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Er ist doch nicht etwa tot? Nein, nein. Kateryna Kasper und Brennan Hall in „Amadigi“. Barbara Aumüller
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Er ist doch nicht etwa tot? Nein, nein. Kateryna Kasper und Brennan Hall in „Amadigi“.

Theater

Händels Oper „Amadigi“ erzählt eine alte Geschichte neu

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Im Spa der Zauberin: Händels „Amadigi“ im vollbesetzten Bockenheimer Depot als erste Premiere der Saison

Unvergessen, wenn es auch ein Zeitalter her ist: Im November 2019 – Wochen, bevor die FR im Vermischten erstmals titelte „Neues Virus bereitet Sorgen“ – nahm der US-amerikanische Regisseur R.B. Schlather das Bockenheimer Depot so puristisch wie sensationell für Georg Friedrich Händels „Tamerlano“ in Beschlag. Während der damalige Europa-Debütant mit seinem Ausstattungsteam gestern Abend im Opernhaus nachlegte (mit Domenico Cimarosas „Italienerin in London“, Besprechung folgt), gab es im Depot am Samstag als erste Premiere der Spielzeit erneut Händel im Ganzkörperbühnenbild, diesmal von einem jungen italienischsprachigen Trio.

Auch Alberto Beltrame hat für Regisseur Andrea Bernard einen weißen Kasten in den Kasten gebaut, der die Zuschauertribüne einbezieht. Diesmal ist es ein Wellnessbad, das wir durch schmale Gänge betreten. Asiatisierendes Personal scheint hier Behandlungen anzubieten. In Gläsern wird gewiss sehr, sehr hochwertiges Wasser gereicht. Was den Herrschaften auf die Arme geheftet wird, wollen wir lieber nicht wissen. Jedenfalls sind die Männer, die hier arbeiten – handverlesene Statisterie, die es versteht, im neutralen Blick ein Lauern unterzubringen, das auch aus der im Depot gegebenen Nähe noch überzeugt –, gerade in ihrer Seelenruhe beunruhigend.

In der Tat. Dies ist das Reich der Zauberin Melissa, das lichte Spa hat eine dunkle Seite, Raben krächzen, Giftspritzen sind stets zur Hand und im abgeschlossenen Glasschränkchen steht nicht nur grüne Flüssigkeit, die außer Melissa keiner unbeschadet zu sich nehmen kann – für sie ist es ein Energydrink zwischendurch –, sondern auch ein eingelegtes Herz. Es ist sehr groß. Melissa drückt es sich an die Stelle, wo es vermutlich einst saß. Dass die Zauberin, in Elena Beccaros Kostüm eine Schamanin in Schwarz, herzlos ist, heißt nicht, dass sie es immer war. Und trotz ihrer Herzlosigkeit liebt, begehrt sie weiterhin den charmanten Titelhelden, Amadigi.

Dramaturg Zsolt Horpácsy nimmt es dem Publikum im Programmheft dankenswerterweise ab, festzustellen, dass „Amadigi“ nicht das beste Libretto ist, das Händel vertont hat (1715 war die Uraufführung in London). Denn nun ist es so, dass Amadigi die holde Oriana liebt und von ihr geliebt wird, während Amadigis guter Freund Dardano gleichfalls Oriana verfallen ist. Es muss Tote geben – zumal der Deus ex machina, Orianas Onkel, gestrichen wurde –, um das noble Paar zu vereinen. Aber das dauert, kann ich Ihnen sagen. So kraftvoll viele der Arien sind – gerät Händel doch nie ernstlich unter Niveau –, so unterdurchschnittlich beliebig das dramatische Wirrwarr. Mordpläne bleiben unausgeführt, obwohl Regisseur Bernard durch das Giftarsenal Melissas ständig Arges andeuten kann. Das ist sozusagen eine permanente James-Bond-Film-Situation, bei der stets das Schlimmste droht, aber nicht eintritt. Schon erwacht der totgeglaubte Amadigi wieder.

Die Nummern werden auch schön ausgearbeitet, was wird hier gejammert und gelitten und gewütet und gehadert, aber nach dem großen Vehikel für all das sucht Bernard anscheinend nicht. Die Folge davon ist, dass die schicke Umgebung – ganz anders eben als im „Tamerlano“ – diesmal doch eine Dekorationsentscheidung bleibt. Symbole dafür: die Riesenkrähe, die melancholisch die Bühne kreuzt, oder mäßig einfallsreiche Schläge ins Wasserbassin, wenn die Empfindungen Gesten besonderer Heftigkeit fordern. In der Dekoration, nämlich an der Wand des Bades, allerdings auch die wichtige Devise: „Amantes Amentes“, Liebende sind Verrückte. So ist es, damit muss man sich wohl begnügen.

Das junge Ensemble ist auch deshalb schauspielhaft nah am Publikum, weil das Orchester unter der Leitung von Roland Böer hinter der Spielfläche sitzt, dazwischen ein leichter Vorhang, den die Inszenierung sich zunutze macht. Aber auch hier fehlt ihr streng genommen die Raffinesse, etwas über das Ansehnliche hinaus daraus zu machen.

Das singende Quartett, vier Rollendebüts): höchst engagiert. Als Titelheld ist der außerordentlich jugendlich wirkende Brennan Hall zu erleben (schon im „Tamerlano“ als sympathischer Tropf dabei), dessen milde, leichte und fast wie etwas scheue Altstimme hinter denen der imposanten Frauen zurücktritt. Kateryna Kasper ist seine Oriana, die bei aller Sanftheit über einen beherrschenden Sopran verfügt – eine neckischer Kommentar zur Beziehung zwischen den beiden, die im Spiel nur zart angedeutet wird. Kaspers Oriana ist absolut bereit, ein liebes Mädchen zu sein und Blumen zu streuen, sie singt bloß nicht so. Mächtig und prächtig Elizabeth Reiter als Melissa, ein überzeugendes Rivalinnen-Duell auch der Soprane. Als Dardano spielt Beth Taylor das Androgyne großartig aus, dazu passt ihr Mezzo, die tiefste Stimme des Abends. Ihre Arie „Pena tiranna“, eine namhaftere dieser Opernrarität, erinnert ja zum Verwechseln an die „Rinaldo“-Arie „Lascia ch’io piango“ und ist damit ein Zugpferd des Abends.

Wie das farbig illustrierende Orchester unter Böer, das vor allem nach der Pause mit mehr Abwechslung durch Blockflöten- und Blechbläsereinsätze nach allen Regeln der Kunst bezaubert.

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot: 27., 29. September, 1., 3., 4., 6., 7. Oktober. www.oper-frankfurt.de

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