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Günther Rühle: „Theater in Deutschland“: Vom Ende einer Epoche

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Von: Claus-Jürgen Göpfert

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Demonstration vor dem Frankfurter Schauspielhaus. 31. Oktober 1985.
Demonstration vor dem Frankfurter Schauspielhaus. 31. Oktober 1985. © imago/(Archivbild)

Günther Rühles große Geschichte des Theaters in Deutschland endet fragmentarisch, aber packend

Der 31. Oktober 1985 ist ein wichtiger Tag in der deutschen Theatergeschichte. In Frankfurt hat der Intendant des Schauspiels, Günther Rühle, die Uraufführung eines lang umstrittenen Stückes angesetzt: „Der Müll, die Stadt und der Tod“ von Rainer Werner Fassbinder. Zehn Jahre zuvor hatte der Regisseur den Stoff geschrieben, seither steht der Vorwurf im Raum, Fassbinders Werk sei antisemitisch. Rühle bestritt das stets. Im FR-Gespräch betonte er noch 2015: „In meinen Augen ist das überhaupt kein antisemitisches Stück, es behandelt schlicht städtische Probleme.“

Doch 1985 muss der renommierte Theaterkritiker, der als Intendant die Seiten gewechselt hatte, erleben, wie die Besetzung der Bühne durch Mitglieder der Jüdischen Gemeinde die Uraufführung verhindert. Ihnen ist die Figur des jüdischen Spekulanten unerträglich, der in Frankfurt Wohnhäuser abreißen lässt, um Bürogebäude durchzusetzen. Tatsächlich hatte Fassbinder aber aufgegriffen, was in den 70er Jahren im Frankfurter Westend geschehen war.

Nachzulesen sind die dramatischen Stunden jetzt in einem fast 800 Seiten starken Buch, das sich der frühere Feuilletonchef der FAZ noch im Alter von mehr als 95 Jahren, dabei fast erblindet, abgerungen hat. Rühle, der im Dezember 2021 starb, hatte um dieses Buch gekämpft, so wie er auch sonst gelebt und gearbeitet hatte: Mit eiserner Selbstdisziplin, engagiert und doch sachlich, nie als Eiferer. „Theater in Deutschland 1967-1995“ ist der Abschluss einer Trilogie, die im Jahr 1887 einsetzt. Das Buch bleibt Fragment, einige wichtige Figuren konnte der Autor nicht mehr würdigen, einige Entwicklungen fehlen. Aber entstanden ist ein Text, der bewegt und nachwirkt.

Er dokumentiert zugleich eine große Trauerarbeit. Denn Rühle, der 1953 als Journalist bei der FR begonnen hatte und 1960 zur FAZ gewechselt war, beklagt in einer Bilanz das „Ende der Epoche des bürgerlichen Theaters“ in den 90er Jahren, mit der zugleich „die letzten Stichflammen des politischen Theaters“ erloschen seien. Seine Urteile fallen hart aus. Nach den Stücken von Botho Strauß, Thomas Bernhard und Heiner Müller seien „keine Dramen von Bedeutung mehr geschrieben“ worden, allenfalls „stückähnliche Texte“. Das Theater habe „den Impuls zur geistigen und moralischen Bildung aufgegeben“. Die Inszenierungen (re)präsentierten heute vor allem ihre Regisseure und Regisseurinnen, während es dem Regietheater seit 1920 immer um die Stücke und ihre Inhalte gegangen sei.

Mehr noch: Die deutsche „dramatische Produktion“ in den Jahren seit 1990 bleibe „ohne Energie und Vision“ – letztlich „gehobener Boulevard mit Ambitionen auf Effekt“.

Bevor er zu dieser düsteren Summe findet, breitet Rühle anschaulich und spannend die Entwicklung des modernen deutschen Theaters aus, stets gespiegelt in den Verwerfungen der Gesellschaft. Gleichberechtigt behält er dabei die Bundesrepublik und die DDR im Auge, blickt stets auch auf die Kämpfe von Deutschem Theater und Berliner Ensemble im zweiten deutschen Staat. Den „Urknall“ und damit den Abschied vom bürgerlichen „Opas Theater“ verortet der Kritiker wieder in Frankfurt am Main, und zwar am 8. Juni 1966. Es ist der Tag, an dem der 29-jährige Regisseur Claus Peymann im Theater am Turm (TAT) die Uraufführung des Stückes „Publikumsbeschimpfung“ des 23-jährigen österreichischen Autors Peter Handke inszeniert.

Das Buch:

Günther Rühle: Theater in Deutschland 1967-1995. Hrsg. v. Hermann Beil /Stephan Dörschel S. Fischer 2022. 800 S., 98 Euro.

In der Folge beschreibt der Autor den Aufbruch einer Generation von Regisseuren Ende der 60er Jahre, darunter Peter Palitzsch, Peter Weiss, Peter Stein, Hans Neuenfels, Rainer Werner Fassbinder, Peter Zadek, Rolf Hochhuth, Klaus Michael Grüber, George Tabori, in der DDR unter anderen Benno Besson und Heiner Müller. Nur drei Frauen tauchen überhaupt in dieser Phalanx von Männern auf, die DDR-Regisseurin Ruth Berghaus, die später auch im Westen inszenieren darf, die Autorin Marieluise Fleißer und natürlich die Ikone des Berliner Ensembles, Helene Weigel.

Rühle verdeutlicht, wie sehr das Theater der 60er und 70er Jahre sich mit der bürgerlichen Gesellschaft auseinandersetzt, mit dem Vietnam-Krieg, mit dem Terror der RAF und der Gegenreaktion des Staates, mit der Zensur in der DDR. Der Kritiker wird in diesem Spannungsfeld selbst zum Handelnden. Als Anfang der 70er Jahre in Frankfurt und in anderen Städten die Macht der Generalintendanten durch ein Mitbestimmungsmodell gebrochen werden soll, unterstützt Rühle das durch seine Texte. Als der Regisseur Hans Neuenfels damals durch seine zeitkritische Interpretation klassischer Opern das bürgerliche Publikum verstört, steht Rühle an seiner Seite. Sein Plädoyer heißt: „Theater ist Wandel!“

Ausführlich würdigt der Kritiker den damaligen Bundeskanzler Willy Brandt (SPD), der im September 1972 in einer Rede zur Eröffnung der Saison des Düsseldorfer Schauspiels für gesellschaftlich engagiertes Theater plädiert hatte. Brandt: „Theater ist die Schwester der Politik!“

Rühle blickt aber auch hin, als die Regisseurin Ruth Berghaus in der DDR mit dem alten Brecht-Theater bricht und prompt Schwierigkeiten mit den Regierenden bekommt. Breiten Raum erhält der Dramatiker Thomas Bernhard, der in seinen Stücken, inszeniert von Claus Peymann, zum größten Kritiker der österreichischen Gesellschaft gerät.

Nur widerstrebend und zögerlich lässt sich der Autor Rühle 1985 darauf ein, als Intendant das Schauspiel Frankfurt zu übernehmen. Im Buch spricht er von sich in der dritten Person, mit der größtmöglichen Distanz: „Rühle lehnte zweimal ab, dann wuchs der Druck.“ Bezeichnend ist, dass der Intendant dann als erste Amtshandlung den aus der DDR übergesiedelten Autor und Regisseur Einar Schleef engagiert, der mit intensiven und drastischen Inszenierungen dem Motto folgt: „Theater muss wehtun!“ Das, kein Zweifel, würde auch Rühle unterschreiben.

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