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Goethe, Philipp Büttner, im Werther-Look, Lotte, Abla Alaoui, im Brautkleid.
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Goethe, Philipp Büttner, im Werther-Look, Lotte, Abla Alaoui, im Brautkleid.

Festspiele Hersfeld

„Goethe!“ und „Club der toten Dichter“: Wie man im Leben glücklich werden kann, vielleicht

  • Judith von Sternburg
    VonJudith von Sternburg
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„Goethe!“ und „Der Club der toten Dichter“: Höchst lebendige Bad Hersfelder Festspiele zeigen junge Männer auf der Suche.

In Frankfurt weiß man natürlich, dass Goethe „jung, sexy, wild“ war, bevor er berühmt wurde und etwas zunahm. Und andererseits doch jung, sexy, wild blieb, auf seine Weise. Jung, sexy, wild zu sein – eine Formulierung aus dem Hersfelder Programmheft, denn in Frankfurt würde man es wohl trotzdem nicht so sagen –, brachte ihn vor mehr als zehn Jahren ins Genre des Romantikfilms, Philipp Stölzls „Goethe!“, aus dem jetzt ein Musical wurde. Der Goethe in „Goethe!“ liegt zwischen dem Genialischen von Mozart in „Amadeus“ und dem Totalverliebten von Shakespeare in „Shakespeare in Love“.

Wie Shakespeare in „Shakespeare in Love“ sieht Philipp Büttner auch aus, eine ausgezeichnete Wahl. In der mitreißenden Eröffnungsnummer, die ihn als Bummelstudenten in Straßburg zeigt, ist es vielleicht noch etwas schwer, den Musicalschwung in dem Nachnamen „Goethe“ voll zu erfassen. „Wie fiel ihm das nur ein, das muss ein Wahnsinniger sein, Goethe! Goethe! Goethe!“ Das „Goethe! Goethe! Goethe!“ fliegt einem aber dann so oft um die Ohren, dass man sich daran gewöhnt. Das „ö“ ist ein Laut mit Pep.

Auch der Abend ist ein Abend mit Pep, aber so liebevoll gestaltet, wie Pep es verdient und selten bekommt. Zu oft verlässt man sich auf den Pep allein, den die Musik von Martin Lingnau auch bietet. Dazu die lebenszugewandten Drauflos-Songtexte von Frank Ramond und das Buch von Gil Mehmert, der auch Regie führt in der – 2020 durch die Pandemie verhinderten – Uraufführung bei den Bad Hersfelder Festspielen.

Das klassisch besetzte, elektronisch angereicherte kleine Orchester, geleitet von Christoph Wohlleben, sitzt in einem Graben vor der Bühne, auf der Pep nun in höchst lebhafte Bilder übersetzt wird. Jens Kilian zeigt ein Theater auf dem Theater, das in der Stiftsruine stimmungsvoll wie in wilder Natur steht und einen Rahmen für intimere Szenen bietet. Auch wird hier Marionettentheater mit echten Menschen gespielt, später Papierfigurentheater in Lebensgröße. Die Ideen sind den Gestaltern nicht ausgegangen.

Der Scherenschnitt ist ein zentrales Mittel, macht aus Fahrrädern Reittiere – „Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!“ –, aus Tänzern Bäume, und eine Kutsche steht auf diese Weise auch immer bereit. Aktenordner wandeln sich zu Vögelchen. In den Kostümen (Claudio Pohle) von Goethe und Lotte blitzt der Jeanslook von überübermorgen auf. Man glaubt Abla Alaoui die reizende große Schwester aufs Wort, der das Brot im Ofen anbrennt, während Goethe ihr den ersten Besuch abstattet. Denn Mehmert und Stölzl betreiben eine vergnügte und gescheite Geschichtsklitterung, aber Klitterung ist es dennoch. Abiturientinnen und Abiturienten sind hiermit gewarnt.

