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Händel-Festspiele: Die Sache Dejanira

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Von: Judith von Sternburg

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Dejanira und Hercules, Ann Hallenberg und Brandon Cedel Foto: Falk von Traubenberg
Dejanira und Hercules, Ann Hallenberg und Brandon Cedel © copyright by falk von traubenberg

Zur Eröffnung der Festspiele in Karlsruhe gestaltet Floris Visser „Hercules“ als spannendes, tragisches Gerichtsdrama.

Die akademisch wirkende Diskussion darüber, ob ein bestimmtes Händel-Werk nun ein Oratorium oder eine Oper sei, kann sich nachteilig auf die Karriere dieses Werkes auswirken. Zugleich schärft sie den Blick für Qualitäten und Besonderheiten einer Arbeit – im Falle von „Hercules“ (1745 in London uraufgeführt, ein Flop) etwa für die großen Chöre, die das Geschehen durchaus fromm und psychologisch reflektieren. Die Geschichte, die eher, wenn auch weniger prominent nach Hercules’ Frau Dejanira benannt sein müsste, wird meistens zu den Oratorien gezählt. Georg Friedrich Händel sprach jedoch von einem „Musical Drama“. Und das Szenische und Psychologische ist in der Tat fein ausgearbeitet. Zur Eröffnung der 45. Händel-Festspiele in Karlsruhe lotete die Inszenierung des Niederländers Floris Visser diese Angebote zudem tief aus.

Visser hat das schon einmal gemacht, bei seiner Karlsruher „Semele“ zum gleichen Anlass 2017. Damals verschob sich die Handlung unter seiner Regie aus der antiken Götterwelt ins Oval Office in Washington, das Ergebnis: putzmunter. Diesmal gestaltet er ein Gerichtsdrama in der Mitte des 20. Jahrhunderts, ein Kinofilmambiente. Rückblenden lassen das Geschehen aus Sicht der verstörten Angeklagten aufleben.

Das klingt viel umständlicher, als es ist. Aus dem Eingangsszenario beispielsweise, in dem der Hof in Trachis um den auswärtig kriegsführenden Hercules fürchtet und ihn gar durch eine fehlerhafte Prophezeiung vorzeitig betrauert, lässt sich ohne Anstrengung eine erste Gerichtssaalszene konstruieren: Der treue Lichas, James Hall mit dem einzigen, kernig kraftvollen Countertenor des Abends, tritt gleichsam als Anwalt der Angeklagten auf, sie bemitleidend und um Mitleid für sie werbend.

Die „Hercules“-Musik ist intensiv. Die sich aus der Badischen Staatskapelle speisenden, bei den Festspielen zuständigen Händel-Solisten treten in recht großer Besetzung auf, und der Dirigent Lars Ulrik Mortensen lässt sie auch groß spielen, gelegentlich auf Kosten der Gesangsstimmen, die allerdings selten beifallheischende Bravourarien im herkömmlichen Sinne liefern müssen. Die vorherrschenden, sich als vielfältig und interessant erweisenden Affekte sind Eifersucht – Eifersucht in Shakespearischem Ausmaß, eine Katastrophe – und Mitleid. Neben den Regieentscheidungen (wie echt ist das Mitleid, wie grundlos die Eifersucht?) ist stimmlich Filigranarbeit gefragt, und tiefe Empfindung, so echt wie möglich eben.

Ann Hallenberg als Dejanira geht dabei am weitesten, fällt gelegentlich in einen ausdrucksstarken Sprechgesang, der Händel direkt an das Musiktheater des späten 19. Jahrhunderts anschließt. Ihre verzweifelten Schreie unterlaufen den mit Ach und Krach ins Glückliche gedrehten Ausgang.

Denn Furchtbares ist geschehen. Dejanira, vor Eifersucht auf die entzückende fürstliche Kriegsbeute Iole außer sich, bemüht sich, die Liebe ihres Mannes Hercules durch einen zauberkräftigen Mantel zurückzugewinnen. Sie bringt ihn jedoch mit dem in Wahrheit vergifteten Kleidungsstück unwissentlich um. Das ist die verspätete Rache des widerwärtigen Hercules-Opfers Nessos, der sie einst entsprechend anlog. Faszinierend, dass die Frau othellomäßig empfindet, aber nur versehentlich so handelt. Und ist es überhaupt wirklich nur ein Versehen oder tut sie unbewusst, was sie tun will?

Es ist nicht erstaunlich, dass es zu einem Prozess kommt. Erstaunlich ist, wie elegant, wie überaus geschickt Visser seine Idee ausführt und das Personal auf den Zeitebenen bewegt und diese dann wieder mit handwerklicher Virtuosität zusammenführt. Da Hercules’ Seele spektakulär in den Olymp aufsteigt (hier also: bereits aufgestiegen ist), kann auch Brandon Cedel im Gerichtssaal mitsingen, mit umgeschnallten Adlerschwingen und gepflegtem Bassbariton. Dabei bleibt er auch bei Händel eine Nebenfigur, ehern in seiner Treue – Visser hingegen klärt in subtilen Familienszenen nicht so eindeutig wie das Original, dass Dejaniras Eifersucht haltlos ist. Dejanira ist mittlerweile vor Gram wahnsinnig geworden, in den Gerichtssaal wird sie mit Zwangsjacke im Rollstuhl geschafft.

Das glückliche Nachfolgerpaar hat sich bereits gefunden und verfolgt den Prozess, seine schwierige Geschichte wird in den Rückblenden aufgeblättert: Moritz Kallenberg ist Sohn Hyllus, der unter den Händeln der Eltern leidet, uns aber mit einem strahlenden Tenor entgegentritt. Die sanft singende und ebenso dreinblickende Lauren Lodge-Campbell ist Iole, zurechtgemacht als Hollywood-Schönheit, der perfekte Alptraum einer eifersüchtigen Ehefrau. Vissers exzellente Personenführung schließt Statisterie und den ausgezeichneten Chor (geleitet von Marius Zachmann) mit ein und Verrücktheiten wie ein zu Händels Musik steppendes Glamourgirl nicht aus. Gideon Daveys Ausstattung hilft mit filmreifen Kostümen und einem weißen Aufbau auf der Drehbühne: Wohnräume und Gerichtssaal, im Obergeschoss eine Balustrade mit repräsentativem Hercules-Fries. Und das Schlafzimmer, in dem sich Dejanira im Wahn verbarrikadieren und ihrem eigenen illusionären, unendlich traurigen Happyend entgegenblicken kann.

Staatstheater Karlsruhe: 23., 26. Februar, 1. März. Händel-Festspiele bis 2. März. www.staatstheater-karlsruhe.de

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