1988: "Heldenplatz"-Premiere am Burgtheater, links Autor Bernhard, rechts Direktor Peymann.
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1988: "Heldenplatz"-Premiere am Burgtheater, links Autor Bernhard, rechts Direktor Peymann.

Claus Peymann

Dem Großfürsten zum Jubiläum

  • Dirk Pilz
    vonDirk Pilz
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Ein Brief von Thomas Bernhard zum 80. Geburtstag von Claus Peymann.

Seltsames hat sich zugetragen: Unmittelbar vor seinem heutigen 80. Geburtstag ist ein sonderbares Schreiben von Thomas Bernhard an Claus Peymann aufgetaucht, das der Frankfurter Rundschau exklusiv vorliegt. Thomas Bernhard ist zwar offiziell bereits 1989 verstorben, doch Claus Peymann hat immer wieder den Verdacht geäußert, Bernhard sei gar nicht tot, sondern habe sich lediglich versteckt. Er hat offenbar vollkommen recht, wie dieser Brief beweist, den wir hier ungekürzt abdrucken:
 
Lieber Claus Peymann,

wie geht es den Wildschweinen? Sie zerwühlen Ihren schönen Garten? Was sollen sie sonst auch tun in einem Claus-Peymann-Garten! Ich habe immer gesagt: keine Tiere! Tiere nie! Menschen auch nicht, aber vor allem nicht Tiere. Marmelade wollen Sie jetzt machen, nachdem man Sie aus dem Berliner Ensemble hinausgejagt hat? Es gibt nur eine wahre Marmelade! Von Ihnen ist sie nicht. Wollen Sie das Theater mit dem Marmeladeessen tauschen? Schrecklicher Gedanke! Der leere Magen ermöglicht das Denken, der volle Magen knebelt es, würgt es von vornherein ab. Marmelade ist naturgemäß ein Irrweg, wie alles ein Irrweg ist. Man muss alles wegwischen, alles, nichts auf die Dauer entstehen lassen, Wissenschaften, Freundschaften, Verwandtschaften wegwischen, wegwischen. Ich bin seit Jahrzehnten damit beschäftigt, alles wegzuwischen, alles Entstandene gleich wieder wegzuwischen. Die sogenannte gute Welt ist durch und durch eine geheuchelte und wer das Gegenteil verkündet und sogar noch behauptet, ist ein raffinierter Menschentreter oder ein unverzeihlicher Dummkopf.

Immer hatten Sie Angst vor mir, immer! Die Angst, selber ein Bernhard-Geschöpf zu werden. Lächerliche Angst! Sie waren immer ein Bernhard-Geschöpf! Ich habe doch „Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen“ geschrieben, ein wunderbares Stück! Ich habe Dich sowieso immer beglückwünscht, dass Du mich überhaupt hast kennen und meine Stücke uraufführen dürfen. Was wäre ein Peymann ohne einen Bernhard! Dümmer wäre er, einfach doof. Du hast auch die albernen Texte dieses Handke und der Jelinek inszenieren müssen, aber nur der Bernhard hat Dich groß und berühmt gemacht! „Ein Fest für Boris“, Hamburg 1970: gigantischer Erfolg! „Minetti“, Stuttgart 1976: Erfolg! „Heldenplatz“, Wien 1988: 32 Minuten Applaus, Buh- und Bravo-Rufe! Misthaufen vor der Tür, Demonstranten! Und wie schön Du damals neben mir gestanden und ins Publikum gewinkt hast! Der Waldheim, der sogenannte Bundespräsident, schimpfte über die „grobe Beleidigung des österreichischen Volkes“, der Altkanzler Kreisky schrieb von Mallorca aus „Das darf man sich nicht gefallen lassen.“ Wirkung bis nach Mallorca! Herrlich! Und alle Zeitungen voll.

Das war ja immer unsere größte gemeinsame Sucht, die Zeitungssucht. Wenn Du mich besuchen gekommen bist in Ohlsdorf oder Gmunden oder Wien haben wir uns aus den Zeitungen vorgelesen. Ich bin ja auch der Zeitungen wegen in die Wiener Kaffeehäuser gegangen, in das Bräunerhof, das immer ganz gegen mich gewesen ist wie das Hawelka. Ich habe das Wiener Kaffeehaus immer gehasst und bin immer wieder in das von mir gehasste Kaffeehaus hineingegangen, denn ich habe an Kaffeehausaufsuchkrankheit gelitten, mehr als an allen anderen. Außer an der 17-und-4-Spielkrankheit. Du hast mit mir ja auch immerfort 17 und 4 spielen müssen und jedes Mal verloren.

Ich habe natürlich in der Zeitung gelesen, dass Sie, Herr Peymann, immer träumen, ich lebte und sei nur getarnt gestorben, mindestens einmal im Monat träumen Sie das, als seien sie die Bernhard-Witwe. Das ist doch kein Traum! Wie kann man auf die dumme Idee kommen, ich lebte nicht mehr! Gerade war ich 58 geworden, da habe ich mich zurückgezogen, bin umgezogen! Weg aus dieser dummen Welt!

Drei Menschen sind zu meinem sogenannten Begräbnis gekommen, Sie und noch zwei. Was für eine absonderliche Veranstaltung! Schlechtes Theater, furchtbar.

Achtzig Jahre werden Sie heute, Herr Peymann! Achtzig! Achtzig Jahre auf dieser Welt, die schon immer eine deprimierende und beschämende gewesen ist. Ich gratuliere! Ich habe immer Ihnen zur Seite gestanden. Ohne mich hätten Sie nichts geschafft, gar nichts! Ich bewundere die Ruhe und Geduld, die unermessliche Ruhe und monströse Geduld, mit denen ich Ihnen zugehört habe. Ich muss sogar manchmal lachen, wenn ich an die Bernhard-Peymann-Skandale denke. Der Notlichtskandal 1972 in Salzburg! Dieses unverschämte Theater hat bei der Premiere von „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ am Ende nicht das Notlicht ausgemacht, obwohl ich in der Regieanweisung ausdrücklich geschrieben hatte, dass die Bühne „vollkommen finster“ sein muss. Vollkommen! Kein Notlicht, gar nichts, sondern finster! Bei der Generalprobe ist sie noch finster gewesen, aber nicht bei der Premiere! Die Feuerpolizei hat sich auf eine Verordnung von 1884 berufen. Stumpfsinn! Das ist der österreichische nationale katholisch-nazistische Stumpfsinn! Ich habe dem Kaut, Josef, diesem unverschämten Präsidenten der Salzburger Festspiele, sofort telegraphiert: „Eine Gesellschaft die zwei Minuten Finsternis nicht verträgt kommt ohne mein Schauspiel aus Stop Mein Vertrauen in Regisseur und Darsteller ist hundertprozentig Stop“ Hundertprozentig!, obwohl ich angeboten hatte, den Schluss zu streichen.

In Österreich wird alles zum Stumpfsinn, mit Finsternis, ohne Finsternis, alles stumpfsinnig! 13 Jahre waren Sie Burgtheater in diesem Österreich, als Deutscher! Sie sind der Großfürst der Schnürböden. Eine Wiener Berühmtheit. Jetzt hast Du Dich zum Ehrenmitglied des Burgtheaters machen lassen, wo die Antisemiten und Nazimitmacher Werner Krauß, Paula Wessely, Attila Hörbiger noch immer Ehrenmitglieder sind. Ich habe Dich immer vor der Burgtheaterfalle gewarnt, aber Du hast ja nicht hören wollen. Nichts hören, nur inszenieren, immer nur inszenieren! Und dann nach Berlin ans Berliner Ensemble gehen, naturgemäß eine Dummheit! Was wollten Sie in diesem miefigen, albernen Berlin, wo sie nichts können, nicht ordentlich hassen und nicht ordentlich lieben, nicht Bernhard-Spielen und auch sonst nichts richtig spielen? Der „Stachel im Arsch der Mächtigen“ sein wollten Sie, ohne einen Bernhard! Lächerlich! Es kann naturgemäß nur einen Stachel geben!

Jetzt haben sie Dir einen Nachfolger ins BE gesetzt, den Du Schlitzi genannt hast, weil er sich als Sau verhalte, fast alle Deine Schauspieler davongejagt hat und alles anders machen will. Soll er doch! Er wird scheitern, alle scheitern. Lieber Peymann, die Lebenszeit ist zu kurz, um sie mit Gezeter und Geplemper noch mehr zu verkürzen. Alles Gute, Peymann. Erschießen Sie die Wildsäue! Bleiben Sie gesund. Wie sagte Nestroy: „Am besten ist’s halt doch, wenn man g’sund ist und recht viel Geld hat, denn was hat schon der Arme von seiner Krankheit.“ Geld und Gesundheit! Denn in Wahrheit wird jede Geistesarbeit wie jede andere Arbeit maßlos überschätzt und es gibt keine Geistesarbeit auf der Welt, auf welche diese alles in allem überschätzte Welt nicht verzichten könnte. Auf uns Zwei aber nicht! Auf uns kann keine Welt verzichten. Kommen Sie ins Rathauscafé in Gmunden, ich sitz’ da und warte, ich habe da ein schönes Stück, das Sie uraufführen dürfen, nur Sie!
 
Ihr Th.B.
 
P.S. Der Roberto Blanco wird heute auch 80! Gratulieren Sie ihm!

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