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Gudrun Pausewang, hier auf der Frankfurter Buchmesse 2017.

Nachruf

Gudrun Pausewang: Die Schriftstellerin einer unheilen Welt

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Zum Tod der einflussreichen Schriftstellerin Gudrun Pausewang.

Gudrun Pausewang war nun so gar nicht der rechthaberische Typ. Im März 2011 aber, während der nuklearen Katastrophe im und beim japanischen Kernkraftwerk Fukushima Daiichi, kamen die Bilder, Szenarien und Ängste nicht nur vielen jüngeren Deutschen auch deshalb so entsetzlich bekannt vor, weil sie es in Pausewangs Roman „Die Wolke“ schon gelesen hatten. Sie selbst hatte Ende der achtziger Jahre, als sie ihr erfolgreichstes Buch schrieb – in viele Sprachen, auch ins Japanische übersetzt – natürlich Tschernobyl vor Augen gehabt. Und sagte 2011 der FR im Interview: „Mir wäre es lieber gewesen, ich hätte mich geirrt. Aber wenn ich nicht sicher gewesen wäre, dass sich so eine Katastrophe früher oder später ereignen wird, hätte ich das Buch nicht geschrieben. Ich schreibe solche Bücher nicht mit dem Ziel, Angst und Schrecken zu verbreiten, was mir oft unterstellt wird.“

In der Tat. Dass Gudrun Pausewang – die übrigens immer klarstellte, dass zum Beispiel „Die Wolke“ kein Kinder-, sondern ein Jugendbuch sei – Teenagern schlimme und tragische Geschichten erzählte, spaltete die Erwachsenenwelt. Dabei ging es nicht nur um pädagogische Fragen, sondern auch darum, wie man selbst die Dinge wahrnahm, also etwa die Gefahren durch Atomkraft. So dass Pausewang, die Demonstrationen besuchte, aber kein offizielles Mitglied der Anti-Atomkraft-Bewegung war, ins ideologische Kreuzfeuer geriet. Junge Leserinnen und Leser fühlten sich dagegen für voll genommen, einbezogen. Manchmal war es eine Überraschung, dass nicht alles gut ausging.

„In meiner Jugend“, schrieb Pausewang in einem Gastbeitrag für den „Spiegel“, „galt für Autoren von Kinderbüchern das ungeschriebene Gesetz: In Kinderbüchern muss die Welt ,heil‘ sein. Die Guten mussten belohnt, die Bösen bestraft werden ... .“ Nun sei ihr selbst aber schon mit sieben oder acht Jahren klar gewesen, dass das nicht stimmte. „Und ich nahm mir vor: Sollte ich je Schriftstellerin werden, wollte ich meine Leser ernst nehmen, egal, ob sie 6., 16 oder 60 Jahre alt sind.“ Auch in Büchern, die eigentlich lustig oder wenigstens skurril sind – „Neues vom Räuber Grapsch“! – machen Leute fatale Fehler. Und es wird wirklich gestorben.

Dass Pausewang das Leben kannte, ist kein Argument – denn das kennen viele –, beeinflusste ihre Arbeit als Schriftstellerin aber enorm. 1928 im böhmischen Wichlstadtl (heute Mladkov im Nordosten Tschechiens) geboren, flüchtete sie 1945 mit ihrer Mutter und fünf jüngeren Geschwistern nach Wiesbaden. Der Vater war 1943 gefallen. Die Verhältnisse seien ärmlich gewesen, berichtet sie später, Gudrun machte aber Abitur, studierte an einer pädagogischen Hochschule und wurde Lehrerin.

Viele Jahre arbeitete sie in Ländern in Südamerika, lernte dort namenloses Elend kennen, politisierte sich aber auch. Und hatte vor allem ein gutes Gedächtnis. Sie selbst habe „bis zuletzt“, am Kriegsende 17 Jahre alt, an Hitler geglaubt, bekannte sie und erklärte: Darum sei Demokratie für sie nicht nur eine Formsache.

Auch diesem Thema stellte sie sich als Schriftstellerin und das auf höchst originelle Weise und zum Mitdenken. „Die Meute“ etwa erzählt von einem lieben Großpapa, der aber Nazi geblieben ist und nun eine entsprechende Jugendgruppe aufbaut. Die NS-Zeit ist in Pausewangs Werk nicht allein ein Fall für den Geschichtsunterricht.

Erst ganz spät legte sie ein unmittelbar autobiografisches Buch vor: „So war es, als ich klein war“ (2016). Für ihre Romane sah sie sich aber am liebsten in der eigenen Umgebung um, auch darum wirken die Geschichten so real. Der GAU, dessen Folgen in „Die Wolke“ geschildert werden, findet im AKW Grafenrheinfeld statt. Die 14-Jährige, aus deren Perspektive Pausewang hier erzählt, lebt im osthessischen Schlitz in der Nähe von Fulda – wie Pausewang nach ihrer Rückkehr nach Deutschland. Sie unterrichtete dort bis zur ihrer Pensionierung 1989 an einer Grundschule.

Als Autorin war Pausewang schon in den fünfziger Jahren aktiv, sie brauchte aber eine Weile, um zu begreifen, dass sie vor allem ein junge Publikum ansprechen konnte. 1977 erschien als erster großer Erfolgsroman „Die Not der Familie Caldera“, die von einem Jungen in den Anden erzählt. Dem ersten Deutschen Jugendliteraturpreis folgten weitere. Pausewang hat mehr als 90 Bücher vorgelegt.

Dass Grafenrheinfeld 2015 vom Netz ging, hat durch „Die Wolke“ zwar einen hohen Symbolwert, aber Symbole waren für Pausewang nicht interessant. Was sie wolle, sagte sie 2011, sei einfach alles, was zum Ende der Kernenergienutzung führe.

91-jährig ist Gudrun Pausewang am Donnerstag in der Nähe von Bamberg gestorben.

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