Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Etwas unheimliche Familienbande.
+
Etwas unheimliche Familienbande.

„Shockheaded Peter“ in Wiesbaden

Sie haben sich nicht lieb

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
    schließen

Eine Familie zum Gruseln: Das muntere Musical „Shockheaded Peter“ am Staatstheater Wiesbaden.

Schwer vorzustellen, dass die kleinen Kinder, die in einer vorderen Reihe saßen, nicht in der folgenden Nacht albtraumgeplagt waren. Denn Akteur nach Akteur kommt grotesk und grausam ums Leben in „Shockheaded Peter“, einer Musikfassung des Struwwelpeter-Stoffes. „Dead, dead, dead“, sagt ein Conférencier jedes Mal mit diebischer Freude, „tot, tot, tot“. Sogar noch zum Schlussapplaus kippen nun im Großen Haus in Wiesbaden die Darsteller wie vom Blitz gefällt.

In London wurde „Shockheaded Peter“ Anfang des Jahrtausends Kult. Ausgedacht hatte sich die von Heinrich Hoffmanns berühmtem Kinderbuch inspirierte Gruselshow der britische Theaterproduzent Michael Morris, die Musik kam von Martyn Jacques und den Tiger Lillies. In der Uraufführungsinszenierung wurde Struwwelpeter von seinen Eltern unter den Dielen vergraben, seine Nägel aber wuchsen langsam durchs Holz. Das war die kleine Rahmenhandlung.

In Wiesbaden lässt Regisseur Tilo Nest stattdessen Hanno Friedrich als springlebendigen Conférencier über aktuelle Erziehungsfragen und -probleme dampfplaudern (Anorexie, Binge Eating, Handysucht, Helicoptering, „Nein sagen aus Liebe“ usw.), dazu eine äußerlich den Munsters der gleichnamigen TV-Serie ähnliche Familie antreten.

Die fünf versammeln sich immer wieder um einen der Esstische – und Sólveig Arnarsdóttir, Michael Birnbaum, Barbara Dussler, Anja S. Gläser und Karoline Reinke schlüpfen nach Händefassen und „Piep, Piep, Piep“ in die jeweils nötigen Rollen. (Wer den Spruch nicht kennt, er geht weiter: „wir haben uns alle lieb“. Dort wird er logischerweise nicht fortgesetzt.) Mats Beyer gibt zusätzlich zum Beispiel den Schneider. Philipp Appel (Statisterie) verkörpert einen immer mal versonnen über die Bühne wandernden Pinguin. Das reichlich rumstehende Mobiliar mag seine Eisschollen- und Eisberg-Landschaft sein (Bühne: Stefan Heyne).

Aber das Wichtigste an der moritatenhaften „Junk Oper“ – am ehesten noch denkt man bei diesem Sprech- und Bänkelgesang, bei diesen schrägen Melodien an Kurt Weill – ist die Musik: Als Kellerratten verkleidet treten Matthias Baumgardt, Ralf Göldner, Volker Griepenstroh (Leitung) und Willy Wagner auf und klingen bald wie eine doppelt so große Band. Karoline Reinke kann Ziehharmonika spielen und tut es zwischendurch. Michael Birnbaum kann flöten und tut es ausführlich – es braucht schon fast stehende Ovationen, um ihn endlich zu stoppen. Ein Gaudium wie bei einem Rockkonzert. Übrigens wird zumeist deutsch gesungen (Übersetzung: Andreas Marber), endet das Wiesbadener Team aber sinnig mit Pink Floyds Gassenhauer „We don’t need no education“ und streut auch an anderen Stellen bekanntes Liedgut bruchstückhaft ein, etwa Steve Millers „Abracadabra“, „We Are Family“ von Sister Sledge.

Dieser „Shockheaded Peter“ ist aber auch ein optisches Vergnügen, mit Kuddelmuddel-Kostümen von Anne Buffetrille – ein wenig Sträflingskluft, ein wenig 19. Jahrhundert, ein wenig Karneval –, mit Schattenspiel und Feuerchen, mit einem aufblasbaren Riesenhasen, einer zuletzt am Schirmchen singend davonfliegenden Roberta.

Aktualisierungen und Anspielungen schließlich sind pfiffig und gar nicht an den Haaren herbeigezogen. Denn dass zum Beispiel Hanns Guck-in-die-Luft nicht mehr ins Wasser fällt, weil er träumend in den Himmel schaut, versteht sich von selbst: Dieses Kind landet bei den Fischen (im Orchestergraben), weil es beim Gehen nur aufs Handy glotzt, möglicherweise Pokemón Go spielt.

Staatstheater Wiesbaden: 3., 5., 12., 23. November.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare