung nach einem „natürlichen“ Spiel entgegentritt.

Es ist in der Tat ironisch, dass ausgerechnet ein Paradestück des Naturalismus so besonders aufgezwirbelt gespielt wird. Aber Brucker zieht es durch. Samuel Simon als Jungschauspieler in spe stellt seine Forderungen just in den exaltiertesten Vorsprechszenarien. Dem Vorwurf Hassenreuthers, er sei ein schlechter Schauspieler, kann man wenig entgegensetzen. Dass Brucker dem jungen Mann und seiner Freundin, Hassenreuthers Tochter, Altine Emini, trotzdem mit Sympathie begegnet, nimmt seiner Lächerlichmachung als Künstler nichts: Wenn der Realismus des naturalistischen Theaters aus Bruckers Sicht heute das Altmodische ist, dann setzt sie ihm die von Simon aufopferungsvoll zelebrierten expressionistische Manieriertheiten zumindest nicht als positives Gegenbeispiel entgegen. Was sie stattdessen will, bleibt offen. Eine spannende Schwäche. Als wäre Brucker auf eine tiefere Wahrheit aus, die sich aber nicht zeigt.

Am Ende zerlegen Bühnenarbeiter den Kreis. Frau Johns Welt löst sich auf. Optisch ist das Standard, und doch endet dieser halbgare, beherzte Abend, in stillem Ernst.

Termine

Schauspiel Frankfurt: 9., 15., 22., 23. September. www.schauspielfrankfurt.de

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