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Tara, traurig zwischen Quadern: "Kluge Gefühle" am Stadttheater Heidelberg.

Heidelberger Stückemarkt

An und auf der Hand

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„Kluge Gefühle“, ein Stück der Autorin und bekannten Schauspielerin Maryam Zaree, ist in Heidelberg uraufgeführt worden.

Die in Teheran geborene, in Frankfurt aufgewachsene Autorin und bekannte Schauspielerin Maryam Zaree hat für ihr Stück mit dem schönen Titel „Kluge Gefühle“ 2017 den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts gewonnen. Es erzählt direkt von den Schwierigkeiten, quasi der Unmöglichkeit, mit einer traumatisierenden Vergangenheit umzugehen. Es erzählt indirekt auch von der Schwierigkeit, ein starkes Theaterstück zu schreiben. Unmöglich ist das nicht. Gleichwohl leidet die zentrale Eigenproduktion des diesjährigen Stückemarkts unter einer gewissen im Text bereits angelegten, in der Inszenierung von Isabel Osthues erst recht zutage tretenden Offensichtlich- und Überschaubarkeit. Die Zuschauerin wird an der Hand genommen, und sie merkt es. Sie sieht das Baugerüst unter dem Stück und wenn sie es nicht sieht, wird sie durch kleine Hinweise darauf gestupst. Das muss einen nicht stören, aber es kann. Dass interessanterweise die Hauptfigur selbst den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, passt freilich dazu.

Dabei bietet Zaree erzählendes (autobiografisch grundiertes) Theater, nach dem sich Bühnen und Publikum sehnen und für das Dramaturgen allenthalben Romanwerke auswringen. „Kluge Gefühle“ ist eine triftige Geschichte über einen gegenwärtigen, gegenwärtig aber nicht stark thematisierten Gegenstand. Zaree, Jahrgang 1984, zeigt zunächst, wie die gleichaltrige Juristin Tara sich mäßig erfolgreich in den Sphären des Internet-Datings verliert. Sie hat ein enges Verhältnis zu ihrer Mutter

Shahla, voller Liebe und Gereiztheit. Der Vater ist in einem iranischen Gefängnis umgebracht worden. Obwohl Tara jedoch als Anwältin Asylbewerber vertritt, hat sie sich und ihre Mutter anscheinend nie gefragt, was  diese damals ihrerseits in Haft erlebt hat.

Während dem Publikum bald klar sein wird, dass hier der Kern des Dramas steckt, arbeitet sich „Kluge Gefühle“ erst allmählich dazu vor, die Mutter (als Zeugin vor einem symbolischen Tribunal in Den Haag) ihre Geschichte erzählen zu lassen. Man hat also die Fallhöhe zwischen quirliger Partnersuche im Internetzeitalter und existenziellem Verschweigen des Unaussprechbaren vor sich, zwischen postpubertärem Jammern (und Psychoanalysieren) und dem Weiterleben mit dem Trauma.

Es ist vor allem die Figur der Tara selbst, die sich als schwierig vermittelbar darstellt (was ironischerweise ja auch ihr Problem auf der Dating-Plattform ist). Regisseurin Osthues und Schauspielerin Sophie Melbinger versuchen es mit einer körperbetonten Hyperaktivität. Das passt zu den Herausforderungen der eisig graublauen Quader, aus denen Jeremias Böttchers Bühne im Zwinger 1 besteht. Aber es ist auch eine Hektik, die den Blick verstellt, und als Tara still und traurig wird, ist nicht mehr viel von ihr da. Auch die Hektik zeigt ja nicht ihre innere Zwangsläufigkeit, sondern hängt damit zusammen, dass Quader gerückt und gestoßen werden. Das macht Lärm, und hinter dem Lärm kann sich nichts auftun.

Tara flitzt, ihr Psychoanalytiker, Roland Bayer, sitzt, ihre Freundin Rabia, Maria Magdalena Wardzinska, bewegt sich sogar koboldgeschwind und taucht wie ein Handpüppchen auf und weg. Man wird aber den Eindruck nicht los, dass etwas in Gang gesetzt werden soll, das lahmt. Auch dies könnte Teil der reflektierten Umstände sein – klar: Tara will es nicht wissen, die Mutter will es nicht sagen, metaphorisch gesprochen gehen beide mit Eisenkugeln am Bein durch die Welt –, ist es aber nicht.

Es ist dagegen eine einleuchtende Setzung, dass das Ensemble seine westeuropäische Herkunft nicht verschleiert. Am eindrucksvollsten ist das bei Shahla, Beatrix Doderer, die mitnichten als Fremde vom Grauen im Foltergefängnis berichtet. Gebrochen Deutsch sprechende Stimmen aus dem Off scheinen hingegen zu signalisieren, dass auch hier vielleicht ein Zögern war. Nun wird das Fremde wenigstens akustisch einbezogen, was auch halbherzig erscheinen kann.

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