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Händels „Il trionfo...“: Der Mensch in der Sanduhr

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Von: Judith von Sternburg

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Aber das Vergnügen ist eben auch viel vergnüglicher. In der Mitte in Weiß Bellezza, rechts mit Blumengirlande Piacere. Foto: Andreas Etter
Aber das Vergnügen ist eben auch viel vergnüglicher. In der Mitte in Weiß Bellezza, rechts mit Blumengirlande Piacere. © Andreas Etter

Händels „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ mit dem Staatstheater Mainz an ungewohnter Stätte.

Bemerkt man ihn sofort? Ein kleiner Scheinwerfer ist dann auf das Sandhügelchen gerichtet, das von oben berieselt wird und sehr, sehr langsam, aber unverhinderbar wächst. Die Bühne ist ein schöner Sandkasten, man kann hier tanzen, schlendern, spielen, aber sie ist auch der Boden einer großen Sanduhr. Es fällt nicht auf, wie die Zeit vergeht, aber sie tut es unaufhörlich.

Georg Friedrich Händels Oratorium „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ kommt als Spielverderber und moralischer Haudrauf daher, während die Musik von eben jener Schönheit ist, deren schnöde Vergänglichkeit uns hier vorgeführt wird. Fern der frommen Routine von einst – der junge Händel wollte in Italien reüssieren und setzte (mit Erfolg) auf einen Text des namhaften Librettisten, Musikers und Geistlichen Benedetto Pamphili – ist das eine irritierende Doppelbotschaft. Spannend auch, wie man sich heute dazu stellen will.

Eine schöne junge Frau, Bellezza, wird von allegorischen Gestalten heimgesucht. Verlockend kommt das Vergnügen, Piacere, daher, eine echte Plage sind die Zeit, Tempo, und ein gewisser Disinganno, auf Deutsch die Enttäuschung, die Desillusionierung, gelegentlich auch als Erkenntnis übersetzt, damit es nicht ganz so ärgerlich ist. Der Titel des Werks macht schon klar, dass Zeit und Enttäuschung (in Mainz benutzen sie das Wort konsequent) obsiegen werden. Auch der gesunde Menschenverstand sagt einem das. Andererseits ist es nicht mehr üblich, sich das Leben vom Ende aus vergällen zu lassen.

In Mainz ist der Regisseur Carlos Wagner in dieser Frage beinhart: Nicht Frömmigkeit bestimmt Bellezzas neues, desillusioniertes Leben – und ihr gelingt auch nicht die Flucht, wie in Robert Carsens Inszenierung für die Salzburger Pfingstfestspiele vor genau einem Jahr –, sondern bürgerlicher Fleiß. Die beiden frechen Kinder in ihrem Gefolge – das Mädchen zugleich sie selbst in noch viel jünger – müssen auf die Schulbank. Sie selbst schaut im gedeckten Kostüm auf die Uhr, und ihre zweite, ältere Doppelgängerin, die eindrucksvolle Tänzerin Heide-Marie Böhm-Schmitz, sitzt schon im Rollstuhl. Eben waren sie doch alle noch am Herumtollen, an der Seite eines hier lupenreinen Vergnügens. Ja, klar ist das total oberflächlich, aber Bürozeiten und das Vollschreiben von Schulheften macht auch noch keine Kontemplation und keinen Tiefsinn. Piacere schlägt ein letztes Mal zurück, rauft und knäuelt die Schulhefte, die freche Anarchistin. Hilft aber nichts mehr.

Ein genialer Einfall, eine Opernaufführung in einen noch unbewohnten Winkel des fast fertigen Neubau für das Römisch-Germanische Zentralmuseum in Mainz zu klemmen. Die Bühne, der Sandkasten von Christophe Ouvrard, befindet sich unter einer Treppe, die sich für die Inszenierung vorzüglich mitbenutzen lässt. An der Eingangstür steht schon Leibniz-Zentrum für Archäologie, noch im Laufe des Jahres soll Einzug sein.

Archäologie ist ohnehin eine perfekte Folie, um der eigenen Vergänglichkeit ins Auge zu schauen, auch wenn das hier keine Rolle spielt. Regisseur Wagner und Kostümbildner Angelo Alberto schauten eher in Richtung Japan, und in die tänzerische Ausgestaltung durch Paolo Amerio wurde auch ein Butoh-Coach, Tadashi Endo, einbezogen.

Es ist erstaunlich, was das sängerisch ja nun auch vehement geforderte Ensemble an Bewegungssprache abliefert, herumalbernd wie auch lamentierend. Der Tenor Bryan Lopez Gonzalez als todesengelhafte Zeit hebt singend die Damen und ringt einen jungen Mann aus Bellezzas Gefolge virtuos nieder. Eine aufregend aggressive Note begleitet ihn in Ton und Auftreten, während seine Mitstreiterin Disinganno, Sonja Runje, eine Art Tilda-Swinton-Heiligenbild darstellt und mit kühlem ruhigem Alt eine Influencerin von großer Suggestivität ist.

Piacere auf der anderen Seite ist Karina Repova mit golden süßem Mezzo und in einem gemäldehaft schönen Blumentüllkleid. Bellezza selbst, die feine Sopranistin Alexandra Samouilidou, wird zum Spielball der an ihr zerrenden Kräfte, lässt sich auch vertrauensvoll fallen wie eine Feder. So viel Körperlichkeit auf einer Musiktheaterbühne sieht man nicht alle Tage. Der Gesang davon unbeeinträchtigt, Ironie der Stunde, dass eine solche Geschichte zugleich zur Feier junger Stimmen wird.

Blütengirlanden an den Wänden, aber liegt auf dem Boden noch ein Blütenmeer oder ist es schon Herbstlaub? Wir sitzen in der Falle, alle miteinander. Allein die Musik bietet Trost. Hinten links ist das Miniaturorchester platziert, Hermann Bäumer hält den holden Abend von dort aus in zartem Dauerschwung.

Staatstheater Mainz im Leibniz- Zentrum für Archäologie: 9., 12., 23. Juni, 1., 3., 11., 22. Juli. www.staatstheater-mainz.com

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