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Opernregisseur Harry Kupfer.

Erinnerung

Harry Kupfer: Ein Souverän sondergleichen

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Eine persönliche Erinnerung des langjährigen Frankfurter Operndramaturgen Norbert Abels.

Mein Freund Harry ist gestorben. Es ging ihm in den letzten zwei, drei Jahren immer schlechter. Dennoch hatte er auch in diesem Lebensabschnitt des allmählichen, aber unerbittlichen Kräfteschwundes weiterhin wunderbare Ideen. Welches Stück er unbedingt noch einmal in Szene setzen sollte: das war bei unseren Treffen in seiner immer extrem aufgeräumten Berliner Wohnung beim ehemaligen Checkpoint Charlie und bei unseren Telefongesprächen ein Dauerthema. Wir grübelten lange, bis wir auf ein Werk stießen, das er noch nie auf die Bühne gebracht hatte. Es gab deren nicht eben viele.

Harry gehörte zu den Regisseuren, die – im krassen Gegensatz zu vielen anderen - immer extrem gut vorbereitet waren. In den am Anfang der Probenphase obligatorischen Konzeptionsgesprächen vermochte er es, in klaren und bündigen Sätzen sein Vorhaben so darzulegen, dass alle an den Häusern Beschäftigten und nicht nur die Mitwirkenden nachvollziehen konnten, wohin die interpretatorische Reise ging. Harry war ein Meister der komprimierten Rede.

Ein ewiger Witz, wenn wir von der recht weit entfernten Probebühne in die Innenstadt fuhren, war meine Ankündigung: „Harry, ich hole schon mal den Wagen“, Harry, der sich nach der Probe ein Zigarettchen zu gönnen pflegte und ein wenig nach Tabak roch, fing auf der Fahrt sogleich an, das Tagesgeschehen zu diskutieren. Bezeichnend dabei war es, dass dessen Dauerthemen – etwa Flucht, Islamismus, Genderdiskussion oder Klima – in seiner Sicht eine ganz andere, oft ziemlich von der kompakten Majorität abweichende Färbung erhielt. Harry war ein Feind allen Mainstreams.

Kennengelernt habe ich ihn zunächst flüchtig Mitte der achtziger Jahre. Bei meinen Ostberlinfahrten zu Thomas Langhoff oder Ruth Berghaus schaute ich, ob Harry gerade etwas an der Komischen Oper erarbeitet hatte. Persönlich begegnet aber bin ich ihm 1985 in Hamburg, als er an der Staatsoper genial Händels „Belsazar“ inszenierte – eine der besten Musiktheaterarbeiten, die ich jemals erleben durfte. Die Ruinengemäuer der alten Synagoge, aus welchen ein noch jugendlicher Rabbiner eine verschüttete Menora ausgrub und die allmählich auftauchende, noch furchtsame Ghettogemeinde, die in einer Art Erinnerungsspiel das vergangene Leid festhielt und zugleich dessen Ende in der messianischen Zukunft beschwor.

Auf der Bühne war Harry ein Souverän sondergleichen. Er wusste genau, wann welche Solistin oder welcher Solist an die Reihe zu kommen hatte. Die üble, aber unseligerweise zum Usus gewordene Gewohnheit, Menschen stundenlang auf ihren Einsatz warten zu lassen, um ihnen zehn Minuten vor Probenschluss mitzuteilen, dass sie heute nicht mehr gebraucht werden, war niemals seine Sache.

Stets inmitten des Kollektivs

Er arbeitete ganz dicht an und mit den Soli, deutete durch nur kleine Bewegungen seine Intentionen an, beobachtete aber scharf deren individuell-charakteristische Züge und wusste dann genau, wie er diese Eigenarten für seine Regie nutzen konnte. Extrem wichtig für ihn war, den Auftretenden die von ihnen darzustellende Situation mit aller Intensität bewusst zu machen. Einzigartig war er auch in der Arbeit mit dem Chor. Ich sehe ihn noch, wie er während einer breitangelegten al-fresco-Szene die Damen und Herren einzeln formte, stets inmitten des Kollektivs, fast nie aus der Distanz des Regietischs.

Stundenlang sprachen wir über Literatur. Harry war ein begnadeter Leser, und wir teilten vor allem unsere Bewunderung für die großen russischen Realisten, für Leskow, Turgenjew, Gontscharow und – wie auch anders - Tolstoi.

Das Musiktheater verliert mit Harry Kupfer einen Regisseur, dessen Profil seinesgleichen sucht. Die sogenannte Personenregie – heute so oft ersetzt durch Videoblendwerk, Bühnenbildmegalomanie und Effekthascherei – war für ihn das entscheidende inszenatorische Mittel, um einen Stoff wirklich glaubhaft zur Darstellung zu bringen. Der Mensch in seinem Leid, in seiner Sehnsucht, in seiner Gewaltbereitschaft, in seiner Freude – das allein zählte.

Bei den Produktionsvorbereitungen war es stets die Partitur, von der man auszugehen hatte. Aus der Besonderheit der Musik schöpfte er deren Bedeutung für die jeweilige Szene. Er inszenierte niemals gegen die Musik, jene die Werke aus Eigendünkel verfehlende Kardinalsünde unserer gegenwärtigen Opernwelt. Ohne Harry Kupfer, einem Korrektiv aller Oberflächlichkeit, verarmt diese allemal zunehmend in knallfarbigen Schwundstufen sich artikulierende Welt noch ärger.

Norbert Abels, Jahrgang 1953, war bis Sommer des vergangenen Jahres Chefdramaturg an der Oper Frankfurt.

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