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Medea und Neris, die eine schon entschlossen, die andere noch flehend.

"Medea"

Der grenzenlose Hass

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Cherubinis "Medea" in sehr überzeugender Version in Stuttgart.

Medea, der übel mitgespielt wird und die daraufhin definitiv zu weit geht, ist bei Luigi Cherubini und Peter Konwitschny nicht so sehr die Ausländerin. Sie ist vor allem die, die sich nicht an die Regeln hält. In seiner uneingeholt klugen „Kunst der Oper“ schildert auch Ulrich Schreiber sie als Normabweichlerin und beschreibt zugleich, wie der Noch-Klassizist, Fast-schon-Romantiker Cherubini sie musikalisch teils einzwängt, ohne dass sie sich dadurch am Schlimmsten hindern ließe. Die von Formfragen also ethisch und ästhetisch betroffene Mörderin nimmt das Angebot zum diskreten Rückzug nicht an. Konwitschny lässt sie wie einen bösen Geist in die Hochzeitsgesellschaft ihres Ex fahren.

Eine Spielverderberin der gefährlichen Art in einer Oper der gefährdeten Art. Cherubinis „Medea“, 1797 uraufgeführt, gehörte zur Gattung der Opéra comique, der in Paris lange gepflegten Oper mit gesprochenen Dialogen. Auch „Hoffmanns Erzählungen“ oder „Carmen“ bekam der Untergang der Opéra comique nicht. Bis heute geht ihnen etwas ab (die Dialoge), das auf der Opernbühne schwer zu realisieren ist und von vielen ungern gehört wird. Der „Medea“ wurden später ebenfalls Rezitative hinzugeschrieben, um ein anständig durchkomponiertes Werk zu erhalten. Es hat eine gewisse Logik, dass sich zudem noch die spätere italienische Fassung durchsetzte – inklusive eines kurzen Comebacks mit Maria Callas als Titelheldin 1953.

Die Oper Stuttgart bleibt beim vertrauteren Namen, bemüht sich aber mit Sinnlichkeit und Verstand um eine Rückkehr zur originaleren „Médée“-Gestalt. Dafür wird – zu Recht, aber folgenreich – auf Deutsch gesungen, Bettina Bartz und Werner Hintze haben eine passable deutsche Fassung erstellt. Alles klingt nun ein wenig nach Beethoven und Schumann, kein Nachteil, aber eine eigenwillige Note. Konwitschny selbst hat sich um die Dialoge gekümmert, kurze, schneidende, manchmal saloppe Dialoge. „Ich werde meinem Hass keine Grenzen setzen. Meiner Liebe habe ich ja auch keine gesetzt“, erklärt Medea bündig, und Cornelia Ptasseks Sprechstimme hat dabei den hochdramatischen Ernst, den man überhaupt nur noch in der Oper hören kann. Im Schauspiel wäre es – peinlich? Auch dies ein Grund, Operndialoge nicht totzuschweigen, sondern ihren Schwung – wie hier geschehen – zu nutzen.

Insgesamt ist die Stuttgarter Fassung, gekürzt auf 135 pausenlos dargebrachte Minuten, die nichts vermissen lassen, auf eine brauchbare Wiederentdeckung angelegt. Von der voranstürmenden Ouvertüre, rasant dargeboten unter dem Dirigat von Alejo Pérez, bis zum gnaden- und trostlosen Finale mit Entsetzensgekreisch und Donnereffekt ist das musikalisch ein Triumphzug. Ptasseks herrlich auffahrende, tragisch grundierte, in Bestform befindliche Medea wird von erstklassigen Rollendebüts flankiert: An ihrer Seite Helene Schneiderman als Amme Neris, das personifizierte Mitgefühl. Ihnen gegenüber: die schnuckelige Konkurrentin Kreusa, Josefin Feiler mit lichtem Sopran, und deren Vater Kreon, Shigeo Ishino als überzeugender Charakterbariton. Sebastian Kohlhepp ist ein makelloser Tenor, was seinem Iason entspricht, der in reinlicher Kapitänstracht auftritt und nicht auf der emotionalen Höhe seiner verstoßenen Frau ist. Viel Spannung ziehen Musik und Regie aus der Naivität, mit der auch die, die es besser wissen sollten, Medea unterschätzen.

Jenseits von Medea und Neris gießt Konwitschny letztlich einen Kübel der Verachtung über den Figuren aus, und Cherubinis Musik gibt ihm auch hier ein gutes Stück recht. Wie Konwitschny sich überhaupt einmal mehr als guter Zuhörer erweist. Und als Liebhaber einer hervorragenden Personenführung. Keiner steht hier dumm rum, wenn er nicht soll, alles ist lebendig und plausibel. Dass die Ehe von Iason und Kreusa zum Beispiel auch ein Geschäft unter Männern ist, wird zur scheinbar arglosen, formvollendeten Musik in einer starken Szene rascher Koffer- und Passübergaben vermittelt. Man versteht sich.

Der glänzende Stuttgarter Opernchor ist ein unangenehmes Trüppchen aufgebrezelter Partygänger, mehr als angetrunken und allzeit bereit zu mobhaftem Drängen, Hauen und Stechen. Konwitschnys Inszenierung befördert weitgehend die Schnörkellosigkeit, die durch Medeas konsequentes Verhalten vorgegeben ist. Grelle, auch grobe Bilder gehören bei ihm dazu, aber sexuelle Belästigung und Vergewaltigung auch zum Repertoire gesellschaftlicher Entgleisungen. Die subtile Andeutung ist Konwitschnys Sache nicht, aber Medea interessiert ihn doch sehr. Während sie noch mit sich zu ringen scheint, ob sie ihre Kinder wirklich ermorden soll, wissen die Regie und die Musik längst, dass sie es tun wird. Die Kinder backen mit Neris Muffins. Die Welt ist zu lustig und zu bunt für einen Menschen wie Medea – weinrotes Samtkleid, schwarzer Mantel, schwarze Lippen.

Ausstatter Johannes Leiacker lässt fast alle Szenen in einer etwas angegammelten Großküche spielen. Hinter der weißen Kachelwand die Weite des Himmels. Das Meer ist ein Vorhang. Das gewaltigste Bild ist ein stilles. Medea verbringt das Vorspiel zum Finale einen Apfel essend am Gestade, selbstgenügsam, versonnen lächelnd, mit sich im Reinen. Das ist schrecklicher als jeder Blutschwall, den es hier auch nachher nicht braucht. Die Quietschbunten werden übrigens alle anderen umbringen, wenn sie schon dabei sind.
 
Oper Stuttgart:
8., 27. Dezember, 8., 15., 31. Januar.
www.staatstheater-stuttgart.de

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