Nicht einmal ein echter Koolhaas: Simulation eines Bühnenhauses im Frankfurter Osthafen.

Städtische Bühnen

Der große Bluff

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Mit kulturellen Leuchttürmen wetteifern Städte um Aufmerksamkeit. In Frankfurt manipuliert ein unseriöser Entwurf die Debatte über einen Theaterneubau.

Auch der Leuchtturm hatte, wie einige Dinge mehr unter der Sonne, sein Goldenes Zeitalter. Man denke nur an den Pharos von Alexandria, ja, wenn man es recht bedenkt: den ersten Leuchtturm überhaupt, erbaut von 299–279 v. Chr. Wohl bis zu 160 Meter hoch, war er nicht nur deswegen ein architektonisches Highlight, während der Antike angesehen als eines der Sieben Weltwunder. Für seine Strahlkraft spricht, dass sie sich auf das Wort Leuchtturm übertragen hat bis auf den heutigen Tag, zumal im Zusammenhang mit dem Wort „kultureller Leuchtturm“. Eine goldene Vokabel – oder eine bloß schillernde?

Kultureller Leuchtturm: Auch mit Blick auf die Bühnenzukunft Frankfurts ist ein zukünftiger Theaterneubau in letzter Zeit gerne so bezeichnet worden. Um nämlich ein besonderes Bauwerk, eine architektonisch außergewöhnliche Erscheinung anzukündigen, eine echte Attraktion. Doch wie es so ist, der Weg zu jedem Leuchtturm ist kein Klacks. Nein, eine echte Strapaze, seitdem nämlich in Frankfurt darüber gestritten wird.

Seit fast drei Jahren geht das so, und seit ein paar Monaten um die zugespitzte Frage, ob ein solcher Neubau anstelle der bisherigen Theateranlage, der sogenannten Doppelanlage aus Oper und Schauspiel, am bisherigen Standort, an Frankfurts zentralem Willy-Brandt-Platz, entstehen soll oder aber an einem neuen Ort, etwa im Osthafen. Hier, weit außerhalb des Stadtzentrums, hat die CDU, am deutlichsten deren Vorsitzender und Dezernent für Bauen und Immobilien, Jan Schneider, einen Neubau im Sinn, während die SPD-Stadträtin und Kulturdezernentin Ina Hartwig entschieden an einem Theaterneubau am Willy-Brandt-Platz festhält, im „Herzen der Stadt“. Ein großes Wort – doch nicht von der Hand zu weisen.

Oper und Schauspiel Frankfurt am Willy-Brandt-Platz: Entsteht hier auch der Neubau?

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass Theater, Opernhäuser und Schauspielhäuser, historisch gesehen, nicht von ungefähr in den Zentren der Städte entstanden. So geschah es während des Goldenen Zeitalters der Theaterbauten, im Feudalismus. Auch im Silbernen, während des bürgerlichen Gründerzeitbooms, geschah es obendrein – und an diese Sonderstellung einer Institution, die als moralische Anstalt auch während der Nachkriegszeit weiterhin gefragt war, wurde eisern in Frankfurts Zentrum festgehalten mit der „Theaterdoppelanlage“.

Am damaligen Theaterplatz, dem heutigen Willy-Brandt-Platz, wurde die Aufbruchstimmung der Nachkriegsdemokratie mit breiten Fensterfronten und gläsernem Hochfoyer jedem Bürger und jeder Bürgerin vor Augen gestellt. Mehr Demokratie wagen! Auch die Architektur, gerade die Baukunst war 1963 dem allgemeinen Zeitgeist um Jahre voraus. Daran erinnern Frankfurts Opernhaus und Schauspielhaus heute noch, auch wenn es mit der Transparenz der Glasfront wahrhaftig nicht ganz so weit her ist. Die tagsüber von außen trübe Vorhangfassade wird überschätzt (oder verklärt) – nicht umstritten, dass das Gebäude in einem maroden Zustand ist, wie man seit Jahren weiß. Ein Leuchtturm?

