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Harry Kupfer im Innenhof der Komischen Oper.

Harry Kupfer

Zum Tod von Harry Kupfer: Der lange Atem und seine richtige Einteilung

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Zum Tod des klugen und regen Opernregisseurs Harry Kupfer.

Es gehört zu den harmlosen und erfreulichen Einfällen des Schicksals, dass Harry Kupfer gerne Sänger geworden wäre. Zu schwach aber die Stimme, was zu einer der interessantesten, längsten und angeregtesten Opernkarrieren unserer Zeit führte. Vor allem einer der mit Abstand nachhaltigsten. Nicht nur, weil sie mehr als 60 Jahre währte, und dabei zwar gelegentliche, aber keine anhaltenden Ermüdungserscheinungen zeigte. Sondern auch, weil sie davon erzählt, wie Oper ohne handwerkliche Akribie ins Trudeln gerät, wie „Schlamperei“ – von Kupfer verabscheut bis zuletzt – noch so schöne Regieeinfälle torpediert, aber nicht bei Harry Kupfer, der Fleiß mit Können, Sorgfalt sowie nicht nachlassender und die Seitenstränge des Musiktheaters vergnügt einbeziehender Neugier verband. Denn selbst das Musical „Elisabeth“ inszenierte er vorzüglich und adäquat, wie sich auch Besucher der Alten Oper Frankfurt vorführen lassen konnten.

Eine früh gezündete und sich rasch ausweitende Laufbahn: Im August 1935 in Berlin geboren, studierte Kupfer in Leipzig Theaterwissenschaft und debütierte 23-jährig an der Oper in Halle mit Antonín Dvoráks „Rusalka“. Über Stralsund, Chemnitz (damals Karl-Marx-Stadt) und Weimar ging es nach Dresden, dies bereits als Operndirektor. Schon seit 1974 bekam er zudem die Möglichkeit, im Westen zu inszenieren, auch Kupfer ein Exporterfolg der DDR wie der eben verstorbene Tenor Peter Schreier oder der Bassbariton Theo Adam, der vor knapp einem Jahr starb. Die Umstände lassen sich Jahrzehnte später kaum noch vorstellen. Man liest, dass sogar seine Frau, die bekannte Sängerin und Gesangspädagogin Marianne Fischer-Kupfer (1922–2008), ihn zu Premieren begleiten durfte, die Tochter unterdessen als „Geisel“ im Osten blieb. Glaubwürdig sagte Kupfer später, es sei ihm egal („wurscht“) gewesen, ob er im Osten oder im Westen inszeniere.

Durchschlagende Wirkung hatte 1978 sein Bayreuth-Debüt mit dem „Fliegenden Holländer“ (dem zehn Jahre später der Laser-„Ring“ folgte). Mag heute eine psychisch verstörte, gar traumatisierte Senta angesichts der Ereignisse logisch erscheinen, schlugen die Wellen der Empörung und Begeisterung seinerzeit hoch. Aus der Entfernung beeindrucken die klassischen düsteren Bilder und zeigt sich ein sozusagen typischer Kupfer: Mit markanten, durchaus provozierenden Pointierungen – „eine Idee muss man haben“, so ein Kupfer-Credo, das banal klingen mag, aber alles Notwendige beinhaltet –, zugleich jedoch ruhig und ganz der Musik und dem Text zugewandt. Mit dem langen Atem, den die Oper braucht, jene Gattung, in der sich Kupfer ausdrücken wollte wie in keiner anderen: Sie sei „eigentlich meine Lebensform“. Ohne Musik, erklärte er bei anderer Gelegenheit prosaischer, falle ihm als Regisseur nichts ein, weshalb er auch kein Sprechtheater machte.

Verfechter einer ohnehin heillos illusionären Werktreue sollten sich bei Kupfer keineswegs zu Hause fühlen, aber auch das Frankfurter Publikum konnte sich unter der Intendanz Bernd Loebes mehrfach von der zeitlos klugen, aber nicht schüchternen Herangehensweise überzeugen (und ebenso von der Kunst seines langjährigen Bühnenbildners Hans Schavernoch): Noch vor Berlioz’ „La damnation de Faust“ oder zuletzt der Glinka-Rarität „Iwan Sussanin“ etwa in Hans Pfitzners „Palestrina“ (2009), wo er über die Handlung die Geschichte des Komponisten Schostakowitsch in der Stalin-Zeit legte. Aber er strapazierte diesen Einfall weder über, noch blieb er dabei stehen. Ja, man muss eine Idee haben, dann jedoch muss man sie durchführen.

Gerade im Alter wurde Kupfers Arbeit, der er sich mit einer sympathischen Gier widmete, immer internationaler, neben Europa ging es unermüdlich nach Amerika, Asien, Australien. Zum Mittelpunkt seines Lebenswerks wurde aber früh die Komische Oper in Berlin, wo er fast zwanzig Jahre lang bis 2002 Chefregisseur war – ein für ihn geschaffener Posten, der ihm alle Möglichkeiten bot und ihn an nichts hinderte. Weit mehr als 40 Regiearbeiten entstanden allein für dieses Haus, das zuvor sein Lehrer Walter Felsenstein geprägt hatte. Von ihm übernahm Kupfer nicht nur den Sinn für Realismus und die politisch-gesellschaftliche Dimension eines Werks, sondern auch und vor allem die unbedingte Betonung der Figuren, die Personenführung, die bis heute nur scheinbar eine Selbstverständlichkeit ist. Vor Felsenstein, erklärte Kupfer einmal, sei „Oper ja noch weitgehend ein kostümiertes Konzert“ gewesen“.

Wer Schwierigkeiten hat, das nachzuprüfen, kann zumindest leicht sehen, wie anders Kupfer es handhabte, aus Opernstars Menschen und aus Chören eine Menge von Individuen machte, bei aller Konzeptionsfreude immer den Einzelnen in den Vordergrund stellte. Es sei unglaublich, wie gut vorbereitet Kupfer auf eine Probe komme, berichtete die Sopranistin Anja Kampe kürzlich der FR, die vor zwei Jahren in seiner überragenden „Lady Macbeth von Mzensk“ in München sang.

Die Verbundenheit zur Komischen Oper blieb. Hier entstand im Frühjahr des soeben vergangenen Jahres Kupfers nun letzte Operninszenierung, Händels „Poros“. „Marathon-Mann“ wurde Harry Kupfer genannt, ein zwiespältiges Wort, weil es mit Durchhaltevermögen keineswegs getan ist. Aber seinen Atem wusste er wirklich einzuteilen, das stimmt. Die internationalen Spielpläne sind mit seinen neuen und alten Inszenierungen gut bestückt. 84-jährig starb Kupfer am Dienstag nach längerer Krankheit in Berlin.

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