Überraschend individuell sind die Choreografien von Kim Duddy, zu denen eine gewitzt stupide Wetzlarer Akten-Abstaub-und-Umsortier-Nummer und moderne Gesellschaftstänze gehören (ein bisschen im Geiste von „Babylon Berlin“, 150 Jahre früher). Fabelhaft auch die Jagd-Szene, in der Goethe ein sympathisch schwacher Schütze ist, während das Kollektiv den Übergang vom Rehlein-Schießen zum Frauen-Verführen auch in seiner Gewalttätigkeit sowie in seinem gewalttätigen Potenzial tanzend und singend auslotet. Anführer ist hier Lottes Zukünftiger, Kestner, Christoph Messner – „Goethe!“ changiert zwischen den „Leiden des jungen Werthers“ und Goethes eigenen Wetzlar-Erlebnissen, inklusive der Begegnung mit dem unglücklichen Suizidenten aus Liebe, Karl Wilhelm Jerusalem (Thomas Hohler). Faustisches, vor allem Mephistophelisches darf bereits hineinragen.

Er wird es überleben

Der junge Goethe selbst wird in die Film- und Musicaltradition des vom Vater gegängelten Nichtsnutzes eingepasst, der seinerseits auf Linie gebracht werden soll. Vergebens. Der Gipfel ist ein fiktives Duell mit Kestner. Faszinierend wiederum, wie sehr „Goethe!“ dem Liebesschmerz zum Trotz in eine Feier des Lebens mündet. Mögen andere (Jerusalem) auf der Strecke bleiben, der Dichter wird es überleben. Das ist nicht forciert, das ist Goethe, dessen „Werther“-Text am Ende auf einem riesigen Laken, eben noch Teil von Lottes Brautkleid, erscheint. Das Leben ausschöpfen, damit das nächste Werk entsteht. Erschrecken wir darüber? Nicht heute Abend.

Einem Abend, der zugleich wie eine Fortsetzung der Eröffnungspremiere erscheinen konnte: „Der Club der toten Dichter“ ist in einer Inszenierung von Intendant Joern Hinkel ebenfalls als Uraufführung zu sehen. Auch dies eine Adaption – des erfolgreichen 80er-Jahre-Filmdrehbuchs von Tom Schulman, der offenbar nach Kräften dazu überredet werden musste. Und auch hier geht es darum, mithilfe der Dichtung den eigenen Weg zu finden, schwieriger als für Goethe gewiss für die Schüler an der konservativen amerikanischen Schule. Das sind bloß Jungs wie du und ich, die aber dort dem originellen Lehrer Robin Williams, nein, John Keating begegnen. Götz Schubert spielt ihn in Hersfeld, der Robin Williams glücklicherweise kein Stück gleicht und der Rolle seine eigene herb-nüchterne Note gibt.

Man kann Keatings Lehrmethoden ja skeptisch gegenüberstehen, ohne ein Philister zu sein. Der Befehl, gefälligst frei zu leben und zu denken, stellt gewissermaßen seinerseits eine Machtausübung dar. Schuberts Keating wahrt aber ohnehin Distanz, das ist überzeugend und gibt der getreulich an der Vorlage bleibenden Inszenierung eine eigene Note.

Die rührendsten Szenen sind entsprechend zudem die, die die Schüler unter sich zeigen, in der Höhle, die sich im Bühnenboden klappen lässt. Jens Kilian ist auch hier eine elegante, dazu praktikable Kulisse geglückt, indem sich etwa das Klassenzimmer flugs aus der großen Treppe herausschieben lässt. Wie in „Goethe!“ wird die Stiftsruine nicht verdeckt, sondern in Szene gesetzt.

Strömender Regen am ersten, novembrigen Abend, die Brutalität des Freilichtgeschäfts - Teile der Bühne sind nicht überdacht - wurde mit Nonchalance und Selbstironie bewältigt. Zur Eröffnung der 70. Festspiele gehörten davor sehr viele Reden, die im Duktus teils gut zu der anschließend präsentierten Schulwelt passten. Gemerkt fürs Leben haben wir uns nur, dass die Ministerin für Justiz, Verbraucherschutz, Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Christine Lambrecht, augenscheinlich davon ausging, dass die Maskenpflicht in der Stiftsruine nicht für Politikerinnen gilt. Ist es kleinlich, darauf hinzuweisen (eine Zuschauerin raffte sich nach einer Weile auf)? Nicht, wenn vorher die Worte so groß waren und so lange gedauert haben. Nicht, wenn hier die Festspiele selbst alles, wirklich alles geben, damit es läuft und gut wird.

Bad Hersfelder Festspiele in der Stiftsruine: Vorstellungen bis 8. August. www.bad-hersfelder-festspiele.de

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