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„Der Gott des Gemetzels“ am Stadttheater Heidelberg: Noch lachen sie. Foto: Susanne Reichardt

Yasmina Reza

„Der Gott des Gemetzels“ in Heidelberg: Kunst der Entgleisung

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Yasmina Rezas erfrischend unweihnachtlicher „Gott des Gemetzels“ in Heidelberg.

Wer der Harmonie zum Fest misstraut, wer die Schicht des zivilisierten Betragens unter halbwegs gebildeten Erwachsenen für sehr dünn hält, wer namentlich Paare mit Kindern für problematische, wehrhafte und zugleich labile Einheiten hält, wird sich liebend gern in diesen Tagen mit Yasmina Rezas erfolgreichem Theaterstück „Der Gott des Gemetzels“ befassen. Optimistinnen und Verharmloser können hier sogar noch etwas lernen. Wie Véronique, Michel, Annette und Alain sind sie ja am Anfang noch der Ansicht, man könnte das doch vernünftig und in Ruhe klären. Das stimmt nicht.

Reza-Kundige wissen, was kommt. Wenige können bürgerliche Situationen so tückisch und geruhsam eskalieren lassen wie die französische Schriftstellerin. Natürlich ist es übertrieben, dass Michel den Hamster Kusperinchen ausgesetzt und damit de facto getötet hat. Oder dass Annette sich ausgerechnet auf Véroniques geliebten Kokoschka-Band übergeben muss und nachher Alains Handy in der Tulpenvase versenkt. Aber so übertrieben ist es dann auch wieder nicht, und im Einzelnen ist die Psychologie so präzise und sind die verbalen wie handgreiflichen Entgleisungen so denkbar, dass man ganz verlegen wird. Trotzdem lachen alle wie wild. Eine solche Premiere so kurz vor Weihnachten anzusetzen, ist zwar keck, aber man müsste schon grobe Fehler machen, damit es nicht zugleich ein Publikumsschlager wird.

Am Heidelberger Theater, wo Intendant Holger Schultze sich selbst das Vergnügen gegönnt hat, läuft es wie am Schnürchen. Die beiden Ehepaare treffen auf einer Art Dachterrasse über Paris zusammen, von Ausstatter Martin Fischer mit der Liebe des Boulevards zum schicken Detail eingerichtet – die boulevardeske Note liegt nahe und leuchtet ein, zumal das Spiel nun sehr entspannt und natürlich ist. Karikaturen, in denen sich ein illusionsfreies Publikum allemal wird erkennen können, ergeben sich aus der Situation, nicht aus einem überkandidelten Spiel.

Nicole Averkamp und Marco Albrecht als Véronique und Michel, Katharina Quast und Hendrik Richter als Annette und Alain achten wunderbar darauf, Leute wie dich und mich zu zeigen. Irgendwo mag man sie alle, die einzige weihnachtliche Sanftmut, die Schultze sich erlaubt. Koalitionen und Frontlinien (zwischen den Paaren und Geschlechtern oder überkreuz) entwickeln sich manchmal ad hoc, manchmal zwangsläufig. Ausbrüche bahnen sich an. Sprunghafter kehrt jeweils die gute Laune zurück, dafür reicht oft ein Wort oder die Aussicht auf Rum oder Zigarre. Auch im Stress zeigt der Mensch sich als anpassungsfähiges System. Wie alle vier stets auf Draht sind, erinnert daran, was für eine Konzentrationsleistung Komödien den Akteuren abverlangt.

Heute erinnert „Der Gott des Gemetzels“ besonders an die irrige Annahme, homogene Gruppen kämen besser zurecht. Die Unterschiede zwischen den Paaren sind vorhanden, aber marginal, ihre Ähnlichkeit ist es, die ihnen zum Verhängnis wird. Ein unfreundlicher und doch lichter Abend.

Stadttheater Heidelberg,  Marguerre-Saal: 27., 29. Dezember. www.theaterheidelberg.de

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