Rémond-Theater

Er hat das größte Hochhaus

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Stefan Vögels „Die Niere“, sehr gewitzt am Frankfurter Rémond-Theater.

Es geht hier nicht um eine Niere, auch wenn Stefan Vögels Stück so heißt, „Die Niere“. Auch wenn Kathrin anscheinend eine kranke Niere hat. Auch wenn Arnold dem gemeinsamen Arzt zufolge wohl ein geeigneter Spender wäre. Auch wenn Arnold nicht direkt Nein sagt. Aber erst recht sagt Arnold nicht Ja.

Arnold ist Kathrins Frau. Darum geht es. Es ist unmöglich und geschmacklos, sich über eine Niere lustig zu machen, aber es ist nicht unmöglich und geschmacklos, sich über einen Mann lustig zu machen, der im entscheidenden Augenblick im Leben zu seiner Frau nicht Ja sagt. Arnold ist Torvald Helmer aus Ibsens „Nora“, wenn Torvald unter Druck nicht über sich hinauswächst, sondern zeigt, was für ein kleiner, peinlicher Egoist und Feigling er ist. Das will kein Mann erleben, jemanden so zu enttäuschen, das will keine Frau erleben, so enttäuscht zu werden.

In einer Komödie ergeben sich daraus jedoch unverzüglich prächtige Szenen, weil Sigmar Solbach im Fritz Rémond Theater nicht lange wartet, bis er anfängt, Verena Wengler Vorwürfe zu machen. Sie setze ihn unter Druck, mache ihm ein schlechtes Gewissen, das sei unfair, für ihn sei das schließlich auch gefährlich, sie müsse ihn verstehen. Er schwadroniert, sie zieht sich zurück, da ist er schon wieder beleidigt. Er hat ja nicht Nein gesagt.

Obwohl das eine übertriebene Szene zu sein scheint, ist sie in Wirklichkeit keineswegs übertrieben, Solbach und Wengler spielen es auch nicht so. Er ist diesmal der dröhnende Typ, es gibt solche Männer überall, es sind nicht mal die schlechtesten. Sie haben Schwung und Erfolg, neigen dann aber zum Schmollen. Sie ist ironisch gestimmt und dadurch schwieriger einzuordnen, zumal Wengler einen stilvoll dramatischen Tonfall pflegt. Überhaupt ist die Situation schillernd und bald unerwartet wendungsreich.

Ein zweites Paar kommt zu Besuch. Götz, zeigt sich beim Abendessen im Off, ist sofort bereit, Kathrin eine Niere zu spenden, einfach so, weil die Paare befreundet sind und weil es das Richtige ist, wenn man die Möglichkeit dazu hat – dieselbe Blutgruppe, medizinisch sollte man das alles nicht zu ernst nehmen, darum geht es, wie gesagt, nicht. Diana findet das unmöglich und ärgert sich, dass er sie in eine so wichtige Angelegenheit nicht einbezieht. Ein unangenehm vertrauter, gesellschaftlich durchaus sanktionierter Egoismus ist nun paritätisch verteilt. Viola Wedekind spielt das so gedimmt und plausibel, wie Stephan Schleberger unprätentiös auf dem Guten im Menschen beharrt.

Peinlich für Arnold. Peinlich als Mensch und als Ehemann, zumal immer wieder das Thema auf phallische Fragen kommt. Arnold plant als Architekt gegenwärtig ein besonders großes Hochhaus und ist besonders stolz darauf. Das meiste kommt einem tatsächlich unheimlich bekannt vor, einleuchtend ebenso Arnolds und Kathrins Architektenhauswohnzimmer (Steven Koop). Und auch, wenn jetzt die Wendungen & Volten beginnen, von Vögel fein hingeschrieben und von Regisseur Frank-Lorenz Engel ebenso fein serviert, bleibt das Quartett standhaft und ernst. Das Publikum soll lachen (macht es, macht es), aber die Figuren sollen sich darauf konzentrieren, ihr Leben wieder zu ordnen (klappt nicht, klappt nicht, oder je nachdem, von welcher Warte man es sieht).

Auch wenn die Niere im Verlauf der Handlung zunehmend aus dem Blick gerät, ist sie im Treppenhaus nachher Gesprächsthema. Ein origineller, u. U. fataler Beitrag zum Valentinstag.

Fritz Rémond Theater,Frankfurt: bis 24. März. www.fritzremond.de

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