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Ein Leuchten aus dem Grün.
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Ein Leuchten aus dem Grün.

Hessisches Staatsballett

Hase und Igel in der Stadt

  • VonMarcus Hladek
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Das Hessische Staatsballett packt in Darmstadt „Bodies in Urban Spaces“.

Als der Österreicher Willi Dorner 2007 das Stück „Bodies in Urban Spaces“ choreografierte, um es seither in bald hundert Städten weltweit erneuert aufzuführen, schuf er das, was das Hessische Staatsballett am Staatstheater Darmstadt einen Stadtspaziergang der besonderen Art nennt. 13 Tänzerinnen und Tänzer in knallbunter Joggingkleidung mit Hoodies geleiten ihr Publikum über einen in der Bewegung entstehenden, vorbereiteten Stadtparcours: von den mächtigen Bronzetüren des Stadttheaters in grober Nordostkurve durch Wege und Gassen bis hinter das Audimax der Technischen Universität. In der wegen Regens verschobenen Premiere dauerte das eine Stunde und war gut einen Kilometer lang.

Sie joggen kurz vorbei

Wichtiger als der Randaspekt, dass das Publikum den locker gelösten Spaziergang ausgiebig auch als Fotosession nutzte, ist der Hase-und-Igel-Modus, den die Tänzerinnen und Tänzer vorlegten. Kaum hatte das Publikumn eine von Dutzenden Stationen aus lebenden Skulpturen passiert, zerlegte sich das jeweilige Grüppchen hinter ihnen wieder, joggte flugs an ihnen vorbei und baute weiter vorn die nächste Station auf. Ob man das mit Hase und Igel assoziiert oder als Leser Stephen Kings an ein Bild für die Zeit denkt, die im Rücken der Gegenwart Abrissarbeiten tätigt und ihr voran die Baustellen der Zukunft einrichtet: gleichviel.

Darmstadt erwies sich in Sachen „Bodies in Urban Spaces“, ganz wie es sich gehört, als ureigene Stadt. Zum Beispiel pflegt es als ausgepichter Hochschulort mit langer demokratisch-freiheitlicher Tradition bis zurück zu Büchner seine Achtsamkeit für das „niedere“ Volk und hat auch darum allüberall Kunst und Skulpturen stehen. An einigen zog der behäbig-flinke Zug vorbei: lebende Skulpturen als beste Kumpels für solche aus Metall und Stein. Darmstadt ist zudem der mutmaßlich erste Post-Covid-Halt für dieses Stück, was der kunstvoll geführten Stadtwanderung aus dem geistigen Lockdown in die urbane Weite einen ganz besonderen Touch gab, obwohl oder gerade weil die choreografierten Bilder vielfach solche der Enge und Bedrängnis sind.

Denn was war da zu sehen? Immer wieder wickelten sich drei, vier, fünf Körper um Laternen oder eine Baumeinhegung, zwängten sich einzelne stocksteif in Fahrradständer oder Geländer, stellten sich in irren Winkeln an Steinflächen auf, bildeten Haufen auf einer Kreuzung, malten Rautenschraffuren aus Körpern in verstellte Eingänge, füllten die Leere zwischen Starkstromkästen und Säulen, suchten wie Motten seltsame Stellen im Schatten auf, wanden sich an Strukturen vertikal empor oder stürzten an einem Antiquitätenladen zu mehreren an einem Metallstab herab wie Ikarus beim Poledance. Auch der leuchtende Backenzahn eines Dentisten wurde bedacht.

Oft spielten sie mit gegebener Architektur: bespielten den Niebergall- und den Datterichbrunnen, hingen in Zweier-Symmetrie schlaff vom gebogenen Vordach oder wandten von einem kantigeren Exemplar her vier Hinterteile der Welt zu, kommentierten als Katarakt aus Leibern mal Treppenstufen, mal den „Stürzenden Reiter“ an der TU. Oder griffen in der Kaplaneigasse die Dynamik einer Sitzinsel auf. Auffällig war die gewollte Anonymität, denn wo es nur ging, vermieden die Tänzer dank Hoodie jede Ablenkung durchs Mienenspiel und streckten uns zwischen den flinken Läufen zumeist nur die Lauf- und Sitzmuskulatur entgegen. Dächte das Ensemble über eine Neugründung unter neuem Namen nach, könnte man „Les popos volants“ vorschlagen. Den finalen Schauplatz an der Bauminsel hinter dem Audimax teilten sie sich mit einem stadtrealen Schläfer.

Viel herzlicher Applaus. Schön, so charmant ins Leben und zur Kunst geholt zu werden.

Staatstheater Darmstadt: 2. Juli. www.staatstheater-darmstadt.de

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