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Ist er blind, ist er’s nicht? Sarkohi und Müller.

Theater

Regie: die Walnuss

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Hannah Schassners „Kopfgeburten“ nach Max Frisch in den Frankfurter Landungsbrücken.

Frei nach Max Frischs Roman „Mein Name sei Gantenbein“, in dem ein von seiner Frau Verlassener vor das Auto einer Prostituierten läuft und diverse Identitäten ausprobiert, hat die Regisseurin Hannah Schassner im Theater Landungsbrücken das Stück „Kopfgeburten“ erdacht und eingerichtet. Schassner, die auch bei der Frankfurter theaterperipherie inszeniert, lässt dazu als Verkörperung des Orts, an dem die unterschiedlichen Geschichten und Figuren entstehen, eine halbe Walnuss/Hirnhälfte auftreten. Es ist dies, eine Walnusshälfte aus Stoff auf dem Rücken tragend, Silvana Morabito als Gedankenbäckerin (als erstes rührt sie einen Kuchen an), als gleichsam Regie Führende, zuletzt aber mit ihren Figuren sehr Unzufriedene. Sie machen sich selbstständig, sie gehorchen nicht mehr. Nein, so geht das doch nicht ...

Das Publikum sitzt in der Halle der Landungsbrücken auf allen vier Seiten der Spielfläche. In der Mitte steht ein Podium, aber überwiegend sind der Mann und die Frau, Stephan Müller und Bahar Sarkohi, in (Kreis-)Bewegung, gehen, eilen mal rechts-, mal linksrum. Sie soll mal Prostituierte sein, mal Nagelpflegerin, mal, ach nee, doch nicht, Lehrerin. Er nennt sich Gantenbein, ist blind, ist nicht blind, tut so, als sei er blind, reißt sich die Binde dann wieder von den Augen. Eine Geschichte fädelt sich in die andere, reißt ab, wird wieder angeknotet. Extrem lückenhaft sind hier alle Biografien, nehmen Anlauf, laufen aber nie weit.

„Kopfgeburten“ ist ein munteres, manchmal etwas atemloses Was-wäre-Wenn. Zwei Menschen, ein Mann, eine Frau, und all die Möglichkeiten, wie sie sich lieben, missverstehen, betrügen, belügen, wieder lieben, wieder missverstehen. Sie trägt eine Walnuss in sich, ist schwanger. Oder sagt sie nur, dass sie schwanger ist? Dass sie nicht schwanger ist? Er freut sich über den Kuchen, den sie ihm mitbringt. Oder wirft er ihn jedes Mal weg, weil er gar keinen Kuchen isst? Hat sie eine neue Frisur oder behauptet sie nur, beim Friseur gewesen zu sein?

Hannah Schassner spinnt ein verwirrendes, aber auch fesselndes Netz der Behauptungen, Rücknahmen, bruchstückhaften Biografien. Die Figuren eilen hierhin, dorthin, wir sind ihnen gedanklich auf den Fersen, müssen ihnen folgen bei jeder Volte.

Termine

Landungsbrücken, Frankfurt: 9., 10. Mai. www.landungsbruecken.org

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