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Hans Neuenfels ist tot – Was Theater kann und könnte

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Von: Judith von Sternburg

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Hans Neuenfels, 2015. Am Sonntag ist der Regisseur in Berlin gestorben.
Hans Neuenfels, 2015. Am Sonntag ist der Regisseur in Berlin gestorben. © dpa

Auf der anderen Seite der Oberflächenspannung: Zum Tod des Regisseurs Hans Neuenfels, der 80 Jahre alt wurde.

Was soll man sagen, wenn man den Eindruck hat, dass das Publikum den berühmten Ratten-„Lohengrin“ von Hans Neuenfels bei den Bayreuther Richard-Wagner-Festspielen am Ende vor allem lustig und niedlich fand? Bei der Premiere 2010 war noch die Hölle los gewesen. Dass Angela Merkel beim anschließenden Empfang erklärte: „Das war wunderbar, das hat uns gefallen, das haben Sie toll gemacht“, ging in die Annalen ein. Es hatte gerade in seiner fabelhaften Oberflächlichkeit Noblesse, was die Kanzlerin betraf. Mit Blick auf eine Inszenierung ist es natürlich ambivalent. Ambivalenzen, eine Spezialität von Hans Neuenfels.

Auch gehört Oberflächenspannung zu den integralen Bestandteilen des Regietheaters, im Guten wie im Bösen. Aus der Aufregung, der Erregung, aus der Langeweile (die man dem Ratten- „Lohengrin“ freilich nicht vorwerfen kann) und einer wie auch immer gearteten Quälerei soll etwas Neues entstehen, und wenn es ein Gespräch ist, bei dem die Fetzen fliegen. Das Regietheater braucht ein Publikum, das zumindest so weit im Bilde ist, dass es sich aufregt. Um ein Bürgerschreck zu sein, braucht man Bürger und Bürgerinnen, die sich erschrecken lassen. Darum belässt es das kluge Regietheater, das immer noch gerne Leute erschreckt, wenn es klappt, nicht dabei, sondern zeigt einem staunenden Publikum auch das, was nicht vorgesehen war und was trotzdem da ist.

„Regisseure wie Neuenfels“, schrieb der Musikautor und FR-Kritiker Hans-Klaus Jungheinrich schon vor vielen Jahren, erzählten „Opern immer mehrbödig und mit verschlungenen Subtexten, was auch darin zum Ausdruck kam, dass die handelnden Personen körpersprachlich ganz anderes mitteilen konnten als das, von dem im gerade gesungenen Text die Rede war“. Die helle Aufregung, die 1980 die Frankfurter „Aida“ hervorrief, die den Boden schrubbte, gehört dazu, eine lapidare und klare Einschätzung von Aidas Lage, hinter die die Regie nicht mehr gut zurück konnte (von Erich Wonder war damals das Bühnenbild, Michael Gielen dirigierte, es waren große Zeiten).

Neuenfels, der in der Oper seine am Ende durchschlagendsten Erfolge hatte, fing nicht am Musiktheater an, spielte kein Instrument, hatte sich das Notenlesen erst nach und nach beibringen müssen. 1941 in Krefeld geboren, hatte er Regie am Max Reinhardt Seminar in Wien studiert, wo er auch seine spätere Frau, die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, kennenlernte, anschließend an der Folkwang Hochschule in Essen. Nach ersten Inszenierungen in Wien, Krefeld, Heidelberg kam er nach Frankfurt, wo er unter der Intendanz von Peter Palitzsch das Mitbestimmungsmodell mitentwickelte und leidenschaftlich vertrat. Seine „Medea“ (von Euripides, 1975) seine „Iphigenie auf Tauris“ (von Goethe, 1979) erregten Aufsehen. Der Schauspieler Edgar M. Böhlke erinnerte sich später im FR-Gespräch an die „Medea“-Abende, „da stellte er sich nach jeder Aufführung der Diskussion. Und es fetzte“. 1974 debütierte er als Opernregisseur, mit Verdis „Troubadour“ (dessen Handlung ihm gar nicht verworren und sinnlos erschien, im Gegenteil) in Nürnberg und kurz darauf mit „Macbeth“ in Frankfurt. Kräftiger Verdi lag ihm. Auch zeigte er hier 1979 „Die Gezeichneten“ in einer für die Franz-Schreker-Renaissance wesentlich gewordenen Inszenierung, später Busonis „Doktor Faust“ oder Enescus „Oedipe“.

Frankfurt, so Neuenfels im Rückblick, sei für ihn wichtig als Phase der Mitbestimmung und als Ort, an dem er die Opernmusik für sich entdeckt habe. Als Theaterleiter versuchte er sich, aber nicht sehr lang: In Berlin, wo er von 1986 bis 1990 Intendant am Theater der Freien Volksbühne war.

Als Regisseur – als Berserker, aber auch, wenn er es wollte, mit Sanftheit und Laune, und dass die Ratten niedlich waren, kann ihm nicht entgangen sein – bewahrte er sich etwas Unentmutigtes. Noch seine Salzburger Festspiel-„Pique Dame“ machte 2018 von sich reden, obwohl sie (oder weil sie) altersmilde war – gezeigt immerhin an dem Ort, an dem er 17 Jahre zuvor in der „Fledermaus“ den Grafen Orlofsky kräftig hatte koksen lassen. Das war sehr unangenehm und unerfreulich für das Festspielpublikum, es war aber auch ein wenig wie bei der Aida am Boden: Was glaubt man, was das für eine Party ist?

Was das Fortkommen der Theaterwelt und den Stand der Dinge insgesamt betraf, war Neuenfels skeptischer. „Das Theater müsste erkennbarer werden, es ist leider sehr undeutlich geworden“, sagte er vor wenigen Monaten im FR-Interview zum runden Geburtstag. „Das Theater übt heute keinen Druck mehr aus im Hinblick auf gesellschaftliche Veränderungen. Die Leute im Theater beschäftigen sich zu wenig inhaltlich mit dem Theater. Es geht um Äußerlichkeiten. An den Opernhäusern wird heute grundsätzlich nichts Neues mehr versucht. Das finde ich enttäuschend. Ich sehe das sehr, sehr kritisch.“ Man will ihm immer noch sofort widersprechen. Man merkt sich die Sätze trotzdem und hat sie zur Hand.

Hans Neuenfels, dessen Sohn der Kameramann Benedict Neuenfels ist, drehte auch Filme, schrieb Bücher. Die fiktive Jean-Genet-Filmbiografie „Reise in ein verborgenes Leben“ wurde wegen der derben Sprache zunächst nicht gezeigt. Immerhin sind wir hier bereits im Jahr 1983, er aber war meistens ein Stück weiter.

Am Sonntagabend ist Hans Neuenfels im Alter von 80 Jahren in Berlin gestorben.

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