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Daniel Frank (Siegfried) und Kelly Cae Hogan (Brünnhilde).

Kassel

Wagners „Götterdämmerung“ in Kassel: Siegfried möchte lieber Sahnetorte essen

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Die „Götterdämmerung“ schließt Kassels „Ring“ ab: Musikalisch groß, szenisch bleibt es unrund.

Die Kasseler „Götterdämmerung“ bestätigt den Eindruck der drei Vorgänger-Bestandteile von Richard Wagners Tetralogie: Musikalisch auf einem außerordentlich hohen Niveau, szenisch zwiespältig, neben intensiven Szenen finden sich Halbgares, Überbildertes und verblüffend Peinliches. Die Zuversicht, den „Ring“ nah am Geschehen bewältigen zu können – wie Regisseur Markus Dietz sie Anfang 2018 formulierte: „Ich will den ‚Ring‘ so pur erzählen, wie er ist“ –, hat sich unterm Strich nicht erfüllt. Zumal dem Kasseler Geschehen zwar eine größere Deutung weitgehend, nein, eigentlich vollständig fehlt, die Regie aber im Detail natürlich ständig interpretiert und ergänzt. Der Eindruck, dass sie sich dabei von Szene zu Szene hangelt, ist denkbar unglücklich.

Aber ein Sängerfest: der Schwede Daniel Frank, der dabei ist, sich in die ganz vordere Reihe der Wagner-Tenöre zu singen und als Siegfried 2017 in Tobias Kratzers Karlsruher „Götterdämmerung“ debütierte, bietet erneut einen schier unerschöpflichen, lyrisch schönen und stimmlich wie physisch behenden Siegfried. Neben ihm glücklich im Bett, nachher in angemessen tragödinnenhafter Weltuntergangsstimmung Kelly Cae Hogan, eine große und reife Brünnhilde. Hervorragend passt sie zu diesem Siegfried, hat sie ihm doch einiges an Lebens- und Todeserfahrung voraus. Neu im Spiel die Gibichungen, Jaclyn Bermudez als soubrettenhafte, fesche Gutrune, Hansung Yoo als leichtgängiges Bariton-Pendant. Dass Dietz ihnen eine eigene Wälsungenblut-Geschichte mitgibt, ist kein neuer, aber auch kein schlechter Gedanke. Charakteristisch für die Inszenierung ist jedoch, wie das in keinen spannenden oder weiterführenden Zusammenhang zum Ganzen kommt und stattdessen irgendwann bloß aus dem Blick gerät. Zutiefst markant als Schurke und Bass ist Albert Pesendorfers Hagen.

Staatstheater Kassel :14., 22. März, 4., 19. April. Zwei Ring-Zyklen 2021: 5.-16. Mai, 31. Mai-5. Juni. www.staatstheater-kassel.de

Alle drei, die Geschwister und der finstere Halbbruder, sind in ihren psychologischen Verschlingungen verheißungsvoll und sehenswert, aber auch in der „Götterdämmerung“ scheint Dietz der Kraft seiner Personenführung zu misstrauen: Meistens ist noch eine Menge anderer Dinge los.

Auch im letzten Teil befinden sich viele Bürgerinnen und Bürger aus Kassel und der Region in schmutziger Unterwäsche (Kostüme: Henrike Bromber) auf der Bühne. Vorwiegend lagern die Menschen trist hier und da, dies schon in der Nornen-Szene zu Beginn, in der sie sich dann mysteriös kultisch oder einfach nur Wärme suchend um ein Feuer scharen. Selten wurde mit einer so imposant großen Menge auf der Bühne so wenig angefangen.

Die vorne lagernden und sich schließlich in den Zuschauerraum vorarbeitenden Nornen, grottenolmblond und hinter ihren Sonnenbrillen versehrt und blind (Marta Herman, Vero Miller und Doris Neidig), bräuchten diese Begleitung auch nicht. Klanglich natürlich von Vorteil der hier bereits beginnende Rampengesang mitsamt der ständigen Nutzung eines Gangs um den Orchestergraben herum. Allerdings erweist sich das Orchester unter der Leitung von Generalmusikdirektor Francesco Angelico auch als rücksichtsvoll und geschmeidig. Angelico bleibt dem sehr getragenen Wohlklang seines „Rings“ treu, eindrucksvoll, wie er dem Pathos trotzdem entgegenwirken kann, mit Präzision und auch – vom zwischenzeitlichen Nervenflattern bei den Bläsern abgesehen – vorzüglicher Orchesterleistung.

Rund die Musik, unrund, unruhig die Bilder. Das Bühnenbild von Mayke Hegger, die sich die „Ring“-Gestaltung mit Ines Nadler geteilt hat, zeigt diesmal erst spät das dominante Walhall- und Wotan-Neon-W. Der Walküre-Felsen ist ein ökonomisch eingerichtetes Schlafzimmer, dazu gibt es noch ein Kühlschrank, den sämtliche Akteurinnen und Akteure gerne unzeitgemäß offen stehen lassen. Grotesk, dass man hier sehen kann, wie Brünnhilde offenbar für gesundes Essen sorgt, was Siegfried anscheinend schwer auf die Nerven geht. Bei den Gibichungen greift er erfreut nach der Sahnetorte.

Von oben kommen Säulen für die Gibichungenhalle herunter, zwischendurch ist sie auch bestuhlt. Dabei demonstriert der martialische und doch straffe Auftritt des Chors (vorzüglich einstudiert von Marco Zeiser Celesti), dass Dietz gar nicht so viel Dekor bräuchte und durchaus in der Lage ist, einen Chor zu bewegen.

Zumindest heikel ist die Szene, die Brünnhildes Überwältigung und hier zweifellose Vergewaltigung durch den als Gunther getarnten Siegfried auf großer Leinwand im Stummfilm illustriert. Indem das mit Dietz’ an sich als arglos Hedonist gezeichneter Siegfried-Figur in keinerlei Übereinstimmung oder produktiven Kontrast zu setzen ist, wirkt es unangenehm voyeuristisch. Eine echte Thrillerszene, die einem in dieser Ausführlichkeit auch im Thriller aufdringlich vorkommt.

Viele kleine Einfälle später – darunter als Tiefpunkt: Ross Grane in Menschengestalt, halbherzig mit Sadomaso-Ausstattung (das Publikum kichert zu Recht) – eine ziemlich hilflose Götterdämmerung mit wackelnden Säulen, echtem Feuer und einem vor dem Wotan-W niedergehenden Vorhang. Die Schlussidee: Brünnhilde gibt den Ring nicht den lauernden Rheintöchtern zurück, sondern einem Knaben, der ihn ins Publikum weiterreicht. Kurios.

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