Bohrende Blicke, aufgerautes Spiel: Svenja Liesau (r.), hier mit Catherine Stoyan. Ute Langkafel Maifoto
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Bohrende Blicke, aufgerautes Spiel: Svenja Liesau (r.), hier mit Catherine Stoyan.

Theater in Berlin

„Hamlet“ in Berlin: Nichts echt – kein Wunder

  • vonUlrich Seidler
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Christian Weises lustvoll überinspirierter „Hamlet“ am Berliner Gorki-Theater.

Na jut, ick mach’s“, will Svenja Liesau geantwortet haben, als Christian Weise sie gefragt habe, ob sie die Titelrolle in seiner „Hamlet“-Inszenierung spielen wolle. Der Regisseur habe so verzweifelt geklungen, dass sie es nicht abschlagen konnte. Erst später habe sie mitbekommen, dass es sich um das längste Stück von Shakespeare handelt und dass ungefähr die Hälfte des Textes von Hamlet gesprochen wird.

Wir sehen die Schauspielerin zum ersten Mal in Fleisch und Blut, als sie uns das in einer komischen Improvisation alles erzählt, und da ist der Premierenabend im Berliner Gorki-Container schon 20 Minuten alt. Bis dahin – und auch im weiteren Verlauf – blicken wir viel auf den eisernen Vorhang. Das meiste findet dahinter, in einer detailliert ausgeschnittenen und angemalten, perspektivisch verschobenen und verschachtelten Pappkulissenwelt (Bühne: Julia Oschatz) statt und wird von Livekameras übertragen.

Die Figuren stecken in selbstgestrickten, knallfarbigen Kostümen von Paula Wellmann, auch die Haare und Bärte sind aus Wolle und die Schuhe angepinselt. Kurz: Alles ist nachgebildet, nichts echt. Und das ist auch kein Wunder, denn hier wird ein Film gedreht – und Film ist Lüge. Das schließt auch das Filmteam mit ein, das zumindest teilweise mit Pappkamera und -mikro arbeitet.

Ein amerikanischer Philosophie- und Filmstudent namens Horatio (Oscar Olivo) will die Geschichte des dänischen Prinzen nach Germany übertragen und eine gegenwartsbezogene politische Interpretation wagen – mit deutschen Schauspielern, mit denen zu arbeiten wie Porschefahren sein soll. Und dann nimmt ihm sein Freund Hamlet das Ganze Stück für Stück aus der Hand.

Gorki Theater, Berlin: 8., 10. Februar, 3., 4. März. www.gorki.de

Die Spiel-im-Spiel-Rahmung des Abends ist mit der Mausefalle-Szene, in der das Theater die Mörder entlarvt, von Shakespeare angelegt. Ebenso wie die Ebenen von Spiel und Sein, von Wahn und Wirklichkeit, auf denen Hamlet hoch- und runterklettert, bis er selbst die Ebenen nicht mehr unterscheiden kann und nicht weiß, was er denken und fühlen, geschweige denn, wie er handeln soll. Diese existenzielle Verwirrung ist das Thema dieser Rache-, Bruder-, Gattenmord- und Liebes- und eben auch Theatergeschichte.

Dass sich das Ganze nun an einem Filmset in der Gegenwart abwickelt und mit fröhlicher Albernheit in jedem Moment mit einem „Cut“ ab- und von Improvisationen unterbrochen werden kann, schafft reiche selbstreflexive Möglichkeiten und Gelegenheiten für Deutungen, Erklärungen, Streitereien – und für Genrewechsel per Ansage, die der Musiker Jens Dohle nach kurzem Nicken passend live vertont.

Die Spielweise in dieser an den Bastelwahn von Vegard Vinge und Ida Müller erinnernden Bilderbuchwelt wechselt zwischen Stummfilm, Stand-up, Puppentheater, Musical, Drama und gefühlsechter Großaufnahme à la Hollywood. Es kann schon sein, dass auch dem echten Regieteam der eine oder andere Faden (zum Beispiel: Marginalisierung des Theaters) oder Deutungsansatz (Spannung von Realpolitik und Idealismus) im Durcheinander der Ideen und Inspirationen verloren gegangen ist – aber das passiert nun mal, wenn man spielt.

Spätestens mit dem nächsten bohrenden Blick von Svenja Liesau – mit ihrer aufgerauten, aus der Tiefe ihres Körpers dringenden Stimme, mit ihrem Spiel, das im Augenblick aufbricht, in Sekundenbruchteilen ungezügelt durch die Seelenzustände springt und im Handumdrehen wieder eingefangen ist – hat uns das Drama wieder im Griff. Ein schöner, vollgestopfter, verspielter dreistündiger Abend, an dem man das Theater entdecken und lieben lernen kann.

Für Ruth Reinecke ist es die Premiere, mit der sie sich nach über vierzig Jahren vom Gorki Theater verabschiedet. Warum sie als Geist eine Karl-Marx-Mähne tragen muss, erschließt sich dem Publikum und vielleicht auch ihr selbst so recht nicht, aber sie tut es bei großer Wärme mit fröhlicher Würde – und sie kann von früher erzählen, wie Thomas Langhoff einmal zu ihr gesagt hat: „Spiel um dein Leben, Ruth“. Svenja Liesau hat ihr zugehört.

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