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Das mephistophelische Vergnügen, Cecilia Bartoli (l.), hat der Schönheit, Mélissa Petit, einiges anzubieten.
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Das mephistophelische Vergnügen, Cecilia Bartoli (l.), hat der Schönheit, Mélissa Petit, einiges anzubieten.

Pfingstfestspiele Salzburg

Händel in Salzburg: Der Weg ins Freie

  • Judith von Sternburg
    vonJudith von Sternburg
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Läuterung einer Zeit-Leugnerin: Salzburgs Pfingstfestspiele mit Händels „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“ und mit Cecilia Bartoli.

In Georg Friedrich Händels Oratorium „Il trionfo del Tempo e del Disinganno“, „Der Triumph der Zeit und der Erkenntnis“, geht es unter anderem um eine Zeit-Leugnerin. Man könnte sie ebenso als Zeit-Vorkehrungen-Kritikerin bezeichnen – Zeit-Vorkehrungen wären hier etwa Kontemplation und Einkehr, über deren Nutzen sich tatsächlich streiten ließe, wäre der Librettist nicht ein Geistlicher –, allerdings bezeichnet sie die Zeit auch kurzerhand als Erfindung. Man dürfe ihr keine Macht über sich geben. „Es ist sinnlos, Angst zu haben, wenn wir durch sie am Leben gehindert werden.“

Bloß, dass die Zeit trotzdem weiterläuft, wenngleich Regisseur Robert Carsen das nicht unbarmherzig präsentiert, sondern durch ein unverbindliches Hoch- und Runterrasen von digitalen Ziffern rund um die Bühne. Auf der filmischer und digitaler Glamour ausgebreitet wird, etwas mehr als es die Sehnsucht nach Analogem nahelegt, aber schon schick.

It’s showtime bei den Pfingstfestspielen in Salzburg, wo das Oratorium in der „World’s Next Topmodel“-Sphäre angesiedelt ist und die einzige szenische Musiktheaterpremiere beim ersten Festival weit und breit – auch für viele andere sicher der erste Musiktheaterbesuch seit Oktober – jedenfalls ein Triumph über harte Zeiten wird. Das Publikum ist negativ getestet und trägt während der Aufführung FFP2-Masken. Es sitzt im Schachbrettmuster, so dass knapp die Hälfte des 1500-Personen-Saals im Haus für Mozart besetzt werden kann.

Mit „Il trionfo“ wollte der 21-jährige Händel in Rom reüssieren, was auf den Text des arrivierten Autors, Komponisten und Kardinals Benedetto Pamphili auch gelang. Das in knapp zweieinhalb (wegen der Corona-Vorkehrungen pausenlosen) Stunden aufgeführte Oratorium ist eine Ballung an exaltiertem Virtuosentum für Stimmen und Soloinstrumente, an kontrastreicher Vielfalt, die mit jeder Nummer wieder verblüffen will. Einen Gipfel findet dies in einer effektvollen Orgeleinlage, bei der sich der junge Komponist und glänzende Organist selbst im „Palast des Vergnügens“ in Szene setzen konnte. Zugleich sind es die ernsten Nummern, die – ganz im Sinne der „Handlung“ – mehr überzeugen und denen sich in Salzburg der Dirigent Gianluca Capuano mit besonderer Zuneigung widmet. Da löst sich die ein bisschen routinierte Überspanntheit des Orchesters auf in eine so innige Ruhe, dass aus dem Singen ein minimalistisch begleitetes, verklingendes Summen werden kann. Ironisch natürlich, dass es der Musik durchaus möglich ist, die Zeit stehen zu lassen. Nicht für immer, aber für jetzt. Es spielen die von Pfingstfestspiel-Leiterin Cecilia Bartoli – heute Abend Piacere, das Vergnügen – 2016 initiierten Musiciens du Prince-Monaco, mit festlich-heiteren Allerwelts-Tutti und intensiveren Klangforschungen in den intimeren Partien.

