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Judith Rosmair als Kriemhild.

Nibelungenfestspiele Worms

Hagen und Kriemhild

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Gemetzelfreies „Gemetzel“ mit ungenutztem Potenzial in Worms: Albert Ostermaier schreibt für die erste Saison nach Dieter Wedel und unter dem neuen Intendanten Nico Hofmann eine eigene Lesart des Nibelungenliedes.

Es ist seltsam, aber auch ganz beruhigend, dass es ausgerechnet unter dem Namen „Gemetzel“ vor dem Wormser Dom kein Gemetzel zu sehen gibt. Als es am Ende doch noch heiß und furchtbar werden soll – rot illuminiert die Tischplatte, auf der die Burgunder sich tummeln –, stellt sich das halb so wild dar. Eher ein: Was wäre, wenn. Ein: Sie werden doch nicht, oder? Mit einiger Unentschlossenheit also gegenüber dem Moment, in dem ein Konflikt auf die möglichst familienvernichtendste Art beendet wird, ein Ende durch den Tod sämtlicher Mitglieder einer der Konfliktparteien. Ja, irgendwie sind die meisten dann auch tot.

Das berühmteste und vermutlich am längsten anhaltende Gemetzel der deutschsprachigen Literatur, erzählt im Zweiten Teil des Nibelungenlieds und dem Untergang der Burgunder am Hunnenhof gewidmet, interessiert aber den Autor und den Regisseur des Stückes „Gemetzel“ anscheinend nicht besonders. Der Dramatiker Albert Ostermaier hat für den Auftakt der Intendanz von Dieter-Wedel-Nachfolger Nico Hofmann bei den Nibelungenfestspielen seine zum Teil starke, zum Teil bloß wortgewandte Lesart der Geschichte geschrieben. Der Fernseh- und Filmregisseur Thomas Schadt inszeniert in einem wirkungsvollen Bühnenbild von Aleksandar Denic.

Zwei rollbare (aber nicht rollende) Kampfmaschinen stehen dabei einander gegenüber: Das burgundisch-christliche Ungetüm trägt einen dornenbekrönten Totenkopf, der seinen Schatten nachher schaurig an die Domwand wirft. Für das hunnisch-heidnische wurde ausführlich gegen das Elfenbeineinfuhrverbot verstoßen. Waffe und Tod ist jedes Detail an diesen Monstern, die durch eine instabil wirkende Brücke verbunden sind und auf denen die Schauspieler herumklettern können. Eine überzeugende Lösung, den brachialen Rahmen abzustecken, diverse Spielebenen zu schaffen und den Blick auf den Dom nicht zu verbauen. In den Monsterbäuchen findet zudem die Band Panzerballett Platz, die auch als Unterhaltung durchgehende Musik von Jan Zehrfeld spielt.

Kein Gemetzel. Stattdessen kommt der erste Teil des Nibelungenliedes, Siegfrieds Tod, der dann Kriemhilds furchtbare Rache zur Folge hat, durch die Hintertür hereinspaziert. Die Burgunder sind auf dem Weg an Etzels Hof. Der Köngssohn (Alina Levshin) lässt sich vom quirligen Hofnarren (Maik Solbach) und einem mysteriösen Passanten, der als Batman verkleidet ist, die ganze Vorgeschichte zu den erwarteten Gäste erzählen.

Man muss nicht lange warten, um den Verdacht bestätigt zu sehen, dass Batman Hagen (Max Urlacher) ist, der die Lage am Hunnenhof sondieren will. Man muss auch nicht lange warten, um zu begreifen, dass die eigentlichen erzählerischen Elemente des Abends an eine Tanzgruppe (Choreographie: Ted Stoffer) abgegeben werden. Der Tanz ist nett anzusehen und führte in der Premiere zu manchem Zwischenapplaus. Auf der Höhe der Situation bewegt er sich nicht. Scheint die gewisse Läppischkeit noch plausibel, wenn dem Kind erklärt werden soll, was ein Kind nicht verstehen kann (auch ein Erwachsener versteht Siegfried ja nicht wirklich), so ist sie im Schlussgefecht nur noch banal.

Während aber die Rolle des wackeren, auf Heldentaten ausgehenden Kindes zwar sympathisch, aber auch didaktisch ausgestaltet ist – inklusive arg lehrbuchhafter Fragen zum Tun der Großen –, setzt Ostermaier die interessanteren und markanteren Punkte im Erwachsenengeflecht. Kriemhild (Judith Rosmair) und Hagen sind hier verstrickt wie nie (wobei keine vernünftige Interpretation das beiseite lässt). Er folgt ihr in ihren Träumen an den Hof ihres zweiten Mannes (Markus Boysen), so effizient, dass das Publikum nicht mehr sicher sein soll, wessen Sohn der von Batman total begeisterte Knabe ist.

Siegfried, der unterbelichtete Knirps

Begehren wabert auch zwischen Kriemhild und Brünhild (Catrin Striebeck). Siegfried, der nicht mitspielen darf und von der Tanzgruppe als unterbelichteter Knirps abgetan wird, bekommt äußerst einleuchtend eine Unfähigkeit zur Liebe attestiert. Das ist nicht gerade subtil, aber es ist für Wormser Verhältnisse zunächst unerwartet düster und ausbaufähig: Hagen und das Kind, Hagen und Kriemhild. Die Schauspieler könnten das auch ohne Tanzeinlagen gewiss gut vermitteln. Es trägt zudem nicht zur Konzentration bei, dass ausgerechnet bei einer derart unpolitischen Interpretation Brünhild sich nachher (und folgenlos) als Selbstmordattentäterin in spe am Hunnenhof einschleust. Im Zuviel geht am Ende das meiste unter, nur der Unterhaltungswert zappelt und hält sich über Wasser.

Über allem ein echter Wahnsinnsmond. Was das Glamourerlebnis, das Fernseh- und Politikprominenzaufgebot sowie die blutige Wasserfarbe in der Pause betrifft, ist der Übergang von der Gründungsintendanz zum ersten Nachfolger nahtlos gelungen.

Nibelungenfestspiele Worms: bis 16. August. www.nibelungenfestspiele.de

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