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Lucrezia, drei Monate später.
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Lucrezia, drei Monate später.

Staatstheater Darmstadt

Händel & Lili Boulanger: Zerstörte Frauen

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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Kantaten von Händel und Lili Boulanger: Ein intensiver, verblüffender Doppelabend aus dem Staatstheater Darmstadt.

Theater hatte immer schon die unangenehme, aber Großes hervorbringende Aufgabe, sich mit widrigen Umständen notfalls improvisierend zu arrangieren. Der neue Doppelabend am Staatstheater Darmstadt, der jetzt seine Online-Premiere hatte, ist bis ins Detail ein Beispiel dafür. Nichts ist ideal außer dem Ergebnis.

Die französische Regisseurin Mariame Clément wollte mit dem Darmstädter GMD Daniel Cohen in dieser Spielzeit die gemeinsame Bregenzer Festspiel-Produktion von Jules Massenets „Don Quichotte“ ans Staatstheater transferieren. Davon blieben nun noch zwei Bühnenbilder Julia Hansens übrig – eine häufiger auftretende groteske Corona-Nebenerscheinung, bei der die Frage im Raum steht, ob die Transferierbarkeit von Ausstattungen für oder gegen das Ausstattungswesen spricht. Bisher ging es immer gut, hervorragend. Als neuen Inhalt wählten Clément und Cohen eine Kantaten-Kombination – Kantaten hier auch als kleiner, realistischer Nenner zu verstehen, denn als Georg Friedrich Händel 1706 mit Anfang 20 in Rom seine „Lucrezia“ schrieb, waren Opern in der Stadt nach einem Erdbeben Jahre zuvor noch immer päpstlich untersagt (als „unmoralischer Luxus“). Man muss aber erst einmal auf die Idee kommen, das kurze Werk mit „Faust et Hélène“ von Lili Boulanger zu verbinden, 1913 entstanden und durch den Musikpreis des „Prix de Rome“ (bis dato mit hundertprozentiger Männerquote) der größte offizielle Triumph der 20-jährigen französischen Komponistin. Angesichts ihres schlechten Gesundheitszustandes lief ihr bereits die Zeit davon. Sie schrieb so viel, wie sie bis zu ihrem Tod 1918 schreiben konnte.

Die Verbindung zwischen den orchestral eigens umarrangierten Werken – „Lucrezia“ ist dazu noch ganz barock mit instrumentaler Henry-Purcell-Musik angereichert – erscheint dann bei aller Originalität des Einfalls einleuchtend und fesselnd. Die Regie von Clément und ihrem Co-Regisseur Marcos Darbyshire unterstützt das klug, Cohen und das einmal vor, einmal hinter der Bühne postierte Orchester spielen die 200 Jahre überspringende dringliche Innigkeit der Musiken voll aus. Der klassischen Geschichte der Römerin Lucrezia, die sich nach ihrer Vergewaltigung das Leben nimmt, folgt die – nebulöser erzählte – Begegnung Fausts mit Helena, auf ein Gedicht von Eugène Adenis, der Goethe aber im Blick hatte.

Zwei Frauenfiguren, die so sehr kanonisiert sind, dass die Grundlage des Geschehens zwischen den (männlichen) Projektionen aus dem Blick geraten ist. Das Vergewaltigungsopfer, die „geschändete“ Frau, beeindruckte die Generationen durch ihren stolzen Suizid, der sozusagen ihre Ehre wiederherstellte. Auch Händels Lucrezia gibt sich alsbald selbst die Schuld für das Geschehene. Da müssen wir jetzt nicht weiter drüber reden oder doch, müssen wir doch. Indem Lena Sutor-Wernich mit ihrem jungen, warmen Mezzo in Hansens Guckkastenbadezimmer gänzlich eine Frau von heute zeigt, ist das Gegenwärtige von Lucrezias furchtbar kreiselnden Gedanken umso erschütternder. Zeit-Einblendungen demonstrieren, dass drei Wochen später nichts vorbei ist. Drei Monate später bringt sie sich um.

Die zersägte Dame

Helena, die als Auslöserin des Trojanischen Krieges gilt – den freilich begehrende Männer und nur sie allein ausgelöst haben –, laboriert noch Zeitalter später an dieser „Schuld“. In einem Theater im Theater wird jetzt aber vorerst der Zaubertrick mit der zersägten Dame vorgeführt, ein überraschender Effekt angesichts der tiefdunklen, schwer beladenen Musik. Sutor-Wernich selbst legt sich in den Kasten und bleibt danach präsent, vielleicht als Gretchen-Erinnerung. Auch Faust, der Tenor David Lee, ist umgekehrt vorhin an der Lucrezia-Szene vorbeigehuscht. Jetzt schaut er sich die Säge-Vorführung von Méphistophélès an, dem markanten Bariton Julian Orlishausen, um nachher seinerseits der hochintensiven und hochintensiv singenden Helena-Erscheinung von Solgerd Isalv einen Arm auszureißen. Geht es ihm um die antik gewandete Frau, geht es ihm um die bald nackte Schaufensterpuppe, die Méphistophélè ihm hinstellt? Es macht für ihn wohl keinen großen Unterschied.

Der Abend erzählt von Frauenzerstörungen, und er interessiert sich einmal wirklich nicht für die Warte der Männer dabei.

Staatstheater Darmstadt: Stream- Termine am 16., 24. April, Tickets unter www.staatstheater-darmstadt.de

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