Für einen Neubau am Willy-Brandt-Platz, denn eine Sanierung gilt mittlerweile als unverhältnismäßig teuer, gibt es zwingend urbane Argumente, und neben den beschriebenen kulturhistorischen sind da soziologische. Handelt es sich doch bei Oper und Schauspiel um einen Ort der Selbstverständigung, ja, auch der Selbstdarstellung einer erfreulicherweise weiterhin anspruchsvollen Stadtgesellschaft. Einer, die weiterhin an Einsichten über den Tag hinaus mehr interessiert ist als an Tagesschauaktualitäten. Gut, dass es ein Publikum gibt, das echt nicht bloß Wert legt auf Gänsehautgefühle, sondern auch nachhaltig auf mitmenschliche. Erpicht ist auf sowohl emphatische Worte wie auf empathische Werte. Sich freut auf außerordentliche Stimmen, auf ebensolche Töne, auf unvergessliche Bilder.

Theater also. Der Baukörper für ein solches Gedankengebäude kann kaum anspruchsvoll genug sein, einer, der bereits von weitem verspricht: Hier bist du richtig, wenn es um das Besondere geht und nicht das Banale. Geht es doch um das Zurücktreten vom Alltag und nicht ums Hineintapern in sein Einerlei. Will sagen, ein Leuchtturm, dafür ist er ja da, schüfe Orientierung, und warum nicht bereits von weitem durch seine Architektur?

Allerdings ist es mit Leuchttürmen so eine Sache, denn es gibt eine gewisse Leuchtturm-Inflation. So nennt das „Blaubuch nationaler Kultureinrichtungen“ allein in den neuen Bundesländern 23 „Leuchttürme“, darunter das Bauhaus in Dessau oder das Deutsche Hygienemuseum in Dresden, die Wartburg in Eisenach oder das Händelhaus in Halle, das Gartenreich in Dessau-Wörlitz oder der Fürst-Pückler-Park Bad Muskau. Doch ist nicht auch der Kölner Dom ein solcher Leuchtturm? Und warum nicht die einzigartige Torhalle in Lorsch? Bitter! Doch die Zeche Zollverein in Essen, ein Weltkulturerbe zum Glück.

Viele Leuchttürme, doch was ist ein Leuchtturm? Kulturelle Leuchttürme sind in den vergangenen zwei, drei Jahrzehnten aus dem Boden geschossen. Es gab tatsächlich so etwas wie ein Goldenes Zeitalter der Museumsbauten in den 1980er und 1990er Jahren, man denke nur an das Frankfurter Museumsufer. Der Bautypus Museum wurde, um den Gedanken im Marketingdeutsch fortzusetzen, zu einem Standortfaktor urbaner Stadtentwicklung. Architektonisch außergewöhnliche Bauwerke – architektonische Icons, das Wort fehlte noch! Icons in Tokio, Bilbao oder Manhattan. Oder Shigeru Bans neues Centre Pompidou, das 2008 im französischen Metz eröffnet wurde, nicht anders als das Pariser Centre Pompidou selbst, mit dem Richard Rogers und Renzo Piano in den 1970er Jahren den Typus der modernen Museumsmaschine begründeten.

Zur Leuchtturmproduktion gehörten das Basler Schaulager oder das Akropolis-Museum in Athen, das extrem krasse Kunsthaus in Graz oder das strenge Kolumba in Köln – und das wird hier deswegen aufgezählt, weil es einen vergleichbar nennenswerten Theaterneubauboom in den letzten 20, 30 Jahren nicht gegeben hat. Dagegen gab es in den Nullerjahren den Boom der Shoppingcenter und Malls, das Alexa in Berlin, die Salzstraßen-Arkaden in Münster, My Zeil in Frankfurt, das Lilien-Carré in Wiesbaden oder die Braunschweig-Arkaden hinter einer gefakten Schlossfassade.

