Kafka

Übrig bleibt das Seelenfleisch

  • vonMarcus Hladek
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„Hard Feelings (Ein Bericht für eine Akademie)“ nach Kafka im Studio Naxos.

Franz Kafkas Erzählprosa „Ein Bericht für eine Akademie“, die er einem in Afrika gefangenen, auf hoher See und in Europa vermenschten Affen in den Mund legt, wurde nicht für die Bühne verfasst. Trotzdem begegnet sie dem Theatergänger immer wieder. Wo ein so zentraler Autor zur Kleinform eines Monologs oder als Akademiebericht getarnten Briefes greift, in der er insgeheim mit dem Variété liebäugelt und qua Figur die Spanne Mensch zu Nicht-Mensch ausmisst, mit der es auch die Bühne zu tun hat, da wird das Theater hellhörig.

Großwildjäger und Pierrots

Jan Philip Stange und Jakob Engel legen mit „Hard Feelings“ in der Naxoshalle Frankfurt eine Version vor, die deutlich mehr als der übliche Wanderpokal für Solisten ist. Wie absichtslos sprengen sie die Monologform durch zusätzliche Akteure: Judith Altmeyer und Laila Gerhardt für die zentrale Technik, Tobias Rauch und Philipp Scholtysik als Duo in den Kostümen von Großwildjägern, Theatermachern und Pierrots, die in projizierten Kurzdialogen stumm miteinander sprechen. Ihr Thema: Theater, Theaterwissenschaft, Illusion.

Ausgereizt wird die Metaebene von Theater durch den erhöhten Auftrittsort der King-Kong-haft großen Affen-Projektion, die auf einer Urwald-umrankten Gazé mit Seitenstufen, schwebendem Keys-Spieler und Elektrokabeln wie Lianen eingerichtet ist. Davor sitzen wir, das reale Publikum vor der durchscheinenden Bühne, gegenüber auf ihrer anderen Seite: ein vorgespiegeltes Variété-Publikum, das unter Gemurmel, Lachen und Applaus auf sich aufmerksam macht, als wäre es wirklich da.

Vor allem ragt „Hard Feelings“ aus so vielen „Berichten für eine Akademie“ aber durch seine Hologrammtechniken im Stil eines „deep fake“ heraus. Vom Film sind wir die täuschende Verlebendigung realer oder fantastischer Gestalten durch realistische Mimik, Gestik und Stimmgebung ja spätestens seit James Camerons „Avatar“ gewöhnt. Nur ist Film teurer und schneller als „analoges“ Theater. Etwas Vergleichbares in ihm zu sehen, in diesem Fall einer Industrieruine mit ästhetischem Zweitleben, ist zehn Jahre nach „Avatar“ immer noch überraschend.

Das szenische, assoziativ-intelligente Spiel einer Selbstreflexion des Theaters überschreitet gleichwohl das nur Technische. Man denke allein, wie achtsam Altmeyer und Gerhardt die Epiphanie ihres Mensch-Affen vorbereiten. Anfangs hinter einer Blickwand verborgen, wird die Rotpeter-Akteurin schrittweise enthüllt, sitzt dann sichtbar auf dem Daten-innervierten Spezialstuhl, offenbart uns ihre vors Gesicht geschnallte 3D-Kamera und den Sprechtext wie Notenblätter, legt endlich den wärmenden Mantel ab und zeigt uns so den Kabel-überzogenen Datenanzug, entkleidet sich zuletzt auch dessen. Was bleibt, ist der entmenschte Daten-Affe Rotpeter: ein virtuelles Bündel nachbebenden Seelenfleisches. Eine Form der Aufkündigung letzter Grade der Figuren-Illusion, wie man sie kaum je gesehen haben wird: höchst eindrucksvoll in Zeiten, da sich der Mensch im Licht seiner Entdeckungen von der Künstlichen Intelligenz zur CRISPR-Genmaschine ohnedies ganz klein zusammenzukauern neigt.

Studio Naxos in der Naxoshalle, Frankfurt: 17., 18. Oktober. www.studionaxos.de

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