+
An der Grenze: Marina Frank als Valeska Gert.

„Radikal Jung“ in München

Und das Gummi-Herz pumpt

  • schließen

Das Münchner Festival „Radikal Jung“ wird ein bisschen erwachsen und zeigt, dass man sich um das Theater nicht sorgen muss.

Langsam, schleichend ändert sich vieles. Erwachsenwerden ist ja nicht nur für Jugendliche ein unausweichlicher Prozess, sondern auch für Theaterfestivals: Kinderkrankheiten und Trotzphase sind überstanden, das heftige Ringen mit dem, was man Identität nennen könnte, hat sich beruhigt. Gut so: Ständig an der eigenen Legitimierung und Findung rumzubasteln, das verbraucht zu viel Energie. „Radikal Jung“, das jährliche Theatertreffen des Münchner Volkstheaters, geht in sein 14. Jahr. Aus dem „Festival für junge Regisseure“ ist längst das „Festival für junge Regie“ geworden. Und ganz ohne Quote bildet die Auswahl der drei Juroren (Annette Paulmann, Kilian Engels und C. Bernd Sucher) den in der deutschen Stadttheaterszene zunehmenden Anteil von jungen Regisseurinnen glaubhaft ab. Das wird in den Diskussionen im Festivalzelt, die nach den Vorstellungen stattfinden, kaum mehr hinterfragt: Vieles ist selbstverständlich geworden. Und wie bislang in keinem anderen Jahr beeindruckt die Vielfalt von Stoffen, handwerklichen Zugängen, spielerischen Umsetzungen und Erzählweisen der dreizehn eingeladenen Stücke: Diversität rocks.

Mit Wahnsinn im Blut fegen drei Frauen in zwei Performances direkt nacheinander über die Große Bühne des Volkstheaters: Zuerst lernt man mit Stephanie van Batum (gleichzeitig Regie) und Staycian Jackson in einem extrem kurzweiligen, körperbetonten Beyoncé-Tutorial, wie man sich selbst zur „Bitch“ machen und Feministin werden kann: in den zehn Schritten des DIY-Kurses „Don’t Worry Be Yoncé“ folgen sie (und das Publikum) den Spuren eines ambivalenten Idols für uns Konsum- und Kapitalismuskinder. Im Anschluss steht erneut eine starke Frau im Mittelpunkt: Rücksichtslos überdreht begibt sich Marina Frank in ihrem Solo-Stück „Valeska Gert – The Animal Show“ auf die Fährte der 1892 geborenen Gertrud Valeska Samosch, der revolutionären, jüdischen Avantgarde-Künstlerin. Immer nah dran am Puls des Grenzen zerbrechenden Rollenmodells aus einer untergegangenen Zeit. Diese Szenen einer Verlorenen werden bleiben.

Pinar Karabulut ist auf der nächsten Sprosse der (Stadt-)Theaterkarriere angelangt. Mit „Romeo und Julia“ zeigt die zum dritten Mal bei „Radikal Jung“ eingeladene Regisseurin mit großem Bühnenbesteck (im aufgebrezelten Drehtür-Plexiglas-Modus) eine Shakespeare-Adaption mit dem Verzicht auf die Väterperspektive: frisch, aber kalkulierter als ihre bisherigen Arbeiten.

Im heiteren Trubel der Beziehungsüberlebenskunst von Twenty-somethings dann „Alles, was ich nicht erinnere“: Charlotte Sprenger bringt mit ihrem Team ein sehr sehr großes, pumpendes, Angst machendes rotes Gummi-Herz auf die Bühne: mit starkem Ensemble, wie bei fast allen eingeladenen Produktionen. Die karstige Gefühls- und Seelenlandschaft einer 14-Jährigen zeigt Marie Rosa Tietjen mit Wolfgang Herrndorfs Vorlage „Bilder einer großen Liebe“. Zurückhaltend und zerbrechlich erzählt, wird der lebendige Sound des Autors erkennbar. Leider nicht durchgehend.

Zwei überzeugende Konzepte liefern Wilke Weermann und Philipp Arnold: Nicht auf das Bücherverbrennen, sondern auf das Beziehungenverbrennen konzentriert sich Weermann in „Fahrenheit 451“: Standardisiert in Kostüm, Bewegung und Sprache agieren die Schauspieler in einer Düsterwelt, zwischen 50er Jahre Ästhetik und Video-Futurismus. Extrem, unheimlich, konsequent.

„Tropfen auf heiße Steine“ sind für Arnold die wenigen Momente des Glücks im Sich-Verzehren nach Geborgenheit, nach Liebe. In seiner Version des frühen Fassbinder-Stücks glänzt besonders die ästhetische Verzahnung des Realo-Dramas im Stummfilm-Vampir-Style: Der Blutrausch in unserer virtuellen Netzwerkwelt ist allgegenwärtig.

Noch stärker als in den Vorjahren wird deutlich, dass „Radikal Jung“ nicht den Anspruch erhebt, die repräsentative Schau eines Regiejahres abzubilden. Vielmehr ist das Festival inzwischen ein verlässlicher Gradmesser für gelungene Sedimentierungen im deutschsprachigen Stadttheater. Und wenn da so viel Spielraum ist wie 2018, muss niemandem um die Zukunft bange sein:. Zum einen das süffig-vulgäre Lebensdrama „Ja, eh! Beisl, Bier und Bachmannpreis“ nach Stefanie Sargnagel, sensationell aufgepolstert live durch Voodoo Jürgens und inszeniert von Christina Tscharyiski. Zum anderen die vielleicht spektakulärste intellektuelle Setzung von Anta Helena Recknagel, die eine bestehende „Mittelreich“-Inszenierung der Münchner Kammerspiele, nun ausschließlich mit schwarzen Schauspielern besetzt, wiederholt und damit laut eigener Aussage in eine „Schwarzkopie“ verwandelt hat: Dazwischen liegen wunderbare Theater-Welten. Richtigreich, das Ganze.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion