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Der Chor war stets berechtigt zum hohen Ton.
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Der Chor war stets berechtigt zum hohen Ton.

Freies Schauspiel „Tschernobyl“

Haare waschen gegen den Tod

  • Sylvia Staude
    VonSylvia Staude
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Von der jungen schwangeren Frau, die ihren verstrahlten Mann nicht verlassen wollte: Das Freie Schauspiel Ensemble in Frankfurt erinnert mit Texten Swetlana Alexijewitschs an „Tschernobyl“.

Die 1948 in der Ukraine geborene Autorin Swetlana Alexijewitsch hat sich darauf spezialisiert, mit Zeugen des Schreckens zu sprechen. Mit Frauen und Kindern etwa, die den Zweiten Weltkrieg erlebt, im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben. Mit Afghanistan-Veteranen. Und mit Menschen aus dem Umkreis von Tschernobyl.

Von Anfang an hat man Alexijewitsch in der Sowjetunion zensiert und ihr Antikommunismus vorgeworfen. Erst ab 1996 begann für sie im Westen ein Reigen verdienter Ehrungen, 2013 war es der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Das Freie Schauspiel Ensemble in Frankfurt, das schon öfter hochpolitische Themen für die Bühne bearbeitete, hat sich nun mit Swetlana Alexijewitschs Tschernobyl-Texten beschäftigt. Mit vielen Ausstattungsdetails hat man den Spielort Titania ausgerüstet, so tragen die Wasserhähne in den Toiletten warnend das Atomzeichen.

Im Bühnenraum (Gerd Friedrich) hängt ausführliches Bildmaterial, man ist aufgefordert, es sich beim Hineingehen in Ruhe anzusehen. Dort knackst aber auch ein Geigerzähler und steht ein Herd mit Kochutensilien. Hier wird die Schauspielerin Bettina Kaminski einen Kartoffelbrei kochen – für die, die immer noch überlebt haben, obwohl sie im Sperrgebiet leben.

Wenigstens, so erzählen sie es (so erzählen es die fünf Darsteller gegen Ende des zweieinhalbstündigen Abends) leben sie dort mittlerweile in Ruhe, werden nicht mehr schikaniert. Über Jahre hat Alexijewitsch nicht nur aufgezeichnet, wie die Menschen in der verstrahlten Zone unmittelbar nach dem Reaktorunglück reagierten, sondern auch, wie sie ihr zerstörtes Leben neu einzurichten versuchten.

Schiere Hilflosigkeit

Nicht nur im Vergleich zu Fukushima wird klar, dass sich bei Tschernobyl Vertuschung mit schierer Hilflosigkeit zu noch größerem Unglück verband. Hätte er nicht, fragt ein Sowjetbeamter, seine Tochter in Sicherheit gebracht, wenn er über die Gefahren so Bescheid gewusst hätte, wie man es ihm vorwirft?

Und waren nicht die Wissenschaftler selbst uneins über die Folgen? Waren nicht ihre Ratschläge – Fenster schließen, Haare waschen – völlig unzureichend? Zeugen berichten, wie auch die Kinder der Kraftwerksangestellten neugierig zum Unglücksort radelten, und keiner sie davon abzuhalten versuchte. Die Katastrophe, sie hatte ihre optischen Reize.

In der Regie von Reinhard Hinzpeter teilen sich Michaela Conrad, Corbinian Deller, Naja Marie Domsel, Hans-Peter Schupp eine Vielzahl an Stimmen. Und gibt Bettina Kaminski das Zentrum mit der herzzerreißenden Geschichte einer frisch verheirateten Schwangeren, deren Mann, Feuerwehrmann, zum brennenden Reaktor muss und zwei Wochen später stirbt. Auf keinen Fall will sie ihn alleinlassen, ihren starken Mann, sie reist nach Moskau, als er dorthin verlegt wird, legt sich Nacht für Nacht zu ihm. Auch das Baby stirbt bald nach der Geburt.

Mit einleuchtenden Details, insgesamt überzeugend schlicht, stellt diese Inszenierung die authentischen Stimmen in den Mittelpunkt. Geradezu bestürzend sind die Zeugnisse, intensiv ist an diesem Abend ihre Wirkung.

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