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In ihnen schlägt das Herz der Volksbühne (v. l.): Lilith Stangenberg, Thelma Buabeng, Valery Tscheplanowa, Martin Wuttke, Marc Hosemann, Hanna Hilsdorf.

"Faust" auf der Volksbühne Berlin

Auf halber Strecke

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Kann das wahr sein? "Faust" ist Frank Castorfs letzte, rauschhafte Volksbühnen-Inszenierung.

Um 1.15 Uhr, nach gut sieben Stunden Spiel, einer Pause und minutenlangem Jubel eilt Marc Hosemann, dieser Zweitausendsassa von Mephisto, noch einmal an die Rampe, breitet kokett die Arme aus und fragt mit Blicken, ob man sich, der Abend war doch lang genug, nicht langsam beruhigen könne. Aber sind zehn Minuten Klatschen nach 25 Jahren Frank-Castorf-Volksbühne wirklich übertrieben? Wären allein für diesen reichen, wilden, lustigen und schmerzlichen „Faust“-Abend nicht unermüdliche Klatschmärsche und stehende, wenn nicht tanzende Ovationen angemessen? Martin Wuttke, der bravourös die Titelrolle weggeschleppt hat, genießt den Applaus, hat das pure Glück des Augenblicks im Gesicht, und die herrliche Hexe Sophie Rois wäre mit ihrem Repertoire an fröhlich gnädigen Huld-Bezeugungen noch lange nicht am Ende.

Aber Hosemann war offenbar schon in der Kantine und hat bereits ein geöffnetes kaltes Bier in der Hand. Und mit Blick auf diese Flasche lässt sich das Publikum, es ist das verwöhnte und lässige Volksbühnen-Premierenpublikum, denn auch schnell zum Abbruch jeglicher Beifallsbekundungen überreden. Ein Bier, gute Idee.

Castorf selbst ließ sich anstandshalber zum Verbeugen blicken, griff Valery Tscheplanowas Hand, also die der barbusigen, weißfederumflockten, biestig-glitzernden und heilig-schimmernden Helena/Grete, arbeitete wie immer seinen Kaugummi durch, deutete seinen Diener wie immer auf eine Weise an, dass einem unmissverständlich klar wird, wer hier wem zu danken hat. Und dann verschwand er mit ernstem Gesicht in der Gasse. Es war seine letzte Premiere, das ist bekannt, allein man will es nicht glauben. Und dennoch: Von der Idee, dem Augenblick zu sagen, er solle verweilen, weil schöner wird’s wohl kaum mehr werden, dazu ist man nun auch wieder nicht bereit. Schon des besagten Bierchens wegen.

Es wurde Goethes „Faust“ gegeben, das heißt es erklangen einige Verse und Monologe aus beiden Teilen– mal auf das Ernsteste seelisch durchdrungen, mal in vollendet zarter Schönheit deklamiert, mal abgewürgt, hergeröhrt und weggenuschelt, nicht selten von der Souffleuse eingeflüstert. Dazu kommt reichlich episches Material aus Emile Zolas Huren-Roman „Nana“, eine Passage aus Paul Celans „Todesfuge“, mindestens ein bündig eingepasster Heiner-Müller-Vers „Der Mutterschoß ist keine Einbahnstraße“, und eine schmerzhaft gegenwärtige Faust-Deutung im Spiegel der französischen Kolonial- und Kapitalismuskritik der 1960er Jahre.

Ein rauschhafter, reinigender, hirnerhellender und weltverdunkelnder Gedankenritt, bei dem das Faustische als männliches, strebendes, egomanisches, zerstörerisches und hybrisches Prinzip entlarvt wird und so tragisch wie lächerlich scheitert. Wobei das Mephistophelische keinen echten Widerpart bildet, sondern die Sache nur beschleunigt. Die Liebe wäre schon eher ein Gegenmittel. Oder wenigstens guter Sex? Das Fremde und das Weibliche sehen dem Überkommenen in aller Ruhe bei der Selbstzerstörung zu und werden es hoffentlich bald ablösen.

Ein Schlusswort ist dieser „Faust“, aber welche Castorf-Inszenierung wäre kein Schlusswort gewesen? Dieses Theater verachtet die Reserven und zeigt sich unerschöpflich. Meine Güte! Weimar hat Goethe, als dieser fünfzig Jahre in der Stadt weilte und waltete, ehrenden Feierlichkeiten ausgesetzt, die den Achtzigjährigen zu seinem Verdruss in der Arbeit an „Faust“ aufhielten – aber wehe, man hätte ihm nicht gehuldigt. Und Berlin jagt Castorf aus dem Amt, weil „25 Jahre genug sind“. Genug – ein dummes Wort.