„Il trionfo“ ist ein Oratorium ohne Chor, insofern ist der Triumph der Festspiele mit Vernunft errungen. Vier allegorische Figuren treten zum Wettstreit um das richtige Leben und die schönste Stimmlage an. Ersteres klärt sich ganz und gar im Sinne der Ernüchterung (eine andere Möglichkeit, „disinganno“ zu übersetzen), zweitere ist ein vom Komponisten und den Festspielen kreativ befördertes Patt. Bellezza, die Schönheit, ist bei Mélissa Petit ein junger, aber nicht mädchenhafter, die dramatischen, wehmütigen Seiten der Partie ausreizender Sopran. Dass die Französin die überkandidelten technischen Anforderungen souverän einlöst, hindert sie nicht daran, über die Allegorie hinaus einen strapazierten Menschen zu zeigen, in Salzburger Begriffen eine Jedefrau.

Tempo, die Zeit, ist der Tenor Charles Workman, der sonor die tiefste Stimme im Quartett zum Klingen bringt. Disinganno, die Erkenntnis (die im Italienischen buchstäblich die „Enttäuschung“ ist), wird bei dem virtuosen, aber auf Würde und Geruhsamkeit setzenden Altisten Lawrence Zazzo zu seinem perfekten helleren Zwilling. Gegenspieler, in Salzburg Gegenspielerin Piacere, das Vergnügen, ist kein zweiter, männlicher Sopran (il piacere), sondern Bartoli selbst mit ihrer weichen, beweglichen Mezzostimme. Ihr gehört die bekannteste Nummer, die Arie „Lascia la spina“ auf eine unwiderstehlich einfache, sanft sich wiegende und also von Händel auch vorher und nachher verwendete Melodie – nicht die einzige, die man wiedererkennen kann, auch wenn „Il trionfo“ nicht ins geläufige Händel-Repertoire gehört.

Denn was soll man zeigen? Carsen wählt eine ansehnliche, die schillernde Situation des Menschen in der Welt und Zeit nicht gerade vertiefende Lösung. Ein aufwendiges Video zur Ouvertüre führt genüsslich vor, wie Bellezza die finale Runde zu „World’s Next Topmodel“ gewinnt, bevor der Film in die Bühnenwelt übergeht. Bartoli als smarte Mephistophela im knallroten Managerinnen-Anzug (aber beide Füße intakt) bietet der Gewinnerin einen tollen (Model-)Vertrag an. Ein Heer aus Tänzerinnen, Tänzern und Statisterie präsentiert die von Gideon Davey discoglitzernd eingerichtete Welt des schönen und jugendlichen Scheins. Tempo in dezent geistlichem und Disinganno in dezent intellektuellem Schwarz saßen zwar eben noch in der Jury, treten nun aber als Spielverderber auf. Als Bellezza ihrem läuternden Dauerbeschuss allmählich nachgibt, wird die Szenerie zunehmend trüb. Obwohl auf Frommes in Text und Aktion verzichtet wird, ist nicht nur die Auffassung von Vergnügen in Salzburg nicht tiefschürfend, auch Zeit und Erkenntnis bieten keine interessante Alternative. Uns wird – nicht zum ersten Mal in unserem Leben als Publikum – ein bühnengroßer Spiegel vorgehalten, aber ebenfalls keine große Erkenntnis damit geboten.

Dass Bellezza zum Schluss die gewaltige Hintertür der inzwischen entleerten Bühne nutzen und nach draußen, wirklich ins Freie treten wird, ist ein grandioser Einfall, theatralisch aber unterspielt. Es ist ein Rausschlüpfen. Schon ist das Tor wieder zu.

Der anhaltende Beifall: ein Erlebnis für sich, monatelang nicht erlebt, die Hände, ohne Witz, ganz aus der Übung.

Salzburger Festspiele, Haus für Mozart: Wiederaufnahme bei den Sommerfestspielen, 4., 8., 12., 14., 17. August. salzburgerfestspiele.at

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