Auch eröffneten die VW-, die Mercedes und Porsche-Welten. Alle drei nicht nur fesch, sondern äußerst gewieft durchgestylte Eventwelten. Erst recht versehen mit den Weihen der spirituellen Überhöhung die BMW-Welt.

Potsdam schmückt sich seit 2006 mit dem Hans-Otto-Theater.

Die Spiritualisierung gerade von Spektakelarchitektur hat damit zu tun, dass eine fantasielose Stadtpolitik existentiell auf die Produktion von Symbolen angewiesen ist. Kultur ist sicherlich eine überaus komplexe Angelegenheit, noch dazu oft eine hochgradig komplizierte Sache, zwangsläufig. Ein Grund sicherlich, dass es wohl „keinen Begriff von ähnlicher Diffusität“ gibt, wie der Stadtforscher Walter Siebel schreibt, der zugleich darauf aufmerksam macht, dass „städtische Ökonomie und städtische Kultur immer weniger zu trennen sind“. Wenn die konkurrierenden Städte für ihren Wettbewerb allein ökonomische Motive zu nennen wüssten, käme eine starke Armseligkeit zum Vorschein - umso wichtiger also eine kulturelle Legitimation der Städtekonkurrenz.

Ein Beispiel für die „Indienstnahme der städtischen Kulturpolitik für wirtschaftspolitische Ziele“ (Siebel) zeigt sich in diesen Tagen und Wochen sehr schön, sehr gut und wahrhaftig auch in Frankfurt, wenn ein Projektentwickler in die Standortdebatte eingreift, weil er mit dem vorgeschlagenen Quartier viel vorhat. Dazu hat der Projektentwickler Jürgen Groß einen Entwurf in Umlauf gebracht, das Stadtmagazin „Frankfurt Journal“ glaubte an einen Scoop, hat sich instrumentalisieren lassen, um die Visualisierungen zu veröffentlichen, weniger aufsehenerregende als vielmehr abenteuerlich banale Sächelchen, wie so unglaublich vieles aus dem Rotterdamer Büro „Office for Metropolitan Architecture“ (OMA). Abenteuerlich obendrein, weil die abgebildeten Simulationen nicht, wie behauptet, von Rem Koolhaas stammen, wie so viel Banales von ihm, auf das sich Bauherren und Investoren in den vergangenen 30 Jahren unfassbar etwas einbilden.

Nein, nicht einmal ein echter Koolhaas, vielmehr ein Fake, mit dem der Projektentwickler in Frankfurt hausieren geht, offenbar erfolgreich, denn die CDU geht auf den mittlerweile durchschauten Bluff weiterhin bereitwillig ein, weil sie die Bluffarchitektur einer Mitarbeiterin des OMA ernst nimmt. Man möchte gar nicht darüber nachdenken, was das bereits für den in Frankfurt anstehenden Bühnen-Wettbewerb bedeutet. Ist Prahlarchitektur à la Koolhaas bereits am heutigen Tag ausgemachte Sache?

Im März 2018, vor zwei Jahren mittlerweile, war es das Deutsche Architekturmuseum (DAM), das mit einer Ausstellung unter dem Titel „Große Oper – viel Theater?“ einen Überblick über „Bühnenbauten im europäischen Vergleich“ gab – versammelt wurden kulturelle Leuchttürme von London bis Danzig, Oslo bis Lyon. Ohne große Erwähnung blieben die zwei, drei Theaterneubauten, die in Deutschland in den letzten 15 Jahren entstanden, das Hans-Otto-Theater in Potsdam, das Haus in Heidelberg, die Bühnen in Rostock, für die im Herbst ein Wettbewerb abgeschlossen wurde.

Die Elbphilharmonie als Hamburgs neues Markenzeichen.