Ein bisschen konzeptionell sei das Ganze und irgendwie frauen- und fremdenfeindlich, ja eigentlich provinziell, sagt ein Herr in kostbarem Anzug (Alexander Scheer mit belgischem Akzent) und bekommt von Martin Wuttke ein Glas Bier über den Kopf geschüttet, so wie es Castorfs Nachfolger Chris Dercon am Rosa-Luxemburg-Platz geschah. Der verschworene Saal kichert noch, als Wuttke im Abgang noch ruft: „Vielleicht hat er ja recht?“

Wieder sind die Schauspielerinnen im edelnuttigen Fummel von Adriana Braga unterwegs und sehen umwerfend darin aus. Die schwarzen Spieler werden gegängelt, ihre Hautfarbe und ihre Akzente werden vorgeführt – aber Schönheit und Wohlklang auch hier. Lauter Projektionen von machtgeilen, jammerläppisch-todesängstlichen Heteros bevölkern die Bühne – treiben ihr Unwesen, wie es so schön heißt. Castorf entreißt sie aber nicht nur dem Tabu, sondern lässt sie zu Subjekten werden, die besagtem Manne (womit Castorf sich immer auch selbst meint) mit lächelndem Stolz den Hahn abdrehen. Die Welt ist – wir wussten es schon, bevor ein rassistischer Grabscher US-Präsident wurde – noch lange nicht so weit.

Die Bühne von Aleksandar Denic ist eine unergründlich verschachtelte Pariser Straßenecke, an der sich Pissecken, Käfige, Bretterbuden, Ölfässer auftürmen. Es gibt eine Heavy-Metal-Bar, die man durch einen Teufelsschlund betritt, ein Puffhüttchen; Plakate werben für Varieté-Programme sowie für Sex- und Horrorfilme. Am tollsten ist der U-Bahnschacht mit geschmiedeten Gittern und Funzelbeleuchtung.

Leinwände übertragen das Geschehen aus dem Inneren der Verschläge oder eben aus der U-Bahn, an deren Fenstern die Stadt vorbeifliegt und wo sich die Fahrgäste in wohlbeobachteter Weise wie Arschlöcher verhalten. Auch in Licht- und Nebelführung, beim Soundtrack sowie bei der Video- und Tontechnik macht der Volksbühne keiner was vor. Das alles ist ein bestimmt sehr kostspieliger, vor allem aber ein verlässlicher Apparat, in dem das Spiel mit der Überforderung und Entäußerung überhaupt erst möglich wird.

Und hier schlägt das lebendige Herz der Volksbühne, bei den Spielern. Ausrufezeichen müssen her! Der vollelastische Kasperfuror von Hosemann! Die Kraft und Genauigkeit von Martin Wuttke, der seinen Faust mal als geilen Tattergreis mit Gummimaske und grauem Fusselhaarkranz und mal als unerschütterlich selbstverliebten Blondhaargockel gibt! Valery Tscheplanowa, die sich bei ihrer geheimnisreichen, besonnenen Ruhe und Intensität als kreischfähige Castorf-Spielerin bewährt! Der betörende, beschwörende Brüllgesang von Lilith Stangenberg! Die allerliebste berlin-echt verletzliche Dreckfressigkeit von Hanna Hilsdorf! Alexander Scheers popelig-lässige Starallüren bei unübertrefflicher Kamerasicherheit! Sophie Rois natürlich, die schrille Holde, singt einmal mehr mit dem alles umblasenden Sophie-Rois-Rauch in der Stimme Schuberts „Leiermann“. Begleitet von dem einzigen echten Gentleman auf Berliner Bühnen: Sir Henry! Thelma Buabeng schmeißt sich mit argloser Freude voll ins Zeug, keine Tränen trocknen schneller als die ihren! Lars Rudolph und Frank Büttner als unverzichtbares Bar-Inventar, schräg, laut, gedankenzerknirscht und seelenvoll! Angela Guerreiro und Abdoul Kader Traouré: wie sie sich im Ich-Sein magisch absondern! Und dieser schmelzende vibrierende Entrüstungstenor des amtierenden Volksbühnen-Chefhysterikers Daniel Zillmann!

Was für ein Ensemble! Wie sie dieses Haus anbeten, anschreien, es durchjagen, sich ihm hingeben. Und wie dieses Haus sie gewähren, zappeln und glänzen lässt. Zerstörung und Liebe, hier löst sich dieser Widerspruch auf. Für ein Weilchen. Doch nun soll offenbar genug gefeiert sein. Verflucht.

Volksbühne Berlin: 10., 12., 17.,18., 31. März, 1., 14., 15. April. www.volksbuehne-berlin.de

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