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„Gudruns Lied“ des Isländers Haukur Tomasson in Mainz: Rasend steht alles still

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Von: Bernhard Uske

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Meisterhaft: Sopranistin Nadja Stefanoff als Titelheldin Gudrun in der Deutschen Erstaufführung von „Gudruns Lied“. Foto: Andreas Etter
Meisterhaft: Sopranistin Nadja Stefanoff als Titelheldin Gudrun in der Deutschen Erstaufführung von „Gudruns Lied“. © Andreas Etter

Fesselndes Musiktheater: „Gudruns Lied“ am Staatstheater Mainz.

Die Musik von Haukur Tomasson, dem 62-jährigen isländischen Komponisten der Deutschen Erstaufführung von „Gudruns Lied“ im Staatstheater Mainz, ist von einer eigentümlichen Spannung aus Bewegung und Statik gekennzeichnet. Rasender Stillstand – könnte man fast sagen, denn die kleinteiligen Motivmuster, die sich in überschaubaren Verläufen partiell verändern, ergeben im Ganzen einen eher atmosphärischen denn dramatischen Charakter.

Die so strukturierten Flächen weisen Farbwert-Differenzen auf und sind grundiert von mehr oder weniger deutlicher Tonalität. Die einzelnen Felder, aus deren Reihung sich der Gesamtverlauf ergibt, haben eine je charakteristische Fasslichkeit im Verein mit einer je verschiedenen Tektonik, was dem Hörvollzug sehr entgegen kommt. Wiederholung ist Steigerung und Intensivierung und macht den Kosmos des Werks dicht, fast zwangsläufig. Aber auch verschlossen und sprachlos.

Dabei werden ganz verschiedene Topoi genutzt: rhythmisierte, melodiöse, blockhafte Muster charakterisieren Zustände, rahmen sie regelrecht und steuern Befindlichkeiten und Spannungen der theatralischen Szenerie. Insofern könnte man auch von klanglichen Bühnenbildern sprechen. Sie wirken 80 Minuten lang als ein klanglicher, stimmungsvariabler Mäander. Diese gereihte Undramatik ist durchaus traditionsaffin: ein Spezifikum der Minimal Music mit ihrer Ausdrucksabstinenz ist mit alteuropäischer Charakterisierungskunst und ihren Ostinatoformen verbunden.

Das Repetitive dieses großdimensionierten Rondo-Frieses passt gut zur Unausweichlichkeit des Schicksals, das Gegenstand der Szene von „Gudruns Lied“ ist: einer der Gesänge aus der Edda, die sich in Abwandlungen auch im Nibelungenlied und dann in Richard Wagners „Ring“ (namentlich der „Götterdämmerung“) findet. Hier wie dort geht es um Macht, Familienverhältnisse, Heiratspolitik und im Ganzen um eine Lebensform, die noch ganz sippenhaft strukturiert ist. Weit entfernt von all dem, was die heutige funktionale Moderne an Spielräumen und Offenheiten kennt.

In Mainz inszenierte Hausregisseurin Elisabeth Stoeppler. Sie hat den eher epischen Vollzug zu einem Strafprozess wegen der Morde Gudruns an ihrem ungeliebten zweiten Mann Atli und den beiden Söhnen umgebaut, was Züge einer Familienaufstellung hat. Texte der Schriftstellerin Hannah Dübgen, in den Handlungsverlauf integriert und einzelnen Figuren in den Mund gelegt, sollen die sagenhafte Gudrun-Welt in eine Gegenwart steuern, damit diese sich wiederum darin erkennt.

Im Raum der Untoten

Das anfänglich klar geordnete Prozessgeschehen mit einer dominanten Matriarchin (trefflich Monika Dortschy als Grimhild in einer Mischung aus Margaret Thatcher und Madeleine Albright) in einem White-Cube-Gerichtssaal (Bühne Valentin Köhler) wandelt sich zu einem Raum der Untoten, wo alle Männer und Frauen des Gudrun-Lebens auftreten. Video-Projektion (Pablo Stoll und Andreas Etter) transformiert trefflich den Gerichtssaal temporär in einen Albtraum-Raum (mit jagendem Waldgetier). Dazu die blutverschmierte, schwarzledrig gewandete Männerumwelt Gudruns zwischen modern uniformiertem Wachpersonal (Kostüme Susanne Maier-Staufen). Zuletzt taucht die tot geglaubte Tochter aus erster Ehe (mit Sigurd) wieder auf (sehr reizvoll verhalten Leandra Enders) und deutet eine parsifaleske Erlösungsperspektive an.

Meisterhaft bewältigt die Titelpartie Nadja Stefanoff. Mit volltönendem dunklen Timbre gibt Verena Tönjes die Brynhild, Brett Carter eher subtil den Atli. Insgesamt eine tadellose Leistung auch bei den kleineren Rollen; die Besetzung von Schauspielern und Schauspielerinnen sowie Sängern und Sängerinnen funktionierte sehr gut. Zwei Knaben des Mainzer Domchors (Marian Brantzen, Heinrich Buff), der Herrenchor und das Philharmonische Staatsorchester unter Leitung Robert Houssarts boten im Vergleich zur CD-Einspielung des Caput Ensembles unter Christian Eggen einen herberen, weniger romantische Oberlichter setzenden Klang.

Staatstheater Mainz: 23. Mai, 8., 12., 26. Juni. www.staatstheater-mainz.com

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