In dieser Situation, weit und breit kein neues Opernhaus in Deutschland, stieg zum gleißendsten Kulturneubau der letzten 20 Jahren die Hamburger Elbphilharmonie auf – um weniger aus Vernunftgründen, sondern wie verrückt als Leuchtturm bezeichnet zu werden. Aber gut, ein Bauwerk in exponierter Lage, die Bilder zeigen es wie auf einem Felsen, wie einen Dampfer auf einer Klippe.

Der Leuchtturm ein Dampfer? Natürlich handelt es sich nicht nur um ein zwingendes Sinnbild, sondern um eine Metapher. So jedenfalls ist das Wort in Umlauf, weil sich mit ihm Stadtmarketing betreiben lässt. Erst recht dann, wenn es um beträchtliche Investitionen geht. Zumal es – zweitens – um die Städtekonkurrenz geht. Und insbesondere drittens, wenn mit Bauwerken, ohne dass deswegen das Interesse an Architektur auch allgemein groß sein muss, Branding betrieben werden kann.

Dass Branding, mit anderen Worten Markenbildung, zur Leitkultur in der Städtekonkurrenz aufsteigen konnte, erklärt sich durch eine Entwicklung, in der auch die Stadt zu einem Unternehmen geworden ist. Wie zum Beweis, dass es sich bei der „unternehmerischen Stadt“, von der der Stadtforscher Siebel spricht, nicht um eine ideologisch motivierte Wortfindung handelt, sondern um eine real existierende neoliberale Strategie, setzt Frankfurts Dezernent für Bauen und Immobilien, Schneider, auf eine Doppelstrategie. Einerseits auf eine Vermarktung der Flächen der abzureißenden Theaterdoppelanlage in Frankfurter 1A-Lage, zudem auf eine Vermarktung einer Brache im Osthafen. Das wäre dann ein Leuchtturm für Oper und Schauspiel im, nun, ja, Schatten der (Leucht-)Türme der Europäischen Zentralbank. Frankfurts Kulturdezernentin nennt die Ausweisung des Theaters, die urbane Abschiebungspolitik der CDU aus der Innenstadt Frankfurt zu Recht einen „kalten Plan“.

Dass ein Projektentwickler kalte Interessen verfolgt, liegt womöglich in der Natur der Sache. Dass der Projektentwickler dabei erwischt worden ist, dass er sich mit gezinkten Karten an den Tisch gesetzt hat, dass er dabei die CDU in die Karten hat schauen lassen (denn der CDU-Parteivorsitzende Schneider hat eingeräumt, dass er in die Pläne des Projektentwicklers eingeweiht war), gehört offenbar zu Frankfurter Gepflogenheiten, mit denen Politik als Poker betrieben wird – pokergetrieben ist.

Tatsächlich konnte der Vorstoß gelingen, weil er in ein Vakuum vorstieß. Hat es doch die Stadt, haben es die offensichtlich gegeneinander arbeitenden Bau- und Kulturdezernate versäumt, einen Wettbewerb über einen Innenstadtstandort auszuloben, angesichts des Investitionsvolumens von rund einer Milliarde Euro ein groteskes Versäumnis, das von dem privaten Projektentwickler ausgenutzt worden ist. Und der SPD-Planungsdezernent? Spricht ein Machtloswort.

Was in Frankfurt vor sich geht, bestätigt, dass an die Stelle der politisch gestalteten Kommune die unternehmerische getreten ist. Auch der kulturelle Leuchtturm wird zu einem neoliberalen Betätigungsfeld. Die Osthafenlösung bedeutete einen vierfachen, einen historischen und urbanen, einen kulturellen und sozialen Bruch mit der Tradition. Die CDU scheint zu diesem Abschied eiskalt entschlossen - und jagt deswegen einem Phantom hinterher.

Es wäre für Frankfurt eine Leuchtturmlösung à la Niedernhausen, wo 1993, am Rand des Taunus, irgendwo im Wald ein Musicaltheaterbetrieb an den Start ging. Phantom der Oper und so. Show und dieses Spektakel haben sich dann binnen nicht mal fünf Jahren überlebt.

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