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Gerade die Frauenfiguren werden zu Projektionen.

Salzburger Festspiele

Gorkis „Sommergäste“ in Salzburg: Das Leben, eine lange Pause

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Überspannt und doch matt, nah und doch fern: Maxim Gorkis „Sommergäste“ bei den Salzburger Festspielen auf der Pernerinsel.

Maxim Gorkis „Sommergäste“, 1904 wenige Monate vor dem Beginn der Russischen Revolution uraufgeführt, gilt als Stück für prärevolutionäre Zeiten. Auf dem Präsentierteller befinden sich die schlaffen Mitglieder einer gehobenen Mittelschicht, deren Langeweile, Untätigkeit, Unzufriedenheit nicht mehr melancholisch, sondern schon reichlich aggressiv ist (dies ein unangenehm zeitgenössischer Aspekt, der heute Abend keine große Rolle spielt). Darüber aber liegt eine breite Schicht Zynismus, Erziehung und Gewohnheit, es wird lange gejammert, gestichelt und geraunzt, bis es zu ernsthaften Ausbrüchen kommt, die dann aber ebenfalls zu nichts führen.

Auch in einer weniger prärevolutionären, aber immerhin nervösen Phase darf einem das bekannt vorkommen. Damit dies sichergestellt ist, spielt die Inszenierung für die Salzburger Festspiele unter Menschen, die Andrea Schmidt-Futterer festlich eingekleidet hat und die sich in einem Wartebereich die Zeit vertreiben, der beispielsweise zu einem halbwegs modernen Theater passen würde. Der Wartebereich ist lang und flach, es gibt Treppen und Sitzgelegenheiten, dann wieder schmale Flure, holzvertäfelt, und Raimund Orfeo Voigt lässt diese gepflegte, aber nicht wohnliche Umgebung auf der Bühne auf der Pernerinsel nun sehr, sehr langsam am Publikum vorüberziehen. Erst mit Verspätung merkt man womöglich, dass sich das Bühnenbild am laufenden Band bewegt, vorher wundert man sich bloß darüber, dass es jetzt anders aussieht als eben noch.

Das gibt Gelegenheit zu eindrucksvollen Bildern: Links verschwindet unheimlich langsam eine Gruppe wild und immer geballter tanzender, überhaupt sich nach ihren Möglichkeiten gehenlassender (sich einzelne, aber nicht zu viele Kleidungsstücke vom Leibe reißender) Leute. Rechts taucht allmählich die Silhouette von Genija Rykowa als Warwara Michajlowna auf. Erst zuckt sie bloß, dann tanzt sie ebenfalls ganz still: einen unruhigen Tanz der Unzufriedenheit, keiner existenziellen Unzufriedenheit. Das Existenzielle zeigt sich nicht in der allzu großen Pause, in der sich die Salzburger Sommergäste befinden. Genervt zu sein, ist noch nichts weiter, es erhöht nicht einmal die Aufmerksamkeit für die Umgebung.

Die Sommergäste lassen sich nach ihren Möglichkeiten gehen.

Allerdings hält sich das Interesse der Inszenierung für ihre eigenen Möglichkeiten in Grenzen. Schwer zu sagen, ob es daran liegt, dass der russische Regisseur Evgeny Titov das Projekt erst im Mai von der aus Gesundheitsgründen abgesprungenen Slowenin Mateja Koleznik übernahm. Titov, der übrigens am Staatstheater Wiesbaden einen markanten „Eingebildeten Kranken“ gezeigt hat und dort für März 2020 mit Gorkis „Wassa Schelesnowa“ angekündigt ist, wurde in Salzburg als Mann für die echten Gefühle gehandelt. Weiter davon kann sich eine „Sommergäste“-Inszenierung nicht entfernen.

Nicht Unbehagen, sondern grelle Überspanntheit regiert, dies von Anfang an und so ostentativ, dass man ganz verlegen wird. Ein verlegenes Publikum ist im Theater ein gutes Zeichen, aber lieber nicht, weil Dagna Litzenberger Vinet als Julija Filippowna ohne Unterlass ihr Rosawolkenkleid werfen, fünf Stufen auf einmal nehmen und überhaupt herumspringen muss wie eine Zeichentrickspinnenfrau. Oder weil Mira Partecke als Olga Aleksejewna lediglich in einer einzigen Lautstärke klagen, schimpfen und keifen darf, dies aber anhaltend. Ihre unter Druck stehende Stimme ist unangenehm, insgesamt aber entspricht das der generell herrschenden Lautstärke. Es gibt nur eine und sie ist beträchtlich. Nun sind Julija Filippowna und Olga Aleksejewna durchaus verstörte Frauen. Die eine wirft sich Männern an den Hals, weil sie nichts anderes kennengelernt hat von Kindestagen an, die andere frustriert als Mutter, und im Laufe der nächsten pausenlosen 130 Minuten muss man sagen: zu Recht. Wenn man das aber ernst nimmt, macht die penetrante Dauerexaltation sie noch einmal kleiner und dümmer und letztlich so unwesentlich, wie die Männer sie finden.

Eine seltsame Sache überhaupt, wie gerade die Frauenfiguren zu Projektionen werden. Die junge Sonja, Maresi Riegner, die an sich sympathische Variante eines vorurteilsfreien Menschen, muss als coole Fast-schon-Domina ihren Freund herumschubsen. Ihre Mutter, die aufgeklärte Ärztin Marja Lwowna, Marie-Lou Sellem, hat die Hände in den Hosentaschen und darf nur kurz in Tränen ausbrechen, als sie ihre Liebe zu einem jüngeren Mann bekennt. Der Erzählstrang verliert sich dann irgendwie, das ist mehr als schade. Schön gelingt es hingegen Gerti Drassl als Kalerija, ihrer gleichfalls tüchtig angespannten Dichtertätigkeit Energie mitzugeben. Titov gibt ihr die Möglichkeit, praktisch stumm ein „Gedicht in Prosa“ vorzutragen, ein rarer individueller Moment.

Mit etlichen Figuren dieses riesigen Ensemblestücks mag die Inszenierung noch weniger anfangen. Wer nach der nüchternen Darbietung von „Jugend ohne Gott“ im Landestheater auf Schauspielertheater gehofft hat, dem steht eine Enttäuschung bevor. Dem trägen, aber auch faszinierenden Fort-und-immer-Fort des wandernden Bühnenbildes ist alles untergeordnet. Sind die Frauen Projektionen, sind die Männer nicht einmal das. Primoz Pirnat als Dreh- und Angelpunkt Bassow poltert sich durch, Thomas Dannemann bleibt als Schriftsteller Schalimow ganz unauffällig, ebenso wie Paul Behren als Wlas oder Marko Mandic als Rjumen (dabei sind das die interessanteren Männerfiguren).

Am besten gelingt es Sascha Nathan als Suslow, dem Bürger und Schurken Profil zu geben, eine mürrische Gemütlichkeit, hinter der sich Prinzipien und Gewalt nicht besonders sorgsam verbergen. Dass sein großer Ausbruch, sein Klartext am Schluss – sehr klar in der selbstverständlich zeitgenössischen Übersetzung von Arina Nestieva, die als Grundlage diente – dramaturgisch untergeht, weil er etwas vorgezogen wird: sonderbare Entscheidung. Besonderen Beifall gab es für den Burgschauspieler Martin Schwab als Onkel Doppelpunkt, ein klappriger russischer Alter wie aus einem anderen Stück.

Es ist erstaunlich, dass das Menschliche an diesem Abend so durchgängig behandelt wird, als wäre es fade und bräuchte dringend der Aufpeppung durch Manierismen und das eine oder andere Quickie am Rande.

Termine

Salzburger Festspiele, Pernerinsel in Hallein: 1.-3., 5.-8. August. www.salzburgerfestspiele.at

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