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Menschenbild mit Chor, Sopranistin Eunju Kwon und Tänzer Lorenzo Angelini.

Mannheim

Große Gesten zwischen Flehen und Freude

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Oper und Tanz tun sich in Mannheim zu einem prächtigen Abend mit Musik von Bach und Händel zusammen.

Prächtig, aber auch in den rechten Momenten schlicht ist am Nationaltheater Mannheim eine Zusammenarbeit der Sparten Oper und Tanz geraten. Das zweiteilige „Sanssouci“ ist beileibe kein Handlungsballett, aber es geht doch in „Innen“, dem ersten Teil, um den Ort, an dem Friedrich der Große Ruhe und wohl auch Trost suchte in der Begegnung mit Philosophen und Künstlern. Und konkret um ein Zusammentreffen mit Johann Sebastian Bach im Jahr 1747, kurz nach Eröffnung des Lustschlosses Sanssouci. Weshalb auch Werke von Bach und Bach-Anverwandlungen von Arash Safaian erklingen; nach der Pause dann entschied man sich „Außen“ für Händels Geistliches Konzert „Dixit Dominus Domino meo“.

Tanzchef Stephan Thoss lässt in „Innen“ einen alten (Joris Bergmans) und einen jungen Friedrich (Andrew Wright) durch die von Martin Kukulies in verblasster Pracht gestalteten Räume geistern. Er erinnert an den guten Freund Katte, den Friedrich Wilhelm hinrichten ließ (und sein Sohn musste zusehen), lässt Amalie (Emma Kate Tilson), die Schwester Friedrichs, auftanzen, auch mit dem Bach-Sohn Friedemann (Alberto Terribile). Er gibt außerdem der tonangebenden Kunst zwei elegante, kraftvoll-leichtfüßige Körper: Julia Headley und Jamal Callender tanzen „Die Musik“. Schließlich erhält auch Friedrichs Trauma Gestalt mit der schwarz gekleideten (Kostüme: Thoss), ominös geschminkten Alexandra Chloe Samion. Ihr optisches Pendant ist Tenald Zace als Friedrichs gnadenloser Vater.

Manche Szenen im Hause Sanssouci geraten Thoss trotz expressiv-konturierter Bewegungssprache ein wenig unübersichtlich. Friedrich-Ehefrau Elisabeth kommt ins Spiel, dazu Voltaire, dazu dann völlig unnötig Carl Philipp Emanuel Bach.

Dafür bewegt und strukturiert Thoss nach der Pause, wenn das „Außen“ das „Innen“ ablöst, äußerst einleuchtend den Chor, dazu fünf überzeugende Solisten (die Sopranistinnen Nikola Hillebrand und Eunju Kwon, Mezzosopran Martiniana Antonie, Tenor Koral Güvener und Bassbariton Marcel Brunner) und das nun unterschiedslos als Volk auftretende Tanzensemble. Alle Akteure werden eingebunden, es gibt eine stimmige, dabei unaufdringliche Personenführung bis ins Detail.

Und es ist ein Vorteil, dass die Tänzerinnen und Tänzer nun keine Rollen mehr ausfüllen müssen. Es geht um ihr Menschsein zwischen Geburt und Tod, um so wenig und so viel, um Gemeinschaft und Vereinzelung, um Gesten des Flehens und der Freude. Der Tanz fließt und wogt, er hält aber auch inne, konzentriert sich auf eine Person. Und immer transportiert er dabei Atmosphäre und Aussage – natürlich zusammen mit Händels kraftvoller, berührender Musik. Das Orchester des Nationaltheaters glänzt unter der Leitung Matthew Toogoods, Dani Juris besorgte die feine Chor-Einstudierung.

Gut zwei Stunden dauert der Abend (mit Pause), das Nationaltheater scheint mit ihm auch aufblättern zu wollen, welche Fülle an künstlerischen Kräften und künstlerischem Umsetzungsvermögen ihm zur Verfügung steht. Man zieht an einem Strang mit dem Ergebnis eines auch außergewöhnlichen Tanzabends, der sich zwischen Erzählung und Abstraktion positioniert, zwischen Handlungsbildern und unmittelbar wirkungsmächtigen Menschenbildern.

Nationaltheater Mannheim: 22., 29. März, 13., 22. April, 17. Mai. www.nationaltheater-mannheim